Morning Briefing 5. Februar Das weiße Kaninchen

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
der Finanzplan für die laufende Legislaturperiode sieht Ausgaben von märchenhaften 1,392 Billionen Euro vor. Das aber reicht CDU, CSU und SPD nicht aus, weshalb man sich in den Koalitionsgesprächen darauf verständigt hat, noch einmal zweistellige Milliardenbeträge draufzupacken.

Der Bürger könnte die Illusion bald durchschauen.

Der brave Bürger sollte die in ihm aufsteigende Vorfreude dennoch drosseln. Denn: Sobald die Regierung ihm eine Verrechnung seiner Ein- und Auszahlungen vorlegen würde, könnte er den Illusionscharakter der Veranstaltung mühelos durchschauen. Das weiße Kaninchen, das die Politiker ihm aus dem Hut zaubern, hat er selbst hineingesteckt.

Quelle: Stone/Getty Images
Abgastests mit Affen stürzen Volkswagen in einer neue große Krise.
(Foto: Stone/Getty Images)

Die öffentliche Erregung über die gleichermaßen mutwilligen wie unnötigen Tierversuche der Autoindustrie zeigt den Stimmungswandel. Das Milliardengeschäft mit dem Leiden von Mäusen, Kaninchen, Hunden und Affen – obwohl größtenteils vom Staat vorgeschrieben und seit jeher von Pharma- und Rüstungsindustrie betrieben – wird von einer in Bewegung geratenen Gesellschaft in neuem Licht gesehen. Die Gleichgültigkeit ist der Anteilnahme gewichen. Wer Schöpfung sagt, meint nicht mehr nur sich. Der Zweck heiligt die Mittel, hieß es früher immer; aber vielleicht ist ja schon der Zweck nur von scheinheiliger Natur. Unsere heutige Titelgeschichte bietet auf mehreren Doppelseiten präzise Aufklärung - und fragt nach Alternativen.

Die US-Bank JP Morgan schaffte im Jahr 2017 einen Nettogewinn von 24,4 Milliarden Dollar. Derselbe Zeitraum endete für die Deutsche Bank mit einer halben Milliarde Euro Verlust. Auch weil dem Management eine Milliarde Euro als Boni ausgezahlt werden soll. Begründung: Sonst verliert die Bank ihre Leistungsträger an die Konkurrenz.

Quelle: dpa
Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner sollte mit den richtigen Leuten nachsichtig sein.

Der Aufsichtsrat sollte in dieser Woche nicht nur die Boni-Auszahlung, sondern vor allem das Argument überdenken: Denn die Prämien wirken wie ein Konservierungsmittel für Verhältnisse, die in Wahrheit nach Veränderung verlangen. Vielleicht gehen bei einer Boni-Verweigerung sogar freiwillig jene „Leistungserbringer“, die seit drei Jahren gar keine vorzeigbare Leistung erbringen. Der Aufsichtsrat sollte das bisher Undenkbare denken: Womöglich sind nicht Filialleiter, Kreditsachbearbeiter und Anlageberater der Bank für den Niedergang verantwortlich, sondern die zwölf Mitglieder des Management-Boards, deren Strategie international dadurch auffällt, dass sie partout nicht aufgehen will. Aufsichtsratschef Paul Achleitner sollte in 2018 weiterhin nachsichtig sein, aber vielleicht diesmal mit den richtigen Leuten. Oder wie sich Napoleon Bonaparte ausdrückte: „Es gibt keine schlechten Mannschaften. Es gibt nur schlechte Offiziere.“

Quelle: AFP
Daimler-Chef Dieter Zetsche kann den zusätzlichen Investor gut gebrauchen.
(Foto: AFP)

Bei Daimler in Stuttgart freut man sich über die eigene Rekordbilanz und ist dennoch in Sorge. Der Grund: Im Silicon Valley sind strategische Rivalen am Werk, die über ausreichend Mut und Milliarden verfügen, um die hiesige Autoindustrie zu disruptieren. Dieter Zetsche ist daher nicht abgeneigt, dass sich der Auto-Konzern Geely aus China mit drei bis fünf Prozent am Stuttgarter Unternehmen beteiligt. Zetsche hat sich nach Informationen unserer Zeitung bereits mit Geely-Gründer und Multimilliardär Li Shu Fu (Volvo, Lotus u. a.) getroffen. Die Symmetrien mit den weltgeschichtlichen Umstürzen sind deutlich erkennbar: Die deutsche Selbstständigkeit wird womöglich dadurch gewahrt, dass man sie Stück für Stück aufgibt. Auf die beschleunigte Globalisierung von Märkten, Belegschaften und Lieferketten folgt die (weitere) Globalisierung der Eigentümerstruktur.

Quelle: dpa
Der HRI-Präsident Bert Rürup blickt optimistisch in die Zukunft.

Optimismus steckt an: Das HDE-Konsumbarometer, das vom Handelsblatt Research Institute für den Einzelhandelsverband berechnet wird, schnellte im Februar auf 101,02 Zähler in die Höhe. Die Konjunkturerwartungen der Verbraucher kletterten auf ein Sieben-Monats-Hoch. „Es spricht viel dafür, dass 2018 abermals ein Rekordjahr für den Handel wird“, prophezeit der HRI-Präsident und Ex-Chef der Wirtschaftsweisen Bert Rürup. Wir lernen: Was früher für die Menschen der Sternendeuter war, ist für uns Heutige Bert Rürup – mit dem einen Unterschied: Er fühlt die Zukunft nicht nur, er berechnet sie auch.

Quelle: AFP
An diesem Montag wird das Ergebnis der Abstimmung verkündet.
(Foto: AFP)

Schicksalstag für Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger: Die Abstimmung über den Tarifvertrag zur Fusion mit der indischen Tata ist am Wochenende zu Ende gegangen. Rund 20.000 Mitglieder der IG Metall waren aufgerufen. Das Ergebnis soll an diesem Montagnachmittag in Düsseldorf verkündet werden. Sollte sich nur einer der zwölf beteiligten Thyssen-Krupp-Standorte gegen den nach wochenlangen Verhandlungen erzielten Kompromiss entscheiden, hat die IG Metall Widerstand gegen die Fusion angekündigt. Doch das Schicksal der Stahlarbeiter wird mit Köpfchen entschieden, nicht mit geballter Faust. Der internationale Verbund bedroht die Menschen an Rhein und Ruhr nicht, sondern rettet sie. Ohne Anschluss an die Welt wird das Revier zum Reservat. Und den Stahlarbeitern würde es nicht besser gehen als den Indianern: Große Geschichte, keine Zukunft. Stolz ist kein Geschäftsmodell.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in die neue Woche. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Herausgeber

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