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Morning Briefing Der teure, triste November

02.11.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zum aktuellen Kulturpausenmonat November, von dem Erich Kästner einst schrieb: „Was man besaß, weiß man, wenn man's verlor.“ Der Teil-Lockdown könnte die deutsche Wirtschaft mehr als 19 Milliarden Euro kosten, errechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Allein fast sechs Milliarden fallen in Gastronomie und Hotellerie an. Corona-Optimisten hoffen auf Freiheit zu Weihnachten. Corona-Pessimisten lauschen Christian Drosten, der sagt, zu Ostern werde die Pandemie „nicht vorbei sein“. Erst einmal hatte das Land am Wochenende mit dem „Endrundeneffekt“ zu tun, dem Drang, noch einmal richtig die Trommel zu schlagen. Die Polizei musste Partys beenden, in München gar einen Kindergeburtstag mit 100 Gästen. Ich weiß nicht, wie Sie das erlebt haben: Bei mir war schon am Freitag der Oscar-nominierte Film „Und morgen die ganze Welt“ im Kino für die nächsten Tage genauso ausgebucht wie der etwas gehobene Italiener an der Ecke. Die Stimmung? Wie am Vorabend der Prohibition. Aus Protest gegen das verordnete Gaststätten-Aus hatten die Eigner der legendären Berliner Polit-Kneipe „Ständige Vertretung“ übrigens zunächst Spitzenpolitikern Hausverbot erteilt, ehe sie dann nach Beifall „aus der falschen Ecke“ zurückruderten.

Quelle: AFP
Kurz vor der US-Präsidentschaftswahl geben Joe Biden und Donald Trump nochmal alles. um Wähler auf ihre Seite zu ziehen.
(Foto: AFP)

Die letzten Stunden vor der US-Präsidentenwahl sind gefüllt mit Umfrage-Deutereien. Landesweit führt Joe Biden mit zehn Punkten vor Donald Trump und auch in den entscheidenden „Swing States“ liegt er meist vorn. Aber es ist knapp in Michigan, Wisconsin, Pennsylvania und Florida. Irritierend nur, dass Trump nach einer aktuellen Umfrage von Selzer in Iowa mit 48 zu 41 Prozent führt, die anderen aber nur einen kleinen Vorsprung sehen. In der Vergangenheit lag Selzer oft richtig. Überschätzen die anderen Biden? Trump redet schon davon, sich frühzeitig zum Sieger erklären zu wollen. Den Ausschlag könnte am Ende die Corona-Lage geben, von der Top-Gesundheitsexperte Anthony Fauci sagt: „Uns steht viel Leid bevor. Es ist keine gute Situation.“ Trump wettert gegen einen Lockdown wie in Europa bei einem Biden-Sieg: Dann würde man wie in einem „Gefängnisstaat“ leben, und das auch noch ohne Feiertage. Von den 230.000 Corona-Toten in den USA spricht der polternde Präsident selten.

Auf einmal also können sich selbst die drei CDU-Chefbewerber zusammenraufen. NRW-Frohnatur Armin Laschet, „Yesterday's Hero“ Friedrich Merz und der fast professorale Norbert Röttgen wollen nun Mitte Januar die Entscheidung fällen, wer die Regierungspartei übernimmt und „AKK“ endlich von ihrer Last befreit. Doch nach den derzeitigen Corona-Prognosen käme dafür wohl kein Präsenzparteitag, sondern nur eine Online-Wahl in Frage – die rechtlich derzeit nicht möglich ist. Die Anonymität der Wahl erscheint nicht gesichert. Und so entwickelt sich hinter den Wänden des Bundestags ein juristischer Fachstreit, ob wohl eine Retusche im Parteiengesetz ausreiche oder ob das Grundgesetz geändert werden müsse. Im letzten Fall müssten Teile der Opposition zustimmen, die darauf – dem ersten Anschein nach – überhaupt keine Lust hat. Aus der FDP etwa sind Klagen über ein „Schweinsgalopp-Verfahren“ zu hören, das zur Würde der Verfassung nicht passe.

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    Quelle: dpa
    Die Klimabilanz eines Elektroautos ist nach einer neuen Studie schlechter als gedacht.
    (Foto: dpa)

    Zu den aktuell gängigen Pauschalurteilen gehört, dass Elektroautos auf jeden Fall für die Umwelt besser seien als „Verbrenner“. Kommt drauf an, sagt nun der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in einer Studie, die uns vorliegt. Entscheidend sei, ob die nötigen Batterien mit „grünem“ Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt würden oder ob sie aus Ländern mit hohem Kohlestromanteil stammten, beispielsweise aus China. Von dort kommen aber viele der hierzulande eingesetzten Batterien. Von „Missverständnissen“ spricht VDI-Präsident Volker Kefer in unserer Titelgeschichte, die CO2-Bilanz von E-Autos sei keineswegs grundsätzlich überlegen. Sein hartes Urteil: „Die einseitige Fokussierung der Politik auf Elektroautos ist unter Gesichtspunkten des Klimaschutzes kontraproduktiv.“

