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Morning Briefing Briten im Schockzustand

07.04.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die dunkle Meldung über das Coronavirus in Großbritannien betrifft den Premier selbst: Der infizierte Boris Johnson ist nach einer Verschlechterung seines Zustands auf die Intensivstation verlegt worden – in die Nähe von Beatmungsgeräten, für alle Fälle. Am Sonntag war der 55-Jährige ins Krankenhaus gekommen; Außenminister Dominic Raab vertritt ihn nun in allen wichtigen Fragen. Das Königreich ist im Schock vereint. Die ermunternde Meldung über das Coronavirus kommt von Bhasha Mukherjee, einer angehenden Ärztin, die ihre medizinische Karriere unterbrach, nachdem sie „Miss England 2019“ wurde und Charity-Aufgaben übernahm. Nun ist die 24-Jährige auf die Insel zurückgekehrt, um wieder in ihrem alten Pilgrim Hospital im ostenglischen Boston zu arbeiten. In dieser Lage wolle sie ihre Krone absetzen, sagt sie. Noch sitzt Miss England nach der Anreise aus Indien in Quarantäne.

Quelle: Reuters
Der Präsident der Europäischen Investitionsbank, Werner Hoyer, warnt: „Die EU steht auf dem Spiel“.

Als mehr Europa gebraucht wurde, in den bitteren Tagen der Flüchtlingsdramen und der Pandemie, wirkte die EU wie ein Sitzriese im Zustand einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das Wort von der „größten Bewährungsprobe“ wurde zum rhetorischen Standardmodul – ähnlich wie die Weisheit, dass im Chinesischen das Schriftzeichen für Krise auch für Chance steht. Heute wollen die EU-Finanzminister den müden Eindruck mit der Ankündigung eines strammen Kreditprogramms von bis zu 540 Milliarden Euro verjagen – ein Plan für Europa, wie wir titeln. Es gibt für Notleidende 240 Milliarden vom Euro-Rettungsschirm ESM, 100 Milliarden von der EU für Kurzabeitergeld sowie 200 Milliarden von der Europäischen Investitionsbank, deren Präsident Werner Hoyer zurecht warnt: „Die EU steht auf dem Spiel.“

So wird es also heute sein wie immer: Die Europäische Union, gerade noch vom Kettensägenmassaker bedroht, findet einen Kompromiss, der dann bis zur nächsten Existenzkrise hält. Der Streit über Euro-Anleihen, die Frankreich im Hader mit seinem Bündnisgenossen Deutschland fordert, wird in die Zeit nach der Coronakrise verschoben, also in den Herbst. Dann soll es ein Wiederaufbauprogramm geben, einen „Marshall Plan“ als Ode an die Freude, der nach Meinung des Élysée sowie der Regierungen in Madrid und Rom finanziert werden soll über... – aber das wissen Sie ja schon.

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    Ein Kredit, für den der Staat ohne Lastenteilung mit einer Bank voll haftet, ist verführerisch für all jene Untoten der Wirtschaft, die sich hier bedienen können wie der Hungrige am freien Buffett. „Moral Hazard“ ist das Hauptproblem des neuen Schnellkreditprogramms, mit dem Olaf Scholz und Peter Altmaier alle Mittelständler in Corona-Not aufpäppeln wollen – bis zur Obergrenze von jeweils 800.000 Euro. Dass die Klientel des Plisch-und-Plum-Pärchens der Politik seit 2019 aktiv und zudem rentabel sein muss, dürfte wohl kaum als starker Schutzwall gegen das Ausfallrisiko dienen. Die EU-Kommission hat die neue Causa Staatswirtschaft nach dem Beihilferecht genehmigt, den 600-Milliarden-Fonds des Bundes für größere Unternehmen prüft sie noch.

    Quelle: AFP
    Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von einer „Säule der Eigenfertigung“.
    (Foto: AFP)

    Zu den umkämpftesten Gütern dieser Tage gehören nicht mehr irgendwelche Patente oder Lizenzen, sondern simple Ausrüstungsgegenstände. Die exzessive Nachfrage nach Atemmasken, Schutzanzügen und Handschuhen hat auf der Erdkugel zu krummsten Beschaffungsdeals geführt. Während Bundesländer und Kassenärztliche Vereinigungen auf dem Weltmarkt weiter intensiv nach den raren Medizinalartikeln fahnden, hat die Regierung in Berlin beschlossen, die heimische Maskenproduktion anzukurbeln. Von einer „Säule der Eigenfertigung“ spricht Kanzlerin Angela Merkel – sie gilt als Voraussetzung zur Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Anders als Österreichs Kanzler will sich Merkel aber nicht auf irgendwelche Ankündigungen einlassen.

