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Morning Briefing Die Eroberung der Schutzmaske

08.04.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

drei Männer auf dem Flughafen „Franz Josef Strauß“, ein bayerischer Frühlingssonnennachmittag und eine Lieferung aus China von acht Millionen Schutzmasken (wie von Christo persönlich verpackt) – das ist das Bild der Woche. Das Bild für Mustermann-PR in Zeiten von Corona. Man sieht Ministerpräsident Markus Söder (in der für afrikanische Großwildjäger typischen Trophäenpräsentationshaltung), Lufthansa-Chef Carsten Spohr, der gerade Germanwings zur Beerdigung angemeldet hat, sowie den zuletzt etwas derangierten Verkehrsminister Andreas Scheuer. In dem famosen Herrengruppenbild aber fehlt die Dame im Spiel: Kanzlerin Angela Merkel hatte persönlich bei Chinas Staatspräsident Xi Jinping erreicht, dass Deutschland direkten Zugang zu staatlichen Produzenten von Schutzkleidung erhält. Und dass geliefert wird – über eine „Luftbrücke“ von Lufthansa.

Quelle: dpa
Peter Dabrock: „Es ist zu früh, Öffnungen jetzt vorzunehmen. Aber es ist nie zu früh, über Kriterien für Öffnungen nachzudenken.“

Es gibt kaum einen, der nicht Verständnis für die Seuchenbekämpfung der Bundesregierung hätte. Vermutlich um einige Prozentpunkte geringer fällt jedoch die Zustimmung zur amtlichen Ansage an, über den Plan zum Neustart der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens solle – „Jetzt nicht!“ – bloß nicht gesprochen werden. Der Deutsche Ethikrat gehört zu den Kritikern dieser in einem Obrigkeitsstaat üblichen Vermeidungs-PR. Dessen Vorsitzender, Theologie-Professor Peter Dabrock, rät zur Debatte: „Es ist zu früh, Öffnungen jetzt vorzunehmen. Aber es ist nie zu früh, über Kriterien für Öffnungen nachzudenken.“ FDP-Chef Christian Lindner bringt das auf eine kürzere Formel: „Mundschutz ja, Maulkorb nein!“

In der Finanz- und in der Eurokrise waren Nachtsitzungen in Brüssel üblich. Jetzt, in der Coronakrise, redet man per Videokonferenz, doch an Schlaf ist wieder nicht zu denken. Eine für gestern Abend angesetzte Pressekonferenz der EU-Finanzminister wurde gestrichen. Heute um zehn Uhr soll darüber informiert werden, was bei ihrem Ringen um Rettungspakete herausgekommen ist. Frankreich, Italien, Spanien und andere fordern, so ist zu hören, für Wiederaufbauprogramme im Herbst eine Finanzierung über gemeinsame Schuldtitel – die es als „Coronabonds“ in die Nachrichten schaffen. Der Streit mit Deutschland, Österreich und den Niederlanden darüber überschattete gestern den Plan, kurzfristig über Kredite des Rettungsschirms ESM und der Europäischen Investitionsbank sowie mit einem Kurzarbeiterprogramm („Sure“) eine halbe Billion Euro zu organisieren. Über Stunden hieß es im EU-Lager nur wie bei einer schwach besetzten Hotline: „Bitte warten, bitte warten, bitte warten“.

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    Die Coronakrise bewirkt, was keiner für möglich gehalten hat: dass die Job-Fluktuation im Umfeld von US-Präsident Donald Trump noch mal an Tempo gewinnt. Nun muss Glenn A. Fine gehen, der Chef eines Wächtergremiums, das die Verwendung von zwei Billionen Dollar zur Belebung der Wirtschaft exakt kontrollieren sollte. Der Gefeuerte gilt als unabhängiger Geist, was sein bisher in der Umweltschutzbehörde agierender Nachfolger Sean O‘Donnell erst noch beweisen muss. Auf Druck von außen trat Marine-Staatssekretär Thomas B. Modly ab, der zuvor wiederum Brett E. Crozier gefeuert hatte. Der Kapitän des Flugzeugträgers „Theodore Roosevelt“ hatte in einem den Medien zugespielten Brief die Evakuierung der Crew nach dem Ausbruch von Covid-19 angemahnt – was Trumps zuständiger Minister zunächst verweigerte. Die Aussage Modlys, der Kapitän sei entweder „zu naiv oder zu dumm“ für den Job gewesen, war selbst für Trump-Verhältnisse zu viel.

