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Morning BriefingAm Ende: Das Aus für die Gasumlage zeichnet sich ab

Hans-Jürgen Jakobs 20.09.2022 - 06:10 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

man konnte schon immer den Eindruck haben, dass die Energiehandelsfirma Uniper zwar große Probleme hat, andererseits aber das staatliche Füllhorn über dem Pleitekandidaten etwas zu ungestüm ausgeschüttet wird. Denn die Bundesregierung als Reparaturbetrieb kapitalistischer Schäden entschloss sich, Anteile zu kaufen, Kredite zu finanzieren und auch noch eine Gasumlage für Kunden zu beschließen, die in der Hauptsache der noch mehrheitlich zum finnischen Staatskonzern Fortum gehörenden Uniper SE genutzt hätte.

Nun stellt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die stümperhaft vorbereitete, unpopuläre Gasumlage ganz in Frage, verbreitet das ARD-Hauptstadtstudio. Sollte es zur mehrheitlichen Verstaatlichung des Gasversorgers kommen, solle die Gasumlage am besten durch umfassende Staatshilfen abgelöst werden, habe der Grünen-Politiker intern erklärt. Sein Abrücken von der Gasumlage begründete Habeck demnach auch mit „finanzverfassungsrechtlichen Zweifeln“.

Niedersächsische Bürger könnte die Nachricht bei der anstehenden Landtagswahl glatt von Frustpräferenzen abhalten. Die permanenten Kurskorrekturen kommentiert Andreas Jung, energiepolitischer Sprecher der Unions-Fraktion, etwas unbarmherzig: „Bei der Ampel geht es drunter und drüber.“

Die mögliche Wahl der postfaschistischen Politikerin Georgia Meloni, 45, am Sonntag zur Ministerpräsidentin Italiens, verschreckt viele in Europa. Nicht aber Andrea Orcel, Chef der Mailänder Großbank Unicredit. „Wir glauben an Italien“, sagt er im Handelsblatt-Interview, „das politische Risiko wird überschätzt.“ Vielen sei ja nicht klar: „Wenn Italien fällt, dann fällt Europa.“

Foto: Marc-Steffen Unger

Die Hälfte der römischen Staatschulden läge in den Händen italienischer Bürger und Institutionen, beruhigt Orcel. Er lobt dann noch das beste Ergebnis der Münchener Tochter Hypovereinsbank seit zehn Jahren und umkurvt geschickt jedes Dementi zu einem Kauf der Commerzbank in Frankfurt. „Niemand kann in der gegenwärtigen Situation Prognosen abgeben, aber ich kann Ihnen sagen, dass wir uns darauf konzentrieren, unseren Marktanteil in Deutschland aufzubauen“, dichtete Orcel. Fusionen und Übernahmen könnten ein „Beschleuniger“ sein. Gegner eines solchen Deals könnten dieses Statement als Brandbeschleuniger werten.

Aus Christian Lindners Idee, Gespräche über ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa (TTIP) wieder aufzunehmen, wird wohl nichts. Die US-Handelsbeauftragte Katherine Tai sagt im Handelsblatt-Interview, der Geist aus TTIP sei im neuen Handels- und Technologierat (TTC) zwischen den beiden Partnern verkörpert.

Washington will Abstimmungen in Einzelfragen, aber keinen großen Deal wie bei TTIP. Tai, deren chinesische Eltern über Taiwan in die USA gezogen waren, erklärte auch: „Die Version der Globalisierung, die wir zu entwickeln versuchen, räumt auf mit der Idee, dass mehr Handel notwendigerweise besser für alle ist.“

Diese neue Form lege den Schwerpunkt vielmehr auf Widerstandsfähigkeit und nicht nur auf Effizienz. Effizienz meint hier, den letzten Dollar aus Liefermonopolen herauszuquetschen, von denen man sich dann abhängig macht.

Aufmerksam dürfte registriert werden, dass sich Deutschlands größter Autovermieter Sixt schon bald von Benzin und Diesel verabschieden will. „Bis Ende des Jahrzehnts wollen wir 70 bis 90 Prozent unserer Flotte in Europa auf elektrifizierte Fahrzeuge umgestellt haben“, sagte CEO Alexander Sixt meinem Kollegen Markus Fasse. Man stecke 50 Millionen Euro in den Ausbau eines eigenen Ladenetzes, vor allem die Vermietstationen an Flughäfen und in Innenstädten sollen Schnelllader bekommenen – Sixt will das Laden für den Kunden übernehmen.

