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Morning Briefing Die „Goldgrube“ von Biontech

10.11.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

das beste Rezept gegen die Tristesse des „Teil-Lockdowns“ ist die Langeweile wissenschaftlicher Formeln – wenn sie zu neuen Impfstoffen führen. So ist nun auf einmal in Politik, Gesellschaft und Finanzmärkten Euphorie ausgebrochen: Die Ankündigung der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer, in Kürze ein erstes Covid-19-Vakzin parat zu haben, macht's möglich. Der Biontech-Aktienkurs legte um 16 Prozent zu, auch der Dax gewann sechs Prozent. Eine „Impfstoff-Rally“ sei da im Gang, titeln wir im Aufmacher. Besonders brillierte das Pandemie-Opfer Lufthansa mit fast 25 Prozent Zugewinn.

Die „Good News“ aus dem Hause Biontech sind Bestätigung für die emsigen Hauptgründer, das Wissenschaftspaar Özlem Türeci und Ugur Sahin. Die Kinder türkischer Gastarbeiter begannen und beendeten ihren Hochzeitstag in Laborkitteln, dazwischen lag der Standesamt-Termin. Wenn jemand nach Gründen pro Migration sucht, kann er sie am Mainzer Firmenstandort „An der Goldgrube“ finden.

Sahin und Türeci haben keinen Impfstoff gegen eine Jahrhundert-Pandemie entwickelt, obwohl sie einen Migrationshintergrund haben. Und auch nicht, weil sie einen Migrationshintergrund haben. Sie haben einfach ihren Job gemacht. Quelle: Imago
Biontech Ugur Sahin und Özlem Türeci

Sahin und Türeci haben keinen Impfstoff gegen eine Jahrhundert-Pandemie entwickelt, obwohl sie einen Migrationshintergrund haben. Und auch nicht, weil sie einen Migrationshintergrund haben. Sie haben einfach ihren Job gemacht.

(Foto: Imago)

Der Goldgruben-Coup wirft natürlich sofort die Frage auf, wer im Volk denn wohl zuerst den begehrten Impfstoff bekommt. Einer immensen Nachfrage steht zunächst ein kleines Angebot gegenüber, die klassische Konstellation für Ungerechtigkeiten aller Art, ganz so wie bei George Orwells „Animal Farm“: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“

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    Der Impfplan des Gesundheitsministers Jens Spahn sieht deshalb vor, dass zunächst Senioren, Menschen mit Vorerkrankungen sowie das Personal in Pflegeheimen und Krankenhäusern bedacht werden. Längerfristig müssten sich zwei Drittel der Deutschen freiwillig impfen lassen, „um die Dynamik dieses Virus zu brechen“, heißt es in Spahns Strategiepapier. 60 Impfzentren und eine große Impfdatenbank sind vorgesehen, den kämpferischen Corona-Leugner-Demonstrationen zum Trotz.

    Die gelungene Biontech-Pfizer-Allianz straft all jene Lügen, die wahlweise die Globalisierung oder das deutsch-amerikanische Verhältnis am Ende sehen. So spricht Joe Biden, President-elect, von „exzellenten Neuigkeiten“ und lobt die „brillanten Frauen und Männer, die zu diesem Durchbruch beigetragen haben“. Der demokratische Politiker kündigt zugleich für die USA eine radikale Strategie gegen die Pandemie an, mögliche Impfstoffe sollten alle Amerikaner gratis und in einem fairen Verfahren erhalten.

    Schwarze, Latinos und Indigene seien nun einmal besonders von Corona betroffen, so Biden. Aber erst einmal stimmt er auf harte Monate ein, das Corona-Phlegma der Trump-Regierung wirkt nach: „Uns steht noch ein sehr dunkler Winter bevor.“

    Wie leben wir, wenn eine Krise wie Covid-19 anhält? Auf was vertrauen wir? Das ist das große Sub-Thema des neuen Romans „Leave the World Behind“ von Rumaan Alam, der gerade in den USA viel diskutiert und oft gepriesen wird. Und das ist heute unser Tipp gegen den November-Blues. Erzählt wird die Geschichte von Clay und Amanda aus Brooklyn, die mit ihren beiden Kindern im gemieteten Ferienhaus auf Long Island urlauben. Ein Idyll, das jäh gestört wird, als George und Ruth auftauchen – die älteren, reichen, schwarzen Eigentümer der Immobilie, die einem Blackout in New York entfliehen.

    Der Autor hinterlässt in seinem Bestseller über Rassismus, Klassenfragen, Angst und Sinnsuche den nachhaltigen Eindruck, dass es am Ende sehr wenig auf ein schönes Haus und exzessives Kochen ankommt. Netflix hat sich, wie üblich in solchen Fällen, die Filmrechte gesichert und plant mit Denzel Washington.

    Quelle: Reuters
    Trump hat seinen Verteidigungsminister Mark Esper gefeuert, den er schon länger für ein „Weichei“ hielt.

