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Morning Briefing Die Angst vor der Triage

17.12.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

da ist es wieder, das böse Wort „Triage“. Das Wort, das eine Entscheidung auf Leben und Tod dokumentiert: Es geht um die Frage, wem der Arzt im Corona-Fall in überlasteten Krankenhäusern zuerst hilft und wer sich selbst überlassen bleibt. Mathias Mengel, Ärztlicher Direktor eines Oberlausitzer Klinikums, hatte öffentlich erklärt: „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht.“ Regelmäßig würden Patienten nach Dresden oder Leipzig ausgeflogen, nicht alle aber seien transportfähig.

Von einem übertriebenen „Hilferuf“ spricht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, das Klinikum selbst sieht ein „Missverständnis“. „Triage“-Situationen sind aus Kriegen bekannt. Für sie gibt es Empfehlungen des Deutschen Ethik-Rates – danach sollte man sich bei unvermeidbaren Auswahlentscheidungen am Kriterium der „Erfolgsaussicht“ orientieren. Wer eine günstigere Prognose fürs Überleben hat, sollte „priorisiert“ werden. Aber es war ja nur ein Missverständnis.

Quelle: dpa
Für die Behandlung von Corona-Patienten werden die Intensivbetten knapp.

„Triage“, das ist die Horrorvision für die deutsche Politik. Deshalb war für sie der harte Weihnachts-Lockdown trotz vieler Widersprüche und Unklarheiten unvermeidlich. Deshalb förderte sie die Entwicklung neuer Impfstoffe wie die von der Mainzer Firma Biontech – deren Impfstoff soll am 27. Dezember erstmals hierzulande zum Einsatz kommen. Harvard-Professor Eric Rubin preist einen „Triumph“ beim Kampf gegen Corona, die Vakzine seien extrem schnell entwickelt worden. Genau dieses Rekordtempo nährt bei vielen Menschen Zweifel und Skepsis an den gefundenen Stoffen – und dämpfe die Impfbereitschaft, analysiert unser Report.

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    Doch die Statistik zeigt: In der Qualität der klinischen Entwicklung und Prüfung stehen die neuen Mittel keinesfalls hinter früheren Impfstoffprojekten zurück. Europas Arzneimittelbehörde Ema betont, es gebe keine Covid-Sonderbehandlung. Alle üblichen Maßstäbe und Anforderungen würden auch hier gelten. Das Statement beruhigt, kann aber nicht verdecken, dass deutlich mehr längerfristige Beobachtungsdaten für die neuartigen Covid-Impfstoffe fehlen.

    Für Unmut hat der Douglas-Konzern gesorgt, bislang als Parfümerie bekannt. Ursprünglich sollte jede vierte der 450 Filialen in Deutschland als „Drogerie“ laufen – dieser Geschäftstyp darf die Türen während des soeben begonnenen Lockdowns offenhalten. Bei Douglas würden dann Körperpflegeprodukte wie Cremes, Shampoos, Seifen, Deodorants, Make-up, Parfüm und Hygieneprodukte angeboten, hatte eine Sprecherin der „Welt“ erklärt. Filialen im „Premium und Luxussegment“ sollten dagegen geschlossen werden. Nach Kritik an diesem Vorgehen lenkt Firmenchefin Tina Müller nun ein und twitterte am Donnerstagmorgen, dass nun alle deutschen Filialen geschlossen würden. Das ist folgerichtig, hatte sie doch schon zuvor erklärt, man stehe hinter den Beschlüssen zur Eindämmung der Pandemie, auch wenn sie ein „herber Schlag“ seien: „Leistet jeder seinen Beitrag, schaffen wir das.“ Vielleicht stellt sich die Frage, wie der Eigentümer CVC mit dem gelernten Mediziner Alexander Dibelius als Partner das gesehen hatte.

    Der politische Ärger für den Oligopolisten Google hört einfach nicht auf. Nach der EU-Kommission gibt es jetzt auch Sperrfeuer von zehn US-Bundesstaaten, angeführt von Texas. Der Konzern missbrauche seine „monopolistische Macht“, erklärt der texanische Staatsanwalt Ken Paxton. Vor allem im Online-Werbemarkt zeige Google ein gegen den Wettbewerb gerichtetes Verhalten und habe Verhandlungsauktionen für Werbeflächen manipuliert, um so die Werbepreise und damit die Erlöse zu kontrollieren. Verglichen mit Baseball sei das so, „als positioniere sich Google als Werfer, Schlagmann und Schiedsrichter zugleich“, ereifert sich Paxton. Einer Klage des US-Justizministeriums hatte sich Texas bereits im Oktober angeschlossen.