Nötig ist das alles. Als ich vor einem Jahr per E-Auto von Sixt von Berlin nach Hamburg fahren wollte, stellte ich kurz vor der Stadtgrenze fest, dass die Batterie eben doch nicht wie versprochen ausreichend geladen war. Eine Sixt-Station in Wedding zeigte sich mit dem Problem überfordert, sodass der Weg zurück in die Innenstadt führte, wo der Renault Zoe gegen einen Benziner getauscht wurde – und ich mit anderthalb Stunden Verspätung losfuhr. Aber: Ex-Vorstandschef Erich Sixt bekannte übrigens noch 2018, nicht an E-Autos zu glauben: „Elektroautos sind aus vielfältigen Gründen ein katastrophaler Fehler.“

So ein Morning Briefing zu schreiben ist Nachtarbeit, aber vermutlich sind dabei nicht alle Gedanken so golden wie die Kurse des Deutschen Aktienindex (Dax), die sich dank der Wall Street in dieser dunklen Zeit tendenziell erfreulich entwickeln. Der Vermögensverwalter HQ Trust aus dem Hause der Familie Harald Quandt hat eine aufschlussreiche vergleichende Rechnung aufgemacht.

  • Investor eins kauft den Dax zum Jahresbeginn und verkauft zum Jahresschluss. Rendite in den vergangenen 30 Jahren: 8,8 Prozent.
  • Investor zwei, Typ „Tagesinvestor“, steigt morgens um neun Uhr auf der Handelsplattform Xetra ein und verkauft täglich um 17.30 Uhr zum Schlusskurs. Resultat: jährlich 3,6 Prozent Verlust.
  • Schließlich Investor drei, der „Nachtinvestor“. Er kauft am späten Nachmittag zum Dax-Schlusskurs und verkauft am Folgetag um neun Uhr in der Früh zum Eröffnungskurs. Auf diese Art hätte er tatsächlich 10,2 Prozent Gewinn gemacht.

Was daraus nun konkret für den Anleger folgt, legen wir in einem Report dar. Kleiner Tipp für Mutige, die Herrn „Nachtinvestor“ kopieren wollen: Die Rechnung ist ohne Gebühren, und die können je nach depotführender Bank sehr unterschiedlich ausfallen.

Steigende Inflation, eine Neubesinnung auf fossile Energien aufgrund des Ukrainekriegs und der wachsende Widerstand republikanischer Bundesstaaten in den USA: Klimaziele hatten es in der globalen Wirtschaft schon mal einfacher. Der weltgrößte Staatsfonds, Norges Bank Investment aus Norwegen (verwaltetes Vermögen: 1,2 Billionen Dollar), bricht nun öffentlich noch einmal eine Lanze für nachhaltiges Investment, wie es in ESG-Regeln festgehalten ist.

Nicolai Tangen, Chef des Ölfonds aus Oslo, erklärt in der „Financial Times“, man sehe in einigen Gegenden Amerikas einen Rückschlag für solche Themen. Es sei aber selbst in volatilen Zeiten der Wirtschaft und der Finanzmärkte „relevanter denn je, den Schwerpunkt auf diese extrem wichtigen Themen zu richten“.

Als Investor könne man da nicht entweichen, so Tangen: „Wenn ein Teil des eigenen Portfolios verschmutzt und die Umwelt zerstört, wird man auch in einem anderen Teil des Portfolios getroffen.“

Foto: IMAGO/ZUMA Press

Und dann ist da noch der Digitalkonzern Apple, der sich in den „Streamingwars“ für seine Tochter Apple TV+ etwas Besonderes zurechtgelegt hatte: den Film „Emancipation“, eine Geschichte um einen entlaufenen Südstaatensklaven, der dann mit den Nordstaaten kämpft. Hollywood-Star Will Smith bekam die Hauptrolle, und alle sagten: Was soll da schon kommerziell schief geschehen? Nun, die Hand kann ausrutschen. Der Kassengarant schlug bei der diesjährigen Oscar-Verleihung auf offener Bühne den Comedian Chris Rock, der Smiths Frau beleidigt hatte, und wurde danach für zehn Jahre von allen Oscar-Verleihungen ausgeschlossen.

Netflix legte sofort zwei Projekte mit dem Star auf Eis – und Apple sinniert seit Monaten über das Problem, was es jetzt mit dem fertigen Film, der 120 Millionen Dollar kostete und bei Probeaufführungen sehr gut ankam, machen soll. Offenbar nimmt der Konzern „Emancipation“ nicht für die nächste Oscar-Kampagne (könnte ein Schlag ins eigene Gesicht sein), sondern bringt den Film erst 2023 ins Kino und auf die eigene Streamingplattform. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Oscar verleiht, will vom Thema „Will Smith und die Ohrfeige“ jedenfalls erst einmal nichts mehr hören.

Es kommentiert Thomas Paine, einer der Gründerväter der USA: „Haltung lässt sich leichter bewahren als wiedergewinnen.“
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, an dem Sie Haltung zeigen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

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Hans-Jürgen Jakobs

PS: Warum frackt Deutschland nicht einfach sein eigenes Gas? Ist das zu gefährlich? Könnte Schiefergas überhaupt kurzfristig Linderung schaffen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und Online.
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