    Von Donald Trump, designierter Ex-Präsident, ist das selbsterklärende Zitat überliefert: „Gewinnen ist leicht. Verlieren ist niemals leicht. Nicht für mich.“ Und so ist ein hässliches Ritsche-Ratsche-Geräusch im Weißen Haus zu hören, kurz nachdem die Medien die Unverfrorenheit hatten, Joe Biden zum Wahlsieger zu erklären. Als erstes feuert Trump seinen Verteidigungsminister Mark Esper, den er schon länger für ein richtiges „Weichei“ hält, da er bei ausgeuferten Demonstrationen in den Metropolen die Armee nicht eingesetzt hatte.

    Die Liste ist lang, wen Noch-Regierungschef Trump bis zum 20. Januar 2021, dem Tag der Amtseinführung Bidens, per Twitter schassen kann. Ganz oben stehen FBI-Chef Christopher Wray, CIA-Direktorin Gina Haspel und Justizminister William Barr. Trumps Frust bei diesen Personalien ist mit Oscar Wilde zu erklären: „Alles dauert entweder zu lange oder nicht lange genug.“

    Eine „neue Klimawirtschaft“ beschreibt meine Kollegin Kathrin Witsch in einer neuen Handelsblatt-Serie über den Öko-Aufbruch der Wirtschaft. Hier verträgt sich auf einmal, was doch so unverträglich schien: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit, Vorsorge und Vorsteuergewinn.

    • Selbst Konzerne aus der Ölindustrie rufen das Ende der fossilen Ära aus. Ganze Großunternehmen müssen sich komplett neu erfinden, weil der Kohleausstieg per Gesetz besiegelt ist.
    • Solarenergie ist mittlerweile um einiges billiger als Strom aus einem neuen Kohle- oder Gaskraftwerk.
    • Mehr als 280 Milliarden Dollar wurden 2019 weltweit in erneuerbare Energien investiert, die Kapazitäten steigen deutlich.
    • „Klimapioniere“, einst als Exoten verlacht, sind inzwischen zu Vorbildern geworden.

    Nirgendwo sieht man den Wandel besser als bei RWE in Essen. Das Unternehmen ist noch immer der größte CO2-Emittent Europas, investiert aber längst Milliarden in Wind, Solar und Wasserstoff. Nun steigt man sogar zum drittgrößten Ökostromproduzenten der EU auf. Wir kommentieren mit Bertolt Brecht: „Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“

    Das Fernsehen verformt Biographien, auch wenn es adeln und überhöhen will. So war es bei Anneliese Friedmann, legendäre Herrin der Münchener „Abendzeitung“, die dort darauf bestand, „der Verleger“ genannt zu werden. In Helmut Dietls TV-Satire „Kir Royal“ war ihr die Arbeitgeberin des Klatschreporters Baby Schimmerlos ein wenig zu „ätherisch“ nachempfunden, man folgte der Schickeria-Formel „Wer reinkommt, ist drin.“ Macht war bei Friedmann eine Frage von Kultur und journalistischem Mut, den sie einst als „Sibylle“ mit kecken Kolumnen gegen Franz Josef Strauß und für das Recht auf Abtreibung bewies, im „Stern“ und der „Süddeutschen Zeitung“.

    Dort hatte sie volontiert, 1951 den Chefredakteur und Gesellschafter Werner Friedmann geheiratet und bis zum Schluss zusammen mit Sohn Johannes Anteile gehalten – eine Fernwirkung alter Verleger-Nobilität. Sie rief aus, was heute nicht mehr selbstverständlich ist: „Journalist ist man mit Leib und Seele oder man wird gar nicht erfolgreich.“

    Am Samstag ist die studierte Kunsthistorikerin, eine Liebhaberin von Oper und Theater, im Alter von 93 Jahren gestorben.

    Quelle: dpa
    Rapper-Star Travis Scott hilft McDonalds dabei, seine fleischlosen Produkte in den USA zu verkaufen.

    Und dann ist da noch Schnellküchen-Goliath McDonald's, der vor Jahrzehnten mal hip war in der jüngeren Generation, nun aber unter dem Trend zu Veganem und Vegetarischem leidet. Da beschloss der US-Konzern, mit einer eigenen Produktreihe aus Fleischersatz gegen die boomende Konkurrenz von „Beyond Meat“ und „Impossible Foods“ anzutreten. „McPlant“ heißen die eigenen fleischlosen Burger nun, später sind Angebote mit Geflügelersatz sowie fleischlose Sandwiches geplant.

    Schon 2019 hatte das Unternehmen pflanzenbasierte Pseudo-Fleischwaren getestet, damals produzierte noch „Beyond Meat“. Jetzt macht man lieber alles selbst. Während das Geschäft von McDonald's in Deutschland bestenfalls lauwarm ist, legt der Pflanzenentdecker-Konzern aus Chicago immerhin im US-Heimatmarkt zu – eine Partnerschaft mit Rapper-Star Travis Scott bewährte sich. Vielleicht wird der bald zum Veganer.

    Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den Tag.

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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