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Morning Briefing Abgesang auf den börsengetriebenen Kapitalismus

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

ein Wetterleuchten ist über dem Kapitalismus zu sehen: Die Philosophie des so puren wie primitiven Shareholder-Values bestimmt nicht länger das Handeln der wichtigsten US-Konzerne. In einer spektakulären Erklärung von 181 CEOs, vereint an einem „Business Roundtable“, wird vielmehr ein neuer „Purpose“ betont: Man wolle sich nun genauso um Konsumenten, Arbeitnehmer, Lieferanten und die Gesellschaft kümmern, also um „Stakeholder“. Das bisherige System beglückt Investoren und bestraft sozial Schwache. „Der Amerikanische Traum lebt, aber franst aus“, warnt Jamie Dimon, Chef von J.P. Morgan und des „Business Roundtable“. Dem gehören auch Größen wie Jeff Bezos (Amazon), Mary Barra (General Motors) oder Tim Cook (Apple) an.

Quelle: dpa
In den vergangenen Monaten hat der US-Präsident mehrfach die Fed für ihre Geldpolitik kritisiert.

Donald Trumps Vorschläge, mit denen er die Schäden seiner eigenen Muskelschau-Handelspolitik ausgleichen will, werden immer radikaler. So ist nun im Weißen Haus eine temporäre Lohnsteuersenkung in der Diskussion, berichtet die „Washington Post“. Nach der breiten Steuergeschenkwelle aus Trumps anfänglicher Präsidentenzeit sollen erneut Konjunktur-Impulse erzeugt werden. Mit dem Plan dürften die oppositionellen Demokraten wenig anfangen können, schließlich werden aus der Lohnsteuer zum Beispiel Medicare und Sozialausgaben finanziert. Daneben fordert Trump von der Notenbank Fed deutlichere Zinssenkungen. Klare Diagnose: Angst vor Rezession macht ruhelos.

Eine römische Redeschlacht erwartet heute der Senat, das Land Italien und Europa. Am Nachmittag bilanziert Premier Giuseppe Conte 14 Monate Regierung. 14 Monate, die Innenminister Matteo Salvini mit dem Monothema Migration zum Medienstar machten. 14 Monate, die seine Lega größer und am Ende auch größenwahnsinnig machten. Tritt Conte zurück? Kommt es zum Misstrauensvotum? Nach ihm spricht Salvini, der sich intensiv auf eine seiner Rustikalreden vorbereitet hat. Und auch Matteo Renzi von der sozialdemokratischen PD meldet sich, es könnte zur Allianz mit der bisherigen Hauptregierungspartei “Fünf Sterne“ kommen. Publizist Massimiliano Lenzi jedenfalls hat aktuell das richtige Buch herausgebracht: „Der Fall der Matteos“.

Am 20. September entscheidet das „Klimakabinett“ in Berlin über neue Umweltschutz-Maßnahmen. Da will sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vorher einbringen und legt nun ein Papier zu Preisen für CO2 vor. Die Verfasser lehnen es ab, kurzfristig Verkehr und Gebäude in den europäischen Handel mit Verschmutzungsrechten einzubeziehen; das könne „nicht kalkulierbare Risiken“ für Firmen der Sektoren Energie und Industrie bedeuten, heißt es in unserer Titelstory. Grundsätzliches kommt von BDI-Hauptgeschäftsführer-Vize Holger Lösch: „Klimaschutz ist nur durch Investitionen und Innovationen leistbar und braucht keine Verzichtskultur.“ Ein Lob dieser Politik wird für die Grünen verzichtbar sein.

Ein sehr lesenswertes Interview findet sich in der Mitte unserer heutigen Ausgabe. Edith Kindermann, 57, spricht zur Rolle als neue Präsidentin des Deutschen Anwaltsvereins. Sie ist die erste Frau im Amt. Einst habe sie sich den Beruf der Anwältin gar nicht vorstellen können, „die Selbstdarstellung lag mir fern“, sagt sie. Kindermann beschreibt eine Zunft, in der Frauen wie Männer aus Angst vor Stress immer seltener Partner in einer Kanzlei werden, das weibliche Geschlecht aber insgesamt klar diskriminiert wird. Geholfen habe ihr persönlich der Karate-Sport, erzählt die Anwaltsvereins-Chefin noch: „Im Beruf sind viele Situationen wie Showgeschäft, aufgeblasene Nummern.“

Quelle: dpa
Der Bundeswirtschaftsminister spricht sich für ein Gemeinschaftsunternehmen von Zollern und Miba aus.

Dem eigenen Mantra von den „nationalen Champions“, die nun zu bilden seien, bleibt Peter Altmaier treu. Der Wirtschaftsminister genehmigt nach langer Bedenkzeit per Sondererlaubnis eine Fusion im Mittelstand – zwischen den Gleitlagerspezialisten Zollern und Miba. Bundeskartellamt und Monopolkommission hatten sich dagegen ausgesprochen. Es gebe besondere Gemeinwohlgründe, argumentiert Altmaier, zum Beispiel zur Erreichung der Energiewende. Im Handelsblatt-Interview hatte Zollern-Eigentümer Ludwig Merckle zuvor Druck gemacht: Der Minister könne beweisen, dass es ihm ernst damit sei, „die Wettbewerbsfähigkeit der Mittelständler zu erhöhen.“

In Hongkong haben sich Facebook und Twitter zu Sondermaßnahmen entschlossen. Eine von der Volksrepublik China unterstützte Social-Media-Kampagne habe die Demonstrationen unterminieren wollen. Twitter identifizierte 900 Accounts, die Zwietracht stiften wollten, etwa mit Fake-Stories oder Vergleichen der Aufständischen mit IS-Terroristen. Facebook entdeckte wiederum ein Dutzend damit verbundene eigene Nutzer. Die fraglichen Propaganda-Konten wurden gesperrt. „Ein Mensch“, schrieb Albert Camus, „ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.“

Und dann ist da noch der Sand von Sardinien, heiliges Kulturgut der italienischen Mittelmeerinsel. Die Grenzpolizei fand jetzt 14 große Plastikflaschen mit dem feinen Sand des Chia Strands im Auto eines französischen Paares, das mit der Fähre nach Toulon übersetzen wollte. Nun werden die beiden aus der „Grande Nation“ des Diebstahls von 40 Kilogramm Sand beschuldigt, den sie als „Souvenir“ in ihre Heimat mitnehmen wollten. Sogar bis zu sechs Jahre Gefängnis sind in solchen Fällen möglich. Es ist ja auch einfach zu viel passiert – die Polizei spricht von einem „Boom“ bei der verbotenen Ausfuhr von Sand, Muscheln, Kieselsteinen und anderen Strandobjekten.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Tag, auch wenn Sie nicht gerade auf einer Strandliege in den Himmel schauen können. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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