    Mitten in der Debatte um Pandemie-Fragen meldet sich Justizministerin Christine Lambrecht mit einem Plan für die Reform der Personengesellschaft, der ersten überhaupt. Das ist die Rechtsform, in der sich Mittelständler, auch Start-up-Unternehmer, gern organisieren. Die Regelungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) und im Handelsgesetzbuch (HGB) würden modernen Anforderungen nicht genügen, findet die SPD-Politikerin, die beiden Gesetzbücher seien ja 1900 entstanden. Also pinselt Lambrecht alles neu. So will sie die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) künftig auf die langfristige Teilnahme am Wirtschaftsleben ausrichten, schreibt sie im Handelsblatt-Gastkommentar. Und plant, insbesondere die GmbH & Co. KG für Anwaltskanzleien, Arztpraxen und Architekturbüros zu öffnen – sie ähnelten ohnehin Gewerbebetrieben. Die Materie ist so steinig wie anspruchsvoll, weshalb sich die Initiatorin mit dem römischen Philosophen Seneca trösten kann: „Wer Großes versucht, ist bewundernswert, auch wenn er fällt.“

    Quelle: Bloomberg
    Der schottische Historiker Niall Ferguson meint, dass wir 2021 das Schlimmste der Coronakrise überstanden haben.
    (Foto: Bloomberg)

    In einer komplizierten Welt ist es immer einfacher, sich für Rot oder Schwarz zu entscheiden. Der schottische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson hat sich dazu entschlossen, die Zukunft nur positiv zu sehen und Corona als temporäres Mini-Problem zu verklappen, wie er im Handelsblatt-Gespräch dokumentiert. Im Einzelnen sagt Berufsoptimist Ferguson über…

    • …die Schäden der Pandemie: „Ökonomisch betrachtet wird die Coronakrise die stärkste, aber auch kürzeste Rezession sein, die es je gegeben hat. In 2021 werden wir das Schlimmste überstanden haben.“
    • …eine kommende Inflation von mehr als zwei Prozent: „Die US-Haushalte haben 2020 rund eine Billion Dollar zwangsweise gespart. Dieses Geld wird ausgegeben, wenn das wieder möglich ist. Es wird eine Einkaufstour gigantischen Ausmaßes geben, und die Sparrate in den USA wird wieder auf ihr historisches Maß sinken.“
    • …den Präsidentenwechsel in den USA: „Joe Biden wird vom Boom profitieren, der mit Beginn der Immunisierung einsetzen wird. Die Impfstoffe bringen die Wirtschaft auf Touren.“
    • …China: „Die Europäer haben inzwischen gemerkt, dass es einen neuen Kalten Krieg gibt, bei dem sie nicht auf der Seite Chinas stehen wollen. Präsident Xi Jinping legt es auf einen Systemkonflikt mit dem Westen an. Im abgelaufenen Jahr hat das Regime in Peking sein wahres Gesicht gezeigt, Trump lag richtig mit seiner China-Politik.“

    Diesen Text legt man sich am besten für den 17. Dezember 2021 auf Wiedervorlage – um dann zu sehen, was daran Wunschdenken, Prophezeiung oder schlicht Irrtum war.

    Am heutigen Donnerstag kehrt Karl-Theodor zu Guttenberg an die Stätte früherer Triumphe zurück. Im Bundestag saß der zeitweilige CSU-Erlöser als Wirtschafts- und Verteidigungsminister auf der Regierungsbank. Nun aber muss er als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Skandal um Wirecard aussagen – jener Dax-Firma, deren testierte Jahresabschlüsse 2017 und 2018 der Insolvenzverwalter vor Gericht wegen Betrugs für nichtig erklären lassen will.

    Baron Guttenberg und seine Firma Spitzberg Partners hatten bei Kanzlerin Angela Merkel und der Regierung erfolgreich für den inzwischen maustoten Finanzbetrugskonzern lobbyiert. Guttenberg planierte 2019 in China den Weg für den Kauf einer chinesischen Finanzfirma. Wie viel hat Doktor „KT“ damit verdient? Irgendwie auffällig, dass in den letzten Wochen von Wirecard der Auftrag, für bessere Winde zu sorgen, an Edelman PR ging – wo Guttenberg im Frühjahr 2018 in eine damals neu gegründete „Global Advisory Group“ einrückte.

    Morning Briefing: Alexa
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