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Morning Briefing Der neue Paris-Berlin-Bund

Von Frankophilie war bei Kanzlerin Angela Merkel all die Jahre wenig zu spüren. Nun aber traut sich die Vorsichtige vom Spreebogen doch etwas.
19.05.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn es um Europa ging, befolgte Altkanzler Helmut Schmidt in den 1970er-Jahren stets einen einfachen Merksatz: „Nichts ohne Frankreich!“ Zusammen mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d‘Estaing bewegte er außenpolitisch viel. Von Frankophilie war bei Angela Merkel all die Jahre wenig zu spüren. Als Nicolas Sarkozy, auch er war einmal Präsident in Paris, sie ermunterte, mehr allein zu entscheiden, flötete sie ironisch zurück: „Ich bin nicht so mächtig wie du, Nicolas!“ Nun aber traut sich die Vorsichtige vom Spreebogen doch etwas und kündigt mit Emmanuel Macron an, dass eine halbe Billion Euro in den von der EU-Kommission geplanten Wiederaufbaufonds fließen soll. Er wollte mehr, sie weniger, und am Ende bleibt: ein historischer Tag. Man dachte schon, Europa habe einen Getriebeschaden.

Quelle: AFP
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, per Video zugeschaltet, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz.
(Foto: AFP)

Der Kontinent nimmt die Nachricht der Geldbriefträger als Zeichen, dass die in Festreden beschworene deutsch-französische Freundschaft mehr ist als eine rhetorische Tanzfigur. Drei Jahre lang hatte Macron als jugendlicher Galan Vision für Vision entworfen, dafür aber höchstens ein paar Höflichkeitsfloskeln eingesammelt. Zuletzt hatte er Berlin die kalte Schulter gezeigt. Nun kommt etwas in Gang.

Von Liebe wollen wir nicht gleich reden, aber immerhin von Gemeinschaftsgeist in der Coronakrise. Merkel gibt ihren Widerstand gegen neue Schulden auf, denn der neue Fonds in der Tradition des Marshall-Plans teilt Zuschüsse aus, keine Kredite. Er finanziert sich über Anleihen. Frankreich und Deutschland sind nicht alles in Europa, aber ohne sie ist in Europa nichts. Helmut Schmidt hätte seine Freude. Es wird wieder Politik gemacht und kein Bedenken.

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    Eine erste Einordnung kommt von Christine Lagarde, der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) – in einem großen Interview, das sie dem Handelsblatt und drei anderen europäischen Zeitungen gegeben hat. Das sei eine „ehrgeizige, gezielte und sehr hilfreiche Initiative“, sagt sie zum Berlin-Paris-Bund. Wenn die Regierungen aktiv würden, brauche sich die EZB nicht mehr allein um den Fortbestand der Euro-Zone bemühen.

    Nun müsse die EU ihren Stabilitätspakt reformieren und mehr auf Wachstum und Zinsen achten, weniger auf den Schuldenstand in Bezug zur Wirtschaftsleistung. Im Streit mit dem Bundesverfassungsgericht wegen der Kaufprogramme von Staatsanleihen wird die EZB-Chefin zu „Madame Non“: Ihr Institut sei „allein dem Europäischen Gerichtshof und dem Europäischen Parlament verantwortlich.“

    Quelle: Reuters
    Die Bundesbank zeigt dezenten Optimismus zur Wirtschaftslage.

    Die heiße Kartoffel liegt nun bei der Bundesbank. Sie muss sich im Zweifel entscheiden, ob sie den Vorgaben aus Karlsruhe oder aus Europa folgt und sich wie von Lagarde gewünscht weiterhin daran beteiligt, Anleihen zu kaufen. Aktuell meldet sich die von Jens Weidmann geleitete deutsche Notenbank mit dezentem Optimismus zur Wirtschaftslage: Es spreche vieles dafür, dass sich „die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Verlauf des zweiten Quartals im Zuge der Lockerungsmaßnahmen wieder aufwärtsbewegen wird und eine Erholung in Gang kommt“.

