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Morning Briefing Das gefühlte Sicherheitsproblem

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

nach dem erschütternden Gleis-Mord von Frankfurt diskutiert das Land stärker über Sicherheit als über Freiheit. Die Zahlen für Gewalt- und Straßenkriminalität mögen insgesamt sinken, das Gefühl der Verunsicherung aber steigt. Innenminister Horst Seehofer (CSU), der für eine Pressekonferenz den Urlaub unterbrach, benennt ein ganzes Spektrum an Schutzmaßnahmen: Zutrittsschranken für Bahnsteige, Videoüberwachung, mehr Polizeipräsenz. Tatsächlich ist im Vergleich zum Fliegen das Trend-Fortbewegungsmittel Bahnfahren derzeit erstaunlich unbewacht. Seehofer benennt auch „intelligente Grenzkontrollen“, wohl eine Art Profiler auf bayerisch: „Erfahrene Grenzbeamte wissen schon, wen sie kontrollieren müssen.“

Als erster namhafter Politiker zieht Robert Habeck Konsequenzen aus dem gestrigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das eine Europäische Bankenunion grundsätzlich akzeptiert („bei strikter Auslegung“ aller Verträge). Neben Bankenaufsicht und Regeln zur Abwicklung maroder Geldinstitute „brauchen wir eine europäische Einlagensicherung und einen Abwicklungsfonds, damit nicht wieder der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird“, erklärte der Grünen-Chef in der „Süddeutschen Zeitung“. Der Finanzsektor sei global, da könne Finanzregulierung nicht national sein. Die konservative Antwort darauf wird nicht lange auf sich warten lassen.

Quelle: AFP
Seit der britische Premierminister Boris Johnson im Amt ist, fällt das Pfund immer weiter.
(Foto: AFP)

Weiter im freien Fall ist das englische Pfund (1,09 Euro); es trudelt der Eins-zu-Eins-Parität zum Euro entgegen. Für Touristen wird ein Ausflug nach London so zum Preishit, der den Ärger über politische Murksereien kompensiert. Kurzum: Hier wirkt der „BoJo“-Faktor zum der Start des neuen britischen Premiers Boris Johnson. Der Mann predigt einen EU-Austritt ohne Deal, ein Eiferer als Charaktermaske; der aber bei einer ersten Rundreise weder in Schottland noch in Wales Fragen zum drohenden Wirtschafts-GAU beantworten konnte. Die Schotten schätzen zudem die eigene Unabhängigkeit, frei nach ihrer einstigen Königin Maria Stuart: „In my end is my beginning.“

Kleine, billigere, weniger umweltschädliche Airbus-Maschinen gegen große, teure, emissionsreiche Exemplare – diesen Tausch nimmt die französisch-holländische Flugfirma Air France-KLM vor. Sie bestellt 60 Exemplare des Jets A220-300 (Option auf weitere 60) und mustert andererseits die überdimensionierten Langstreckenmaschinen (A380) aus. Kürzlich hatte KLM-Chef Pieter Elbers sogar in einem an die Kunden adressierten Werbevideo einen Auftritt als Klimaschützer: „Könnten Sie nicht auch mit dem Zug fahren?“

Wenn sich Probleme auftürmen, haben in Firmen die Kassenverwalter das Sagen. „Cash is King“ lautet die Formel gegen den Muskelschwund an Liquidität. Doch in der Autoindustrie ist King Cash in den Urlaub gegangen. Eine schlechte Zahlungsmoral verschärft die Lage, beschreibt unsere Titelstory. „Die Kunden zahlen später“, offenbart ein Sprecher des schwäbischen Zulieferers Dürr, der derzeit um Mitarbeiter des Böblinger Anlagenbauers Eisenmann wirbt. Dieses Familienunternehmen ist insolvent, 3000 Jobs stehen auf dem Spiel. Jeder weiß: Weil die weltweite Autoproduktion um vier Prozent zurückgeht, kommt die Krise auch im Muster-„Ländle“ der Hidden Champions an.

Dass die Börsen in ihrer derzeit notorischen Boom-Haftigkeit das größte Potemkinsche Dorf der Ökonomie sind, wird einem beim Lesen des Leitartikels von Ulf Sommer klar. Er beschreibt, wie trotz trüber Lage und noch trüberer Aussichten die Kurse steigen und steigen, weil Konzerne ihre eigenen Aktien kaufen. Ein gefährliches Doping mit Eigenblut. Für andere wiederum ist die Aktie in Zeiten festbetonierter Niedrigstzinsen ein Fluchtpunkt – neben Gold und Anleihen großer Staaten. „Börseneinbrüche drohen, wenn die schwächere Konjunktur die Konzerngewinne nachhaltig schmälert, sodass weniger Geld für den Erwerb eigener Aktien bleibt“, folgert Kollege Sommer. So war es 2008 in den USA. Die Folgen?

Quelle: AP
Mit dem „Concorde Agreement“ sollen Formel-1-Rennen, wie hier in Hockenheim, spannender werden.
(Foto: AP)

Die Formel 1 plant eine Revolution: US-Eigentümer Liberty Media will Ende Oktober mit den Teams und dem Verband ein neues „Concorde Agreement“ beschließen: Es macht die Autorennen spannender und kostengünstiger. Durch die Stärkung kleinerer Teams soll die Dominanz von Mercedes, Ferrari und Red Bull enden. Und: Neue Geschäfte werden erschlossen, die aktuellen Verluste sollen bald schwinden. „Wir sind sehr glücklich damit, ein irgendwie anachronistisches Businessmodell in ein Unternehmen des 21. Jahrhunderts zu entwickeln“, sagte mir Co-Chef Sean Bratches jüngst beim Grand Prix in Hockenheim. Im Hintergrund heulten die Boliden. Die Sonntagsstunde im Motodrom war auch eine Abrechnung mit dem greisen Ex-Chef Bernie Ecclestone.

Und dann ist da noch die italienische Modefirma Gucci, wichtigste Tochter des Pariser Kering-Konzerns, die nun eine Chefin für Diversität eingestellt hat – als Vorsichtsmaßnahme, nachdem sich Kritik an angeblich rassistisch und religiös aufgeladenen Designs angehäuft hatte. Es ging um einen Winter-Sweater, der schleierartig die Hälfte des Gesichts verbirgt oder eine Kopfbedeckung im Turban-Stil. Nun soll Renée Tirado, einst Chief Diversity and Inclusion Officer in Amerikas Major League Baseball, von New York aus Gucci vor solchen Verirrungen schützen. Sie glaubt, Mode könne ein „Vordenker“ sein, der alle Industrien beeinflusse – wenn man es denn gut mache.

Ich wünsche Ihnen einen durch und durch stilsicheren Tag, und wahrscheinlich finden Sie auch Jean Paul gut: „Ich möchte noch heute den Totenschädel des Mannes streicheln, der die Ferien erfunden hat.“ Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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