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Morning Briefing Die CDU sucht den Mann, der Wahlen gewinnt

15.01.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

an diesem Wochenende richten sich alle Blicke auf die CDU und ihre virtuelle Chef-Kür. Hinter den Kombattanten liegt fast ein ganzes Jahr taktischer Sperenzchen und inhaltlicher Positionierungsversuche. Man kann es kaum glauben, dass es jetzt bald vorbei sein soll mit dem Triell.

Also: Armin Laschet, Versöhner mit Johannes-Rau-Touch? Friedrich Merz, Anwalt der Wirtschaft unter Retro-Verdacht? Norbert Röttgen, stets Thinktank-tauglicher Außenpolitiker? Geht es nach der Klugheit, müsste gewinnen, wer das Land fit macht für die Welt der Apps, des sauberen Stroms, der Genforschung, der neuen Mobilität.

In der Politik aber geht es am Ende nach der Algebra der Stimmen. Wer schon mal Wahlen gewonnen hat, gewinnt wieder. Das war die Stärke von Angela Merkel – sie sagte dem Volk: „Sie kennen mich“, und regierte 16 Jahre. Nach dieser Logik eine Voraussage: Laschet wird CDU-Vorsitzender, Kanzlerkandidat aber wird er nicht. Man könnte auch sagen, Merz zu wählen ist Nostalgie, Röttgen zu wählen Neugier und Laschet zu wählen das pure Kalkül.

Quelle: dpa
„Es dauert einfach alles zu lange – sei es um erneuerbare Energien auszubauen oder große Infrastrukturprojekte wie bei der Bahn umzusetzen.“

In einem großen Wochenendreport gehen wir dem „Ringen um Merkels Erbe“ nach. NRW-Ministerpräsident Laschet, der zur Überraschung aller eine Landtagswahl klar gewonnen hat, verdeutlicht im Interview seinen Gestaltungswillen, am liebsten mit seinem Düsseldorfer Koalitionspartner FDP. Kandidat Laschet über...

  • …seine wirtschaftspolitischen Rezepte: „Einer der Kernpunkte ist, die Wirtschaft von unnötigen und belastenden bürokratischen Fesseln zu befreien. Es dauert einfach alles zu lange – sei es um erneuerbare Energien auszubauen oder große Infrastrukturprojekte wie bei der Bahn umzusetzen.“
  • …die Grünen: „Mich wundert doch sehr, wie alle schon fest davon ausgehen, dass ein schwarz-grünes Bündnis nach der Bundestagswahl Deutschland regieren wird. Mein Wunschbündnis ist das nicht. Die FDP, von der ich hoffe, dass sie stark in den nächsten Bundestag einzieht, steht uns jedenfalls deutlich näher als die Grünen.“
  • …über ausbleibende Coronahilfen für die Wirtschaft: „Das ist kein Meisterwerk des Bundesfinanzministers. Wer mit großen Worten eine Bazooka und einen Wumms ankündigt, darf nicht an Ladehemmung scheitern.“
  • …die Sympathien der Unternehmer für Merz: „Vermutlich hat auch nicht jeder Unternehmer in Deutschland die Arbeit der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen so genau beobachtet.“

Tatsache ist übrigens, dass alle drei CDU-Aspiranten aus NRW stammen, katholisch und verheiratet sind, jeweils drei Kinder haben und zur Gilde der Juristen gehören. Bei so wenig Diversität beweist Laschet schönsten Humor: „Ich kann mich ja jetzt nicht scheiden lassen, um ein Alleinstellungsmerkmal zu haben.“

Fragt man deutsche Unternehmer – Forsa hat das für uns getan –, dann müsste Merz die CDU führen. In unserer Umfrage liegt er mit 39 Prozent klar vor Röttgen (27 Prozent) und Laschet (18 Prozent). Als Allensbach jetzt für die „Frankfurter Allgemeine“ die Patrons nach ihrem Wunsch-Parteichef befragte, kam Merz sogar auf 41 Prozent, gefolgt von Jens Spahn mit 20 Prozent. Etwas abgeschlagen rangierten Röttgen und Laschet mit 13 beziehungsweise 11 Prozent auf den hinteren Plätzen. Irgendwie sind solche Resultate logisch, da Merz über und mit dem Wirtschaftsrat der CDU Wahlkampf gemacht hat.

