Morning Briefing 6. Juli Bayerischer Bettvorleger

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

nach Rücktrittsdrohungen und Verbalentgleisungen ist CSU-Chef Seehofer wieder auf dem harten Boden der Realität gelandet. Nach dem Treffen mit Österreichs Kanzler Sebastian Kurz musste der Innenminister einräumen, dass man zu den geplanten Transitzentren und Rücknahmeabkommen von Flüchtlingen noch keine Ergebnisse verkünden könne. Kleinlaut schob Seehofer die Lösung der Probleme auf die Kanzlerin ab. Wegen der Komplexität müssten wohl die europäischen Regierungschefs die Themen fixieren, befand Seehofer. Politik ist eben doch mehr als tägliche Provokation. Da ist einer ganz offensichtlich als bayerischer Löwe gesprungen und als Bettvorleger gelandet.

Quelle: dpa
Bundeskanzlerin Merkel und Victor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, bei einer Pressekonferenz.

Auf erheblichen Widerstand stieß der Asylkompromiss gestern auch beim Treffen von Kanzlerin Merkel mit Ungarns Regierungschef Orbán. Der Merkel-Kritiker denkt gar nicht daran, Flüchtlinge in seinem Land aufzunehmen. Europäische Solidarität ist dem Mann ein Fremdwort. Sollten Merkel und Seehofer nicht bald mehr Unterstützung in Europa bekommen, könnte sich der mühsam gefundene Asylkompromiss in Luft auflösen. Statt wirkungsgleich wäre das Ergebnis wirkungslos.

Einen Mitspieler hat die Union gestern Abend überzeugen können: Der Koalitionspartner SPD hat dem Asylpaket mit ein paar Nachbesserungen zugestimmt. Unter anderem sollen die Transitzentren nun Transferzentren heißen. Auch soll schneller als gedacht in Deutschland ein Einwanderungsgesetz für Fachkräfte verabschiedet werden. Das ist sogar ein sinnvoller Vorschlag der Großen Koalition.

Quelle: dpa
Konrad Adenauer war von 1949 bis 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Nach Ansicht der Bevölkerung hat der Asylstreit das Ansehen der Bundesregierung schwer beschädigt. Laut einer Umfrage von Infratest dimap sind 78 Prozent gar nicht oder weniger zufrieden mit der Arbeit des Kabinetts von Kanzlerin Merkel. Im Vergleich zum Juni ein Plus von 15 Prozentpunkten. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Die Bürger erwarten von den politischen Eliten ernste Diskussionen und keine Provokationen, tragbare Ergebnisse und keine Scheinlösungen. CDU und CSU sollten sich dringend an die Mahnung von Konrad Adenauer erinnern: „Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst.“

Dass an der Börse Hoffnungen gehandelt werden, ist gestern erneut eindrucksvoll bewiesen worden. Ein Bericht des Handelsblatts, wonach die US-Regierung unter bestimmten Bedingungen bereit ist, die Autozölle in Amerika und Europa vollständig abzuschaffen, hat ein Kursfeuerwerk an der Börse ausgelöst. Die Aktien der deutschen Autohersteller schossen um rund vier Prozent in die Höhe. Kanzlerin Merkel reagierte ebenfalls auf die Handelsblatt-Recherche und sagte, sie könne sich Zollsenkungen gut vorstellen, man müsse aber „mit allen Ländern, mit denen wir den Automobilhandel haben“, sprechen. Vielleicht ist die Hoffnung der Börse tatsächlich berechtigt.

Quelle: Reuters
Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger hat seinen Rücktritt angekündigt.

Nach Börsenschluss sorgte eine andere Nachricht für reichlich Unruhe: Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger hat völlig überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Und das wenige Tage nach der Stahlfusion mit Tata. Offenbar fehlte dem Konzernchef zuletzt die Unterstützung des Aufsichtsrats für die weitere Entwicklung des Unternehmens. Mit dem Abgang des erfolgreichen Sanierers Hiesinger steht der Dax-Konzern vor einer ungewissen Zukunft. Aufsichtsratschef Ulrich Lehner muss sich fragen, warum er diese Führungskrise nicht verhindern konnte. Auf die Antwort – wenn es denn eine gibt – kann man gespannt sein.

Attentate auf Manager sind in Deutschland selten – zum Glück. Umso größer war der Schock über das Säureattentat auf den Innogy-Manager Bernhard Günther Anfang März in Haan bei Düsseldorf. Mittlerweile ist der 51-jährige CFO wieder zurück im Job – gekennzeichnet von dem Anschlag, aber voller Leidenschaft. Mit meinem Kollegen Jürgen Flauger sprach er erstmals über das Attentat, die Schmerzen und seine neue Einstellung zum Leben. Günthers Mut ist eindrucksvoll, seine Zuversicht bewundernswert.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames und sonniges Wochenende.
Herzliche Grüße
Ihr

Sven Afhüppe
Chefredakteur

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