    Als „Jobkiller“ bezeichnet die Internationale Arbeitsorganisation ILO die Corona-Pandemie. 2,7 Milliarden von insgesamt 3,3 Milliarden Arbeitskräften auf der Welt seien von Betriebsschließungen, Arbeitseinschränkungen und anderen Unterbrechungen im Wirtschaftskreislauf betroffen. ILO-Generaldirektor Guy Ryder fordert deshalb einen Schuldenerlass für ärmere Staaten sowie gezielte nationale Interventionen in Volkswirtschaften, etwa Kurzarbeitsprogramme wie in Deutschland. Die „Verbindung der Beschäftigten mit ihren Firmen“, findet Ryder, müsse in der Krise aufrechterhalten werden. Diese Katastrophe ist erstmals nicht die Katastrophe der anderen.

    Quelle: Reuters
    Laut dem Harvard-Professor Kenneth Rogoff überfordert die Coronakrise auch die Statistiker.

    Die Schärfe der Coronakrise überfordere sogar die Statistiker, glaubt der bekannte Harvard-Professor Kenneth Rogoff. Sie würden womöglich nie genau herausfinden, wie tief die USA in die Rezession stürze (er rechnet mit 25 Prozent minus im zweiten Quartal). Der Ökonom fordert im Handelsblatt-Gespräch keinen Schuldenerlass wie die ILO, aber ein Schuldenmoratorium – also das Stunden von Zins und Tilgung – für Italien sowie zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsländer. Hoffnungsfroh stimmt Rogoff, dass sich in solchen Krisen „kompetente Technokraten“ bewähren. Vom Instinkt geleitete Führungspersönlichkeiten stellten dagegen ein „gravierendes Problem“ dar.

    Den US-Videodienst Zoom des gebürtigen Chinesen Eric Yuan kann man getrost als Krisengewinnler bezeichnen. Seine Konferenztechnik funktioniert ziemlich narrensicher, sodass die Zahl der täglichen Nutzer innerhalb kurzer Zeit von zehn Millionen auf 200 Millionen explodierte. Weniger eindrucksvoll, dass wohl Verbindungen ohne Wissen der Nutzer nach China geleitet, uralte Verschlüsselungen genutzt und persönliche Daten mit Facebook geteilt werden. Solange Zoom die Vorwürfe nicht entkräften könne, könne man die Firma „nicht als Videokonferenzdienst empfehlen“, sagt uns der digitalpolitische Unionssprecher Tankred Schipanski. Behörden in Taiwan gehen sogar noch viel weiter: Dort ist Zoom untersagt.

    Quelle: AFP
    US-Prozesskrimi in Brooklyn: Die Staatsanwaltschaft wirft der Fifa Betrug bei den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 vor.
    (Foto: AFP)

    Und dann ist da noch der Fußball, die schönste – derzeit ruhende – Nebensache der Welt. Der hier wirkende internationale Verband Fifa erscheint derzeit in einem US-Prozesskrimi in Brooklyn wie eine gewerbsmäßige Bande zur Erschleichung von Korruptionsgeldern. Jedenfalls geht die Staatsanwaltschaft in ihrer offiziellen Anklageschrift detailliert auf angeblichen Betrug bei den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 ein. Drei südamerikanische Funktionäre sollen dabei viel Geld für Pro-Katar-Stimmen erhalten haben. In der Russland-Sache wiederum soll der mittlerweile gesperrte Funktionär Jack Warner fünf Millionen Dollar Bakschisch kassiert haben. Am Austragungsort Katar in zweieinhalb Jahren soll sich gleichwohl nichts ändern. The show must go on, heißt es in solchen Fällen, jedenfalls wenn es das Virus erlaubt.

    Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag. Wenn Sie sich nach zweieinhalb Wochen Lagerkoller über besondere Literatur freuen wollen, empfiehlt sich am Karfreitag von zwölf Uhr an der Livestream des österreichischen Radiosenders FM4. Dort lesen 120 Künstler, etwa Elfriede Jelinek oder Klaus Maria Brandauer, Albert Camus‘ „Die Pest“. Das Entscheidende zur Lage hat Camus in „Der Mythos von Sisyphos“ geschrieben: „Es gibt kein Schicksal, welches nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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