Morning Briefing 2. Juli Seehofers Gorilla-Phase

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die Gorilla-Phase des Horst Seehofer hat in der Nacht zum Montag ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Der Mann, der am Mittwoch 69 wird, hat den CSU-Gremien seinen Rücktritt als Parteichef und Bundesinnenminister angeboten – wenn es an diesem Montag beim Asyl-Krisengespräch zwischen CSU und CDU keine Bewegung gebe. Mit unaufhörlichem Brustklopfen, in der Verhaltensbiologie als Imponierverhalten gedeutet, hat er erst die CDU, dann die Gemäßigten seiner CSU nachhaltig verschreckt. Auch der europäische Asyl-Kompromiss, den Angela Merkel nun vorzeigen kann, stimmt Seehofer nicht gemäßigt. Egal, was passieren wird, er hinterlässt Chaos und ein Wort: „wirkungsgleich“.

Quelle: dpa
Seehofer hat seinen Rücktritt von beiden Ämtern angeboten - und ist kurz darauf zurückgerudert.

Der Streitsonntag der Union, mit stundenlangen Sitzungen der Spitzen von CDU und CSU, hatte sich bis tief in die Nacht fortgesetzt. Seehofers Rücktritt wurde immer wieder angekündigt, nicht verkündet. Da vertagte sich der CDU-Vorstand, der sich hinter Parteichefin Merkel und gegen die Krawallerie der CSU gestellt hat, auf heute Morgen. Im Nachhinein wirkt Seehofer wie der 100-Tage-Frondeur der Bundesregierung, getrieben vom Intimfeind Markus Söder, gefangen in der manischen Forderung, bereits in der EU registrierte Asylbewerber an der Grenze zurückzuweisen. Aber nicht mal das Österreich des neuen CSU-Idols Sebastian Kurz ist bereit, Geflüchtete zurückzunehmen.

„Kreuth“ ist für die einen ein Zauber-, für die anderen ein Schreckenswort. In dem oberbayerischen Wildbad hatte Franz Josef Strauß 1976 die Auflösung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU betreiben lassen. Ein Hauch von Kreuth liegt nun über der deutschen Politik. Aber selbst der glühende Strauß-Junkie Söder, der sich ein Poster des CSU-Herakles ins Jugendzimmer hängte, sollte vielleicht einmal genau analysieren, warum die Aktion Kreuth damals nach nur drei Wochen beendet war.

Quelle: dpa
Martin Herrenknecht: „Wer sich als Führungsmannschaft in einer so diffizilen Situation derart präsentiert, verspielt massiv politisches Vertrauen.“

Die deutsche Wirtschaft, die auf offene Grenzen und auf Europa angewiesen ist, weiß im Gegensatz zu den Wildschützen der CSU offenbar genau, worum es geht. Die Wortmeldungen ihrer Verantwortlichen gleichen zunehmend Not-Appellen. Die Spitzen der Union dürften ihre Gemeinschaft „nicht an der Asylpolitik auseinanderbrechen lassen“, warnt CDU-Wirtschaftsratspräsident Werner Bahlsen. Und Unternehmer-Ikone Martin Herrenknecht moniert: „Wer sich als Führungsmannschaft in einer so diffizilen Situation derart präsentiert, verspielt massiv politisches Vertrauen. In Deutschland und in Europa.“

Die Vernunft sitzt in diesen turbulenten Tagen da, wo man Aktiva und Passiva genau kennt. Der diskrete Charme einer Bilanz kontrastiert mit dem in die Irre laufenden Wettbewerb der Anti-Merkelianer, die aus Angst vor der AfD deren Geschäft betreiben. Alexander Gauland und Alice Weidel fühlen sich der CSU schon sehr nah. Und der unbefangene Bürger liest die Live-Ticker eines „Politkrimis“ und hat nur eine Frage: Wie diese nach vielen Schmerzen gebildete Bundesregierung eigentlich in den Arbeitsmodus kommen will.

Quelle: dpa
Donald Trump greift die EU wiederholt scharf an.

Zur Grundstimmung der politischen Eskalation gehört nach wie vor der tägliche Affront des Donald Trump. „Die Europäische Union ist so schlimm wie China“, urteilt der US-Präsident. Gegen seine geplanten Autozölle macht die EU-Kommission nun mobil. Die würden „erneut gegen internationales Recht verstoßen“, es sei daher ein „realistisches Szenario“, dass die betroffenen EU-Länder ihrerseits US-Exporte im Wert von bis 294 Milliarden Dollar mit höheren Einfuhrzöllen belegen würden, heißt es in einem internen Papier. Man wünscht den Kontrahenten die Einsicht eines Sokrates: „Ich bin weder Athener noch Grieche, sondern ein Bürger der Welt.“

Wenn Politik eher Probleme schafft als Lösungen, welche Rolle kann Kunst da spielen? Und wie wirkt Digitalisierung auf sie? Schließlich: Was macht die Kunst des Sammelns aus? Darüber möchte ich am Mittwochabend mit der Sammlerin Julia Stoschek in Düsseldorf in ihrer Collection sprechen. Wer dabei sein will, schickt einfach eine Mail (jakobs@morningbriefing.de). Für Interessenten habe ich zwei Karten zurückgelegt. Wie immer: Das Los entscheidet.
Ich wünsche Ihnen einen produktiven Start in die Woche. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor.

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1 Kommentar zu "Morning Briefing 2. Juli: Seehofers Gorilla-Phase"

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  • Guten Morgen,
    wo finde ich denn den Kommentar zum Thema Social Meda, der in diesem Morning-Briefing angesprochen wurde?

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