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Morning Briefing Der Fall George Floyd: Die fünf Irrtümer der USA

02.06.2020 - 06:25 Uhr 5 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

es sind 8 Minuten und 46 Sekunden, die die USA verändern. 8 Minuten und 46 Sekunden, in denen zu sehen ist, wie vier Polizeibeamte einen Afroamerikaner in Minneapolis malträtieren. 8 Minuten und 46 Sekunden, die den Todeskampf des George Floyd dokumentieren, per Smartphone von mehreren Umstehenden festgehalten, von der „New York Times“ zu einem Kurzfilm des Grauens kompiliert. Sein „I can’t breathe“ ist so etwas wie der Kurztext zum Aufruhr.

Eine Autopsie des Opfers, von seiner Familie beauftragt, ergab gestern Abend: „Erstickung aufgrund von Nacken- und Rückenkompression.“ Das Gehirn sei nicht mehr mit Blut versorgt, die Atmung erschwert worden. Der Tod des George Floyd ist seit Tagen Grund wütender Proteste in den USA, er sorgte gestern Nacht in New York und vielen anderen US-Metropolen für Ausgangssperren – und legt die Irrtümer einer Weltmacht im Taumel frei.

Quelle: dpa
Martin Luther King Jr. winkt Demonstranten vor der Lincoln-Gedächtnisstätte in Washington zu.

Irrtum 1: Eine wirtschaftliche Superpower kann sich starke soziale Ungleichheit leisten, ja, sie gehört sogar zum Wesen einer Aufstiegsgesellschaft. Schon die Gefahren des Coronavirus, das vor allem in ärmeren Vierteln von Großstädten wie New York, Detroit oder Chicago wütete, zeigte die Gefahren der Ungleichheit für die Gesellschaft auf. Und nun illustriert der zum Teil in Gewaltorgien abdriftende Floyd-Protest die soziale Frage und die Rassendiskriminierung wie seit den Tagen von Malcolm X, Black Panther und der Ermordung Martin Luther Kings nicht mehr. Während Donald Trump die teils ebenfalls gewalttätigen Proteste in Hongkong als Freiheitskampf gegen die Volksrepublik China lobt, sieht er bei den Unruhen im eigenen Land Linksradikale am Werk, die er als Terroristen einstuft.

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    Irrtum 2: Die amerikanische Nation ist so stark, dass auch ein schwacher Präsident nichts ausmacht. Gerade in Ausnahmesituationen wie nach der Marter von Minneapolis wäre ein besonnener, ausgleichender, deeskalierender Regierungschef gefragt. In Washington aber sitzt Donald Trump, der laut „Washington Post“ 19.127 falsche oder irreführende Aussagen in 1226 Tagen machte und am Samstag aufgrund der Proteste vor dem Weißen Haus für kurze Zeit in den Bunker ging. Und der am Montag schließlich die Gouverneure per Telefonkonferenz zu knallhartem Durchgreifen aufgefordert hat; sie müssten die Lage „dominieren“.

    Später bezeichnete er sich als „Law-and-Order-Präsidenten“. Die Antwort von Houstons Polizeichef Art Acevedo: „Bitte, wenn Sie nichts Konstruktives zu sagen haben, halten Sie den Mund.“ Er sei besorgt, sagt mir der bekannte australische Politikprofessor John Keane, dass durch Trump „einige Elemente des Despotismus bereits in den USA institutionalisiert“ seien.

    Irrtum 3: Kunst, die den Missstand der Rassendiskriminierung aufgreift, bleibt folgenlos. Es sind vielmehr Filme wie etwa von Meisterregisseur Spike Lee, die die Erinnerung an Polizeipraktiken wie „neck restraint“ (das Fixieren des Halses per Knie) hochhielten, zum Beispiel in „Do The Right Thing“ (1989). Am Sonntag veröffentlichte Lee den Kurzfilm „3 Brothers“ mit solchen Gewaltszenen.

    Die Atmosphäre latenter Aggression, die jederzeit ausbrechen kann, gab vor einigen Monaten auch der US-Film „Queen & Slim“ wieder – ein Roadmovie über ein junges afroamerikanisches Paar, das unschuldig in einen tödlichen Streit mit einem weißen Polizisten verwickelt wird und am Ende nach einer Verfolgungsjagd von einem Großbataillon der Ordnungshüter regelrecht hingerichtet wird. Zeit für das schönste Martin-Luther-King-Zitat: „Der alte Grundsatz ,Auge um Auge‘ macht schließlich alle blind.“

    Quelle: AFP
    Eine SpaceX-Falcon-9-Rakete mit der „Crew Dragon“-Raumkapsel
    (Foto: AFP)

    Irrtum 4: Der Patriotismus der großen Tat macht Krawall an der Basis vergessen. Eigens nach Cape Canaveral war Donald Trump gereist, um den ersten Start eines Raumschiffs von amerikanischem Boden aus seit 2011 zu akklamieren. Aber auch das erfolgreiche Andocken an die Raumstation ISS am Sonntag und der Triumph des SpaceX-Eigentümers Elon Musk („hoffentlich der erste Schritt auf dem Weg zu einer Zivilisation auf dem Mars“) sorgen nicht für einen überwölbenden Stolz dieser großen, aber gespaltenen Nation, weil der öffentliche Tod des George Floyd noch um einige Einheiten dramatischer erscheint als das Projekt Mars. Das eigentlich Wichtige sagt der Sohn des Getöteten: Er bittet die Protestierenden, auf Gewalt zu verzichten. Das sei im Sinne seines Vaters.