    Ein Highlight in unserer heutigen Ausgabe ist ein längeres Gespräch mit Hans Georg Näder, Eigentümer und Verwaltungsratschef des Prothesenherstellers Ottobock. Mit meinen Kolleginnen Kirsten Ludowig und Anja Müller sprach er über seine Öko-Farmen in seinem Heimatort Duderstadt, in der Provence und in Uruguay sowie über das gute Geschäftsjahr 2020 und seine Werft im finnischen Larsmo, die Yachten mit Nano-Solarzellen baut. Im Einzelnen sagt der mit Schwarz-Grün sympathisierende Unternehmer…

    • …über seinen Wiedereintritt in die CDU, nach dem Wechsel 2015 zur FDP: „Ich habe Jens Spahn versprochen, dass ich zurück zur CDU wechsle – und werde mein Versprechen halten. Ich bin enttäuscht von der FDP und von Christian Lindner als Parteichef. Wie viele Unternehmer. Das fing an mit Jamaika, das hat er vergurkt. Dann dieses No-Go in Thüringen...“
    • …über den aktuellen Gesundheitsminister: „Mittlerweile bin ich ein großer Fan von Jens Spahn, der sich in der Pandemie bewährt hat. Er ist aus meiner Sicht der richtige Kanzlerkandidat für die Union. Friedrich Merz ist als Superminister für Wirtschaft und Finanzen die perfekte Besetzung.“
    • …über einen Börsengang und den eigenen Aktionär EQT: „Wir machen Ottobock jetzt so weit fit, dass wir Mitte 2022 bereit für einen möglichen Börsengang sind. EQT kann dann ihren 20-prozentigen Anteil platzieren und meine Familie bis zu zehn Prozent. Einige Familienunternehmer sind sehr wertkonservativ. Dazu gehöre ich nicht. Über Bankkredite hätten wir nie so wachsen können. Ich orientiere mich an börsennotierten Firmen wie Sartorius und Symrise, zu deren CEOs ich engen Kontakt halte und die ebenfalls aus Südniedersachsen kommen.“

    Er hätte auch das Niedersachsenlied zitieren können: „Wir sind die Niedersachsen / sturmfest und erdverwachsen.“

    Quelle: picture alliance
    Mit dem Tod von Mario Ohoven ist eine wichtige Stimme des deutschen Mittelstands verstummt.
    (Foto: picture alliance)

    Der deutsche Mittelstand hat viele Vertreter, aber keiner war in den letzten Jahren so schillernd wie Mario Ohoven, der viele Klein-Unternehmer – gerne aus dem Finanzvertrieb – um sich geschart hatte. Der ehemalige Anlageberater machte von 1998 an als Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft in der Politik immer wieder Eindruck, auch weil er jenseits des Mainstreams pointierte Meinungen vertrat. Bei ihm wurde zwangsläufig die politische Bühne zur „Show-Treppe“. Über Ohovens Verkaufstalent sagte Ehefrau Ute einmal: „Er könnte sogar den Eskimos Kühlschränke verkaufen.“ Ohoven habe „Großes für die mittelständische Wirtschaft geleistet“, bilanziert Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Der begnadete Netzwerker ist am Samstag bei einem Verkehrsunfall auf der A44 nahe Düsseldorf im Alter von 74 Jahren tödlich verunglückt.

    In diesem traurigen November hilft womöglich ein täglicher Tipp zum Lesen, Hören, Sehen. Ablenkung in der Viren-Not. Den Anfang macht „Privateigentum“ aus dem Verlag Klaus Wagenbach, der dritte Roman der französischen Schriftstellerin Julia Deck. Sie projiziert gewissermaßen die Kämpfe und Konflikte aus John Updikes „Ehepaare“ in die Jetztzeit und in eine Pariser Vorort-Straße mit neuen schmucken Öko-Häusern, in der erst die Katze, dann der Hund, schließlich wohl eine Frau mit Kind und am Ende ganz sicher die Liebe stirbt. Die famose Autorin folgt der „École de Minuit“, die Realität aus Zusammenhängen konstruiert. Hier zerlegt sie den falschen Traum eines verunsicherten Bürgertums vom eigenen Häuschen. Denn: Es gibt zwar viel Grün (und eine ewige Baustelle), „aber nicht genug Platz, damit jeder so leben konnte, wie er wollte“.

    Und dann ist da noch der Bielefelder Oetker-Konzern, der es mit der Parole „Wirtschaft ischt Krieg“ hielt, die der gestrige „Tatort“ aus Stuttgart propagierte. Als das Unternehmen mit seinen 40 Bier-Marken wie „Jever“ oder „Radeberger“ vor einigen Jahren das Start-up „Flaschenpost“ aus Münster nicht übernehmen konnte, machte es ihm einfach mit dem eigenen Lieferdienst „Durstexpress“ Konkurrenz. Mit dem Kopie-Kapitalismus ist nun Schluss, Oetker kauft doch das in 23 Städten aktive, innovative Unternehmen „Flapo“. Angeblich soll der Kaufpreis bei einer Milliarde Euro liegen. Details werden heute veröffentlicht. Am Übernahmeobjekt war zuletzt der Fonds Hedosophia beteiligt, der auch von Michael Bloomberg finanziert wird. Das Schlusswort zu dieser teuren Flaschenpost hat Arthur Schopenhauer: „Das Geld gleicht dem Seewasser – je mehr davon getrunken wird, desto durstiger wird man.“

    Ich wünsche Ihnen einen angeregten Start in diese aufregende Woche.

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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