    Etwas historisch Ungeheueres plant Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase: Erstmals könnte bei seinem Institut die Dividende ausfallen, wenn die Coronakrise eine scharfe Rezession hervorrufe, kündigt er an. JP Morgan sei nicht immun gegen diesen Abschwung. Die deutschen Autokonzerne BMW, Daimler und Volkswagen sind dagegen gänzlich immun gegen solche Verzichtsanwandlungen. Sie schlagen ihren Aktionären unverändert eine schöne Ausschüttung vor, während andererseits für große Kohorten von Mitarbeitern staatlich unterstützte Kurzarbeit beantragt wird. Was der SPD-Politiker Carsten Schneider „die hässliche Fratze des Kapitalismus“ nennt, ist für Daimler ein Liebesgruß in Not: Der Konzern muss seine vielen Kleinaktionäre bei Laune halten, da ein Ankeraktionär fehlt - noch.

    Quelle: Action Images via Reuters
    Trainer von FC Liverpool Trainers Jürgen Klopp
    (Foto: Action Images via Reuters)

    Eine solche „kapitalistische Fratze“ mag auch der FC Liverpool nicht bieten, Fußball-Ikone einer Arbeiterstadt. Der Verein wollte zahlreiche Mitarbeiter in den Zwangsurlaub schicken und sich 80 Prozent der Löhne vom Staat bezahlen lassen – was auf der Insel moralische Empörungswellen auslöste, da die Mannschaft selbst, eine Elf der Millionäre, auf keinen einzigen Penny verzichten wollte. Nun hat der Klub des deutschen Trainers Jürgen Klopp den Spielzug rückgängig gemacht und sich entschuldigt. „Wir glauben“, schrieb Klubchef Peter Moore den Fans, „dass wir letzte Woche zum falschen Schluss gekommen sind.“ Man sagt dazu Eigentor.

    Goldman Sachs ist so etwas wie die Edeladresse der Hochfinanz. Ein wenig klebrig aber ist das jüngste, eher unfreiwillig eingegangene Engagement der Meister aus Manhattan. Die Investmentbank zieht vertragsgemäß alle Aktien von Lu Zhengyao, dem Chairman der Skandalklitsche Luckin Coffee, als Sicherheit ein. Der große Lu-Plan, Starbucks in China zu ersetzen, hatte sich rasch als großer Windbeutel herausgestellt: Vergangene Woche musste das an der Wall Street notierte Unternehmen zugeben, Umsätze manipuliert zu haben. Kreditgeber Goldman Sachs will nun mit einem Wiederverkauf der Aktien eigene Verluste begrenzen, was die Anleger aber womöglich nicht die Bohne interessiert.

    Und dann ist da noch das 1756 gegründete Familienunternehmen Haniel, das sich in der Coronakrise als – nicht ganz selbstloser – Helfer von „Mittelständlern in Not“ profiliert. Das jedenfalls verkündet Thomas Schmidt, der neue Chef des Duisburger Unternehmens, das 4,5 Milliarden Euro umsetzt. Seinen vielen Beteiligungen hat der 48-jährige Manager jüngst ein Matratzen-Start-up namens Emma beigefügt, das die Traditionsmarke Dunlopillo übernommen hat und in 21 Ländern aktiv ist. Haniel hält dort 50,1 Prozent. Solche Deals sollen Schmidts Unternehmen stimulieren, das 2019 seinen knapp 700 Gesellschaftern einen um 13 Prozent gesunkenen Betriebsgewinn präsentierte. In Sachen Emma fällt uns Charles Baudelaire ein: „Das Leben ist ein Hospital, in dem jeder sein Bett wechseln möchte.“

    Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag. Falls Sie Pausen im Homeoffice mit Frühjahrsputzaktionen gegen Corona nutzen wollen, sollte vielleicht Besseres im Repertoire sein. Das helfe nicht gegen das Virus, verkündete Virologe Christian Drosten jetzt in seinem Podcast. Es lohne nicht, „im Haushalt alle möglichen Oberflächen mit Desinfektionsmittel zu bearbeiten“, dessen sei er sich „fast sicher“.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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