    Irrtum 5: Die amerikanische Wirtschaft verhält sich stumm und loyal bei politischen Konflikten. Das ist diesmal anders. Mark Mason, Finanzvorstand der Großbank Citi, schreibt, die Tötung von Floyd und andere ähnliche Fälle zeigten, „welchen Gefahren Schwarze wie ich ausgesetzt sind, wenn wir unserem täglichen Leben nachgehen“. Auch AT&T, Starbucks, JP Morgan, Reebok, Nike und Netflix („Still zu bleiben heißt, Komplize zu sein“) haben die Brutalität der Polizei verurteilt. Twitter markierte einen Tweet Trumps als gewaltverherrlichend, der davon handelte, dass dem Plündern die Schüsse folgen würden. Weil Facebook-Chef Mark Zuckerberg den Spruch online ließ, protestiert seine Belegschaft. „Dem Aufruf zur Gewalt eine Plattform zu geben und Desinformation zu verbreiten, ist inakzeptabel, egal wer du bist“, erklärt ihm einer seiner Top-Manager.

    In Berlin klappert heute wieder die schwarz-rote Mühle der Koalitionsparteien am rauschenden Bach namens „Corona“. Einig sind sich Union und SPD über die Notwendigkeit eines großen Konjunkturprogramms (bislang addiert sich die Wunschliste auf mindestens 80 Milliarden Euro), zerstritten aber ist man über die Art der Hilfe. Das verleiht dem für 14 Uhr angesetzten Koalitionsausschuss Würze, aber sicher nicht Kürze. So wollen die Sozialdemokraten notleidende Kommunen auch von Altschulden befreien. Der Regierungspartner jedoch will, dass der Bund mehr Hartz-IV-Kosten und kommunale Investitionen übernimmt sowie zusammen mit den Ländern auf deren Anteil an der Gewerbesteuerumlage verzichtet.

    Kompliziert wird es bei Kaufprämien für Autos, wo die Grenzen quer durch die Parteilinien laufen. Die SPD will zum Beispiel nur E-Autos fördern, CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier dagegen wie SPD-Ministerpräsident Stephan Weil auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, was ihm zum neuen Darling der Autokonzerne macht.

    Im Feuerwehreinsatz ist der 74-jährige Manager Peter Harf für die deutsche Investorenfamilie Reimann, die zu den wohlhabendsten ihrer Art gehört. Der Troubleshooter brachte am vergangenen Freitag erst den Kaffeekonzern JDE Peet‘s an die Amsterdamer Börse und spielte so 2,25 Milliarden Euro ein, was die Schulden der Clan-Holding JAB reduzierte. Dann, am Montag, verkündete Senior Harf überraschend, dass er als CEO höchstpersönlich die Sanierung des Kosmetikkonzerns Coty übernehme, worüber neben den Reimanns auch die überall auftauchenden Private-Equity-Pfadfinder von KKR wachen – die Amerikaner investieren eine Milliarde Dollar und halten jetzt 17 Prozent. JAB glaube an das Geschäft und an die Menschen von Coty, erklärt Harf meiner Kollegin Katrin Terpitz im Interview: „Als Model Kate Moss wegen Drogenkonsums in die Medien kam, haben wir ihr die Hand gehalten, statt sie zu verurteilen und zu verbannen.“

    Harald Krüger wird Senior Advisor bei kanadischem Pensionsfonds CPPIB Quelle: AFP
    Harald Krüger

    Von 2015 bis 2019 stand der 54-Jährige an der Spitze von BMW.

    (Foto: AFP)

    Und dann ist da noch der bei BMW als Vorstandschef ziemlich hässlich wegintrigierte Harald Krüger, der mit 54 Jahren einen Neustart als Multi-Ratgeber hinlegt. So ist er nun Senior Advisor des kanadischen Pensionsfonds CPP Investment Board, der unter anderem an Axel Springer beteiligt ist. Man sei auf der Suche nach neuen Investitionsobjekten, gibt Krüger kund. Als Aufsichtsrat wirkt er in den Dax-Konzernen Lufthansa und Deutsche Telekom und sitzt zudem in Beiräten von Salesforce und der Personalberatung Spencer Stuart. Der Mann beweist, dass Hugo von Hofmannsthal recht hatte: „Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.“

    Ich wünsche Ihnen ein gutes Händchen beim ewigen Wiederanfangen einer Arbeitswoche.

