Morning Briefing: Abgewählt: Sanna Marin verliert in Finnland
Abgewählt: Sanna Marin verliert in Finnland
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die Leserinnen und Leser des Handelsblatt Morning Briefings waren seit Freitag vorgewarnt: Es zeichnete sich ab, dass die Parlamentswahl in Finnland kein Selbstläufer werden würde für die im Ausland so populäre Premierministerin Sanna Marin.
Am gestrigen Wahlabend bestätigte sich diese Prognose. Nach der Auszählung fast aller Stimmen hat sich die liberal-konservative „Nationale Sammlungspartei“ zum Sieger ausgerufen. Sie lag gestern Abend mit 20,8 Prozent vorn. Die rechtspopulistische Partei „Die Finnen“ kam auf 20,1 Prozent, die regierenden Sozialdemokraten von Ministerpräsidentin Sanna Marin landeten mit 19,9 Prozent auf dem dritten Platz.
Marin räumte ihre Wahlniederlage ein. Allein kann allerdings keine der drei großen Parteien regieren. Sammlungspartei-Spitzenkandidat Petteri Orpo sagte vor Anhängern seiner Partei: „Auf Grundlage dieses Ergebnisses werden Gespräche über die Bildung einer neuen Regierung unter Führung der Nationalen Sammlungspartei initiiert.“
Nach diesem leicht untereuphorischen Zitat des Wahlsiegers zu urteilen muss wohl etwas dran sein an dem Vorurteil, dass der Finne nicht unbedingt zu Gefühlsausbrüchen neigt. Weitere
Wahlergebnisse vom Sonntag:
- In Bulgarien ist der pro-westliche Reformblock PP-DB ersten Prognosen zufolge als stärkste Kraft aus der Parlamentswahl hervorgegangen. Wem das Ergebnis nicht gefällt, muss sich vermutlich nicht lange grämen – es war bereits die fünfte Wahl in Bulgarien innerhalb von zwei Jahren.
- Der Kandidat der neuen Partei „Europa Jetzt!“, Jakov Milatovic, hat die Stichwahl ums Präsidentenamt in Montenegro klar gewonnen. Er schlug Amtsinhaber Milo Djukanovic, der die Politik in Montenegro seit 33 Jahren als Präsident oder Ministerpräsident dominiert. Verglichen damit ist Angela Merkel eine politische Eintagsfliege.
Beide Parteien erzielten am Sonntagabend auch eine Einigung über die Ressortverteilung. Die CDU stellt demnach mit Kai Wegner künftig den Regierenden Bürgermeister. Amtsinhaberin Franziska Giffey tritt in die zweite Reihe zurück und wird voraussichtlich einen der fünf Senatorenposten übernehmen, die der SPD zufallen sollen: Inneres, Wohnen und Bauen, Arbeit und Soziales, Wirtschaft sowie Gesundheit und Wissenschaft.
Sind es die Vorboten einer neuen Finanzkrise? Oder nur unvermeidliche Anpassungsschmerzen, weil nach einem Ausnahmejahrzehnt des billigen Geldes die Zinsen wieder auf Normalmaß steigen? Fest steht: Quer über den Kontinent geraten immer mehr Immobilienbesitzer in Not.
In Schweden können bereits vier Prozent aller Eigentümer ihre Kredite nicht mehr bedienen. Der Chef der schwedischen Finanzaufsicht Daniel Barr spricht von einem „nie da gewesenen finanziellen Druck auf die Haushalte“. Eine steigende Ausfallquote bei Immobilienkrediten setzt die Hauspreise unter Druck und hätte Auswirkungen auf den Bankensektor – Immobilienkredite sind ein wichtiges Geschäft der Institute.
In Deutschland sind laut des Immobilienvermittlers McMakler die Preise für Wohnimmobilien im ersten Quartal um 6,2 Prozent im Vorjahresvergleich zurückgegangen. Patrik-Ludwig Hantzsch von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform prognostiziert, dass auch hierzulande mittelfristig mehr Wohnungen oder Häuser zwangsversteigert werden: „Die deutlich höhere Zinslast für Anschlusskredite wird insbesondere die Verbraucher treffen, die beim Kreditabschluss in einer Niedrigzinsphase knapp kalkuliert haben. Und das sind nicht wenige.“
Allerdings: Durch eine Besonderheit sind Immobilienkäufer in Deutschland vergleichsweise gut gegen steigende Zinsen abgesichert. Der Anteil der Hypothekenkredite mit variablem Zinssatz – konkret mit einer Zinsbindung von weniger als einem Jahr – ist in Deutschland vergleichsweise gering. Wer nicht gerade jetzt refinanzieren oder verkaufen muss, kann steigende Zinsen und sinkende Immobilienpreise gelassen aussitzen.
Saudi-Arabien und mehrere andere große Ölproduzenten haben am Sonntag überraschend eine Kürzung ihrer Ölfördermengen um insgesamt 1,15 Millionen Barrel täglich angekündigt.
Der Schritt soll ab Mai bis Ende des Jahres gelten und könnte die Ölpreise weltweit nach oben treiben. Höhere Ölpreise würden es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zudem leichter machen, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.
Was hätte der 2013 verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt wohl zum Ukrainekrieg und zum Streit ums russische Öl gesagt? Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es wissen will. Politisches Kabarett empfinde ich als schwieriges Genre: Die Scherze mit den immergleichen Zutaten (Geld regiert die Welt, Politiker sind prinzipienlos, wer links ist hat Recht) wirken auf mich oft altbacken und sauertöpfisch. Aber natürlich fand auch ich es schade, dass Hildebrandts Heimatbühne, die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, vor kurzem Insolvenz anmelden musste.
Nun will ein neu gegründeter Verein unter dem Vorsitz des Münchner Ex-Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD) die Lach- und Schießgesellschaft retten. Der Verein „Die Laden-Hüter“ sei am vergangenen Freitag gegründet worden und wolle nun Förderer finden, sagte Ude am Sonntag.
Ich hatte schon einige Male das Vergnügen, Ude bei öffentlichen Auftritten reden zu hören, und versichere Ihnen: Der Mann ist lustiger als jeder Kabarettist. Wenn er es mit der Rettung ernst meint, sollte sich Ude selbst auf die Bühne der Lach- und Schießgesellschaft stellen.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem nicht wieder alles an Ihnen hängenbleibt.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Kaum war die aktuelle Version von ChatGPT am 30. November freigeschaltet, löste das Programm eine Debatte über Künstliche Intelligenz (KI) aus. Fest steht: KI-Anwendungen werden die Arbeitswelt – vor allem Wissensberufe – gravierend verändern.
Aber das ist nicht die einzige Auswirkung: Am 3. April geht es im Handelsblatt Livestream von Investment Live um die Folgen von KI für Finanzmärkte und Geldanlage. Ab 17:30 Uhr sprechen der Chefanlagestratege der Deutschen Bank, Ulrich Stephan, und die KI-Expertin Vanessa Just über dieses Thema. Melden Sie sich jetzt kostenfrei an und senden Sie uns Ihre Fragen rund um das Themen Geldanlage und Künstliche Intelligenz: www.handelsblatt.com/investmentlive.