Morning Briefing 2. Januar Von der Vokabel Verantwortung

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
das Wort der letzten Tage des alten und der ersten Tage des neuen Jahres heißt: „Verantwortung“. Ausgiebig sprach der Bundespräsident davon, und die Kanzlerin konkretisierte es als „Achtung vor dem anderen“ sowie als „Zusammenhalt“. Wenn so oft von „Verantwortung“ geredet wird, hören wir insgeheim „Risiken“. Von Risiken einer erschütterten Welt. Von Aggression, Vereinzelung, Nationalismus, Ungleichheit. Von Problemen also, die nur durch die Kombination, nicht durch die Konfrontation von Elite und Volk lösbar sind. Das Modewort hierzu heißt „Verantwortungspartnerschaft“ – ohne dass sich im Übrigen schon eine neue Bundesregierung eingestellt hätte.

Der Siemens-Chef kann sich 70 Prozent Gewinnsteuer für Hedgefonds vorstellen. Quelle: AP
Joe Kaeser

Der Siemens-Chef kann sich 70 Prozent Gewinnsteuer für Hedgefonds vorstellen.

(Foto: AP)

Zu den Apologeten einer Verantwortungsgesellschaft gehört Joe Kaeser. Womöglich herausgefordert durch Proteste gegen Werksschließungen in Ostdeutschland hat der Siemens-Chef jetzt vorgeschlagen, dass Firmen mit wenig Mitarbeitern mehr Steuern zahlen sollten als solche, die einen hohen Personalstand haben (wie Siemens). Konkret könnte sich der Manager sogar 70 Prozent Gewinnsteuer für Hedgefonds vorstellen, die mit ihrem Kurzzeit-Aktivismus in Volkswirtschaften einfallen, aber keine nachhaltige Beschäftigung sichern. „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun“, wusste Molière, „sondern auch für das, was wir nicht tun.“

Irans Präsident wird zum Verhängnis, dass die versprochene wirtschaftliche Erstarkung auf sich warten lässt. Quelle: dpa
Hassan Rohani

Irans Präsident wird zum Verhängnis, dass die versprochene wirtschaftliche Erstarkung auf sich warten lässt.

(Foto: dpa)

An einer sozialen Balance zwischen Elite und Volk fehlt es erkennbar im Iran, wo die landesweiten Protestaktionen nun schon in den sechsten Tag gehen. Es gab bisher mindestens zwölf Tote, darunter ein Polizist. Die undurchsichtige Lage spielt all jenen Ayatollahs in die Hände, die das Land am liebsten Khomeini-gerecht als Gottesstaat führen wollen, und sie bedroht die kleinen Freiheiten, die der Präsident Hassan Rohani gewährte. Ihm wird zum Verhängnis, dass die versprochene wirtschaftliche Erstarkung und damit der Abbau der Arbeitslosigkeit auf sich warten lassen.

Dass Deutschland über Obergrenzen streitet statt ein modernes Einwanderungsgesetz zu schaffen, rächt sich jetzt.
Schlagbaum

Dass Deutschland über Obergrenzen streitet statt ein modernes Einwanderungsgesetz zu schaffen, rächt sich jetzt.

Deutschland hat da ganz andere Probleme: 1,1 Millionen Mitarbeiter werden in der Wirtschaft gesucht. Der Fachkräftemangel greift um sich. Allein bei den 30 Dax-Konzernen gibt es derzeit 20.000 offene Stellen. Besonders begehrt sind Mechatroniker, Mathematiker, Ökonomen und IT-Experten, wie unsere Titelgeschichte analysiert. Jetzt rächt sich, dass Deutschland jahrelang über Obergrenzen streitet, es aber versäumt hat, ein modernes Einwanderungsgesetz zu schaffen.

Twitterte sperrte den Account der AfD-Politikerin wegen fremdenfeindlicher Äußerungen. Quelle: dpa
Beatrix von Storch

Twitterte sperrte den Account der AfD-Politikerin wegen fremdenfeindlicher Äußerungen.

(Foto: dpa)

In ihrem Kampf gegen Fremdländisches hat sich die AfD-Politikerin Beatrix von Storch erkennbar verrannt. Nachdem die Kölner Polizei in mehreren Sprachen ein frohes Jahr und eine friedliche Silvesterfeier gewünscht hatte, twitterte die Bundestagsabgeordnete: „Was zur Hölle ist in diesem Land los? Wieso twittert eine offizielle Polizeiseite aus NRW auf Arabisch? Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?“ Die Polizei erstattet Strafanzeige wegen Volksverhetzung, Twitter verhängt eine Storch-Sperre. Auch das ist eine Silvesterbilanz.

Die Schauspielerin setzt sich für die Gleichberechtigung weiblicher Darsteller in Hollywood ein. Quelle: AP
Reese Witherspoon

Die Schauspielerin setzt sich für die Gleichberechtigung weiblicher Darsteller in Hollywood ein.

(Foto: AP)

Im Hollywood der Post-Weinstein-Ära wollen 300 Frauen künftig für bessere Verhältnisse sorgen. Die von ihnen gebildete Gruppe – darunter die Stars Reese Witherspoon und Eva Longoria – startete jetzt ihre Initiative „Time's Up“. Ein Fonds mit 13 Millionen Dollar soll benachteiligten Frauen helfen, es gibt eine Kampagne für Gleichberechtigung in den Filmstudios und auch eine sehr plakative Forderung: Frauen sollen vor der Verleihung der „Golden Globes“ in Schwarz über den roten Teppich laufen.

Der Komponist schuf mit „White House Cantata“ eine Abrechnung mit Watergate und Trump-Idol Nixon. Quelle: AP
Leonard Bernstein

Der Komponist schuf mit „White House Cantata“ eine Abrechnung mit Watergate und Trump-Idol Nixon.

(Foto: AP)

Natürlich fehlte auch um den Jahreswechsel herum der unvermeidliche Donald Trump nicht, der diesmal in rüden Worten das Land Pakistan beschuldigte. Die vielleicht beste Antwort auf den allgegenwärtigen Trumpismus gab an Silvester der große Sir Simon Rattle, scheidender Dirigent der Berliner Philharmoniker. Er ließ beim Festkonzert mit Verweis auf das „political animal“ Leonard Bernstein aus dessen „White House Cantata“ – einer alten Abrechnung mit Watergate und Trump-Idol Nixon – den Song „Take Care of This House“ spielen. „If bandits break in sound the alarm“, heißt es im Werk des US-Komponisten, und: „For this house it's the home of us all.“ Soviel zum Thema Verantwortung.

Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in das Jahr 2018, voller Engagement, voller Hoffnung und natürlich voller Erfolg. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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