    Es grüßt Sie herzlich Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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    5 Kommentare zu "Morning Briefing : Der Fall George Floyd: Die fünf Irrtümer der USA"

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    • Ihrem kommentar kann ich nur zustimmen
      Herr Helmut Metz
      02.06.2020, 09:23 Uhr

      Die USA sind nur der Vorläufer, Europa wird über kurz oder lang folgen. Was in den USA die Slums sind, sind in Frankreich die Die USA sind nur der Vorläufer, Europa wird über kurz oder lang folgen. Was in den USA die Slums sind, sind in Frankreich die Banlieus und in Deutschland die No Go Areas.

      Es ist in den USA nicht nur die Polizei, die Ländersache bzw. Städte wie NY selber unterhalten, sondern wie man deutlich sehen kann an den Plünderungen und Gewaltexzessen durch die Slumbewohner die Gewalt ausüben, die überhaupt nicht mit dem Getöteten in Zusammenhang stehen.
      Also Trump für Polizeieinsätze verantwortlich zu machen, das sind einfach nur weitere Fake News von den Millionen Fake News gegen Trump weltweit die durch die Presse erzeugt werden und in Deutschland die No Go Areas.

      Es ist in den USA nicht nur die Polizei, die Ländersache bzw. Städte wie NY selber unterhalten, sondern wie man deutlich sehen kann an den Plünderungen und Gewaltexzessen durch die Slumbewohner die Gewalt ausüben, die überhaupt nicht mit dem Getöteten in Zusammenhang stehen.
      Also Trump für Polizeieinsätze verantwortlich zu machen, das sind einfach nur weitere Fake News von den Millionen Fake News gegen Trump weltweit die durch die Presse erzeugt werden.
      D. Trump war weder bei Corona noch bei der Polizei der, der die Verantwortung inne hatte, es sind in den USA die Bundesländer.
      Minnesota wird von den Demokraten regiert. Meine Frage warum haben die Demokraten nicht das Vorgehen ihrer Polizei entsprechend umgestellt?
      Warum ist Trump am Versagen eines demokratisch regierten Bundesstaats schuldig?
      Es ist primitiver Wahlkampf, Trump soll an etwas schuld sein für das er keine Verantwortung trägt, er könnte es noch nicht einmal ändern selbst wenn er das wollte.
      Wann kommt die Hetze gegen die US Demokraten die dieses Schlamassel zu verantworten haben?
      Der Artikel hat mehr mit Desinformation zu tun

    • @ Christian Faust

      Leute wie Sie, Herr Faust, sind für mich persönlich die größte Gefahr für Deutschland.
      Insgeheim hoffe ich daher immer noch, dass die BRD doch noch nicht voll souverän ist, denn dann hätten Millionen von alliierten Soldaten wirklich vollkommen umsonst ihr Leben gelassen. Nichts, aber auch gar nichts gelernt. Aber auch Sie werden irgendwann die Konsequenzen tragen müssen. Versprochen.

    • Was Sie jetzt in den USA sehen, bekommen Sie demnächst auch in Europa. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit den USA und schon gar nicht mit "schwarz" oder "weiß" zu tun - es hat damit zu tun, dass wir Endspiel des Schuldgeldsystems sind. Die Corona-Pandemie war dafür nur der letzte Impulsgeber oder der Trigger.
      Ich persönlich glaube, dass als Erstes in Europa Frankreich dran ist. Die Banlieues dort sind nur sediert, ruhiggestellt, Herr Jakobs. Es gab dort schon vor Corona keine Jobs, und jetzt erst recht keine mehr. Sobald Macron kein Geld mehr hat, das er dorthin umverteilen kann, ist das Spiel aus. Realisieren Sie das JETZT und ziehen Sie daraus persönlich die Konsequenzen. Oder Sie tun es eben nicht.
      Amerika wird aus dieser Jahrhundertkrise jedoch wiederauferstehen dank eines Präsidenten Trump. Ihre geliebte EU vermutlich nicht...

    • Ich stimme Ihrer Analyse über die Irrtümer der großen Nation USA vollkommen zu. Aber wir sollten klarer auch uns sagen. Die USA unter dieser Regierung sind nicht nur nicht mehr unser Partner sie sind eine große Gefahr für uns. Europa muss klar kommunizieren an USA und China, dass wir Ihren Wegen nicht folgen werden! Nur wenn wir diesen Mut aufbringen, kommen wir weiter. Das ist schwer und wird auch Entbehrungen mit sich führen aber...in the long run....bringt es mehr!

    • Guten Morgen,
      n. m. E. gibt es noch einen 6 Irrtum:
      "Make America Great Again" meint wohl eher "Make White America Great Again".
      Und dies ist die Basis für die Wiederwahl von Herrn Trump als Präsident.
      Wenn der absolute Wille zur Macht das Hirn vernebelt..... ist der Despot nicht weit.
      Ob dieser Präsident die US-Verfassung noch zur Kenntnis nahmen wird?

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