Familienunternehmer wie Martin Herrenknecht sind Feuer und Flamme: „Er wird führen und buhlt nicht um eine möglichst geschmeidige Positionierung.“ Aber es fehlt Merz doch jenes Momentum einer Art Erweckungsbewegung, das vor dem Hamburger Parteitag 2018 zu erleben war. Auch die jetzigen Rivalen haben ihre Fans im Unternehmerlager: Für Röttgen plädiert etwa Jürgen Heraeus, Gesellschafter des gleichnamigen Hanauer Technologieunternehmens, für Laschet plädieren etliche NRW-Manager wie Evonik-Chef Christan Kullmann: „Regierungserfahrung zählt.“

Der Ökonom Milton Friedman dachte nach, was passiert, wenn man „Helicopter Money“ aus einem Hubschrauber über einer Gemeinde abwirft. Er glaubte: Preissteigerungen. Joe Biden, designierter US-Präsident, denkt an etwas ganz anderes, wenn er bald jedem Amerikaner zuzüglich von schon versprochenen 600 Dollar noch mal einen Scheck über 1400 Dollar ausstellen will: wirtschaftliche Belebung in der Coronakrise und sozialen Ausgleich. Die Geschenke für jedermann gehören zu einem 1,9-Billionen-Dollar-Hilfspaket, das der Politiker gestern Nacht in seinem Heimatort Wilmington, Delaware, vorstellte.

Vorgesehen sind auch 20 Milliarden für ein nationales Impfprogramm und 350 Milliarden für Städte und Bundesstaaten. Zwangsversteigerungen und Zwangsräumungen sollen bis September ausgesetzt werden, die Mindestlöhne auf 15 Dollar pro Stunde steigen. Wo Vorgänger Trump auf Steuernachlässe setzte, geht sein Nachfolger im Stil von Franklin D. Roosevelt in die Vollen.

Heute feiern wir in der Redaktion ein kleines Jubiläum: die 100. Folge von Handelsblatt Today, unserem Podcast aus dem Newsroom des Handelsblatts. Meine Kolleginnen Mary-Ann Abdelaziz-Ditzow, Lena Bujak und Mareike Müller analysieren montags bis freitags immer um 17.30 Uhr die Themen des Tages – und sprechen mit CEOs, Spitzenpolitikern und unseren Korrespondenten in aller Welt über Auswirkungen auf die Finanzmärkte.

Mary-Ann Abdelaziz-Ditzow: „Unser Publikum gibt uns immer wieder neue Impulse, und dadurch entsteht ein sehr hörernahes Produkt.“ Heute Nachmittag geht es um die 100 wertvollsten Unternehmen der Welt – und um die Frage, warum Deutschland auf dieser Liste nur einmal vertreten ist.

Mit Caravaggio war die brave Andachtsbildermalerei auf einmal vorbei und man gewöhnte sich an einen neuartigen Realismus.

Mein Kulturtipp zum Wochenende: Caravaggio in Dresden. Die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen in der Stadt an der Elbe präsentiert 60 Werke des Altmeisters in einem phänomenalen virtuellen Rundgang. Im Zentrum der Schau stehen die Frühwerke Anfang des 17. Jahrhunderts, darunter das titelgebende Gemälde „Das Menschliche und das Göttliche“. Digitale 45-Minuten-Führungen – via Zoom – gibt es an diesem und am nächsten Wochenende.

Technisch ist das Ganze so ausgereift, dass es einem realen Besuch ziemlich nahekommt. Das ist, wenn man so will, eine Corona-bedingte Disruption. Einen ähnlich radikalen Bruch schaffte Michelangelo Merisi aka Caravaggio damals zum Plaisir der römischen Oberschicht. Die brave Andachtsbildermalerei war auf einmal vorbei, man gewöhnte sich an einen neuartigen Realismus und an Frühbarock.

Und dann ist da noch Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, der eine positive Bilanz nach 360 virtuellen Hauptversammlungen via Internet zieht. Man sollte darüber diskutieren, „ob wir aus der Not nicht eine Tugend machen sollten“, schreibt er im Gastkommentar für die aktuelle Handelsblatt-Ausgabe. Das digitale Aktionärstreffen böte viele Möglichkeiten, die Besitzer der Wertpapiere „intensiver einzubinden und die Interaktion zu intensivieren, anstatt sie zu beschränken“, so Achleitner weiter.

Quelle: Reuters
Was Achleitner nicht schreibt, ist, dass all diese publicityträchtigen Proteste von Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten quasi automatisch getilgt würden,

Was er nicht schreibt, ist, dass dadurch all diese publicityträchtigen Proteste von Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten quasi automatisch getilgt würden, Ruhe ist die erste Aktionärspflicht. Bei aller Euphorie hat Achleitner doch auch einiges an der Technik zu kritteln: „Um ehrlich zu sein, erinnerte so manche eine Hauptversammlung mehr an TV-Nachrichtenstudios aus den 1980er-Jahren als an moderne Kommunikationsformate.“

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes, kunstsinniges Wochenende.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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