    Donald Trump ist nicht nur Präsident sowie de facto Hotel-, Immobilien- und Golfplatzbesitzer, er ist auch Proband. Das 73-jährige Mitglied der Risikogruppe Senioren überrascht jetzt die Welt mit der Mitteilung, seit einigen Wochen das angebliche Anti-Covid-19-Wundermittel Hydroxychloroquine als Prophylaxe zu nehmen: „Ich nehme eine Pille jeden Tag.“

    Zu dem nicht final erforschten Mittel, das gegen Malaria hilft, will er viele positive Anrufe bekommen haben – jedoch sicher nicht von der US Food and Drug Administration, die davor warnt, die Arznei außerhalb eines Klinikaufenthalts oder eines Medizintests zu nehmen: Herzprobleme könnten die Folge sein. Womöglich hat Trump in seiner Jugend zu oft eine populäre TV-Serie über eine Wunderarznei gesehen. Hier wurde gereimt: „Denn seine große Stunde kam immer, wenn er Pillen nahm.“

    Wenn Sie modische Textilien kaufen wollen, sollten Sie vielleicht noch etwas Geduld haben und auf saftige Preisnachlässe warten. Es werde „ein Hauen und Stechen bei den Preisen im Modehandel geben“, sagt uns der 54-jährige Hemdenhersteller Gerd Oliver Seidensticker, der noch einmal tief ins operative Geschäft eintaucht. Der Grund ist, dass sich wegen der Corona-Auszeit Ware in Milliardenwerten in den Lagern der Handelskonzerne stapelt. Die Bestände sind kaum noch verkäuflich. 2020 dürfte nicht mal die Hälfte der Ware zum Normalpreis zum Käufer gelangen, schätzt die Beraterfirma Accenture. Die Corona-Zeit wird für viele mit Rabatten aller Art enden.

    Noch einmal Frankreich in diesem Weckdienst: Der große Michel Piccoli, Sohn einer Pariser Musikerfamilie, wird heute in großen Nachrufen der Zeitungen zurecht als Schauspielerlegende und europäische Figur gerühmt. Er, der sieben Jahrzehnte lang im Theater und Kino zu sehen war, mit den berühmtesten Regisseuren arbeitete und erst 1963 – mit 38 – in „Die Verachtung“ an der Seite von Brigitte Bardot seinen Durchbruch hatte.

    Piccoli war Bourgeois und Anti-Bourgeois, ein Mann geheimer Sehnsüchte nahe am Abgrund, alles ausgespielt in Filmen wie „Belle de jour“, „Die Dinge des Lebens“, „Das Mädchen und der Kommissar“, „Trio Infernal“ und „Das große Fressen“. Schon in der vorigen Woche ist Piccoli im Alter von 94 Jahren gestorben, ein Ausnahmekünstler, der uns lehrte: „Die beste Erziehung ist die Erziehung zum Widerspruch.“

    Quelle: AP
    Auch Jesus sei missverstanden und kritisiert worden, sagt Masayoshi Son.
    (Foto: AP)

    Und dann ist da noch Masayoshi Son, Großinvestor aus Japan und einer der „Happy Few“, die Märkte bewegen. Auf der Suche nach Gründen, warum seine Finanzfirma Softbank über acht Milliarden Dollar Verlust macht und erstmals seit 1994 keine Dividende zahlt, hatte der 62-Jährige vor Analysten eine nicht gerade himmlische Eingebung: Auch Jesus sei missverstanden und kritisiert worden, sagt er. Sein Ruf werde sich mit dem Aufschwung seiner Investments verbessern. Zuletzt litt sein „Vision Fund“ mit Beteiligungen bei Uber oder Didi in der Coronakrise. In der Vergangenheit hatte Son schon mal Yoda aus „Star-Wars“-Filmen zitiert oder angemerkt, die Beatles seien beim Start auch nicht populär gewesen.

    Ich wünsche Ihnen einen bewegten, glücklichen Tag. Es grüßt Sie herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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