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Morning Briefing Die Not einer Ex-Klimakanzlerin

19.07.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

fast 14 Jahre ist es her, dass Angela Merkel als „Klimakanzlerin“ in New York vor den Vereinten Nationen auftrat. Ihre Devise: „Wir alle spüren angesichts von extremen Wettersituationen, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen, Waldbränden und Hungersnöten, dass Klimaschutz eine globale Aufgabe ist, die alle angeht.“ 2007 war sie auch nach Grönland gereist, zum schmelzenden Eis. Manhattan und Ilulissat, das waren ferne Orte – Adenau im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler aber ist nah, sehr nah.

Im Flutkatastrophengebiet, das die Regierungschefin gestern besuchte, versprach sie Hilfe: Auch mittel- und langfristig werde man sich „dieser Naturgewalt“ entgegenstemmen. Und dann bekannte Merkel, es bedürfe einer Politik, „die die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir das in den letzten Jahren gemacht haben.“ Am Ende ihrer Amtszeit klingt sie wie am Anfang – was aber war zwischendurch?

Das Wasser-Inferno von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und zuletzt auch Bayern mit insgesamt fast 160 Toten ist unweigerlich zum Thema des Bundestagswahlkampfs geworden.

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    • Schlechtes Katastrophenmanagement wirft Hannah Cloke, britische Professorin für Hydrologie, den Deutschen vor. Schon neun Tage vorher hätten Satelliten erste Zeichen einer Hochwasserkatastrophe erfasst, 24 Stunden vorher seien präzise die betroffenen Gebiete benannt worden, so die Mitentwicklerin des Europäischen Hochwasser-Warnsystems. Wie bei der Corona-Pandemie zeigt der Katastrophenschutz im hochentwickelten Industrieland Bundesrepublik ungeahnte Lücken. Oder mit den Worten Clokes: „monumentales Systemversagen“.
    • Schlechtes Reputationsmanagement muss sich Kanzlerkandidat Armin Laschet bescheinigen lassen. Der CDU-Chef und NRW- Ministerpräsident hat sich wiederholt entschuldigen müssen, während einer Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Hochwassergebiet in Erftstadt im Hintergrund gefeixt zu haben: „Das war unpassend, es ist nicht in Ordnung, in einem solchen Moment zu lachen“, sagte Laschet. Ebenso wenig kanzlerwürdig wirkt, dass er das Thema Klimapolitik bisher sehr gering zu schätzen schien.
    • Schlechtes Themenmanagement schließlich ist das Problem der Grünen. Extremwetter und Klimakatastrophen sind eigentlich Sachgebiete, bei denen die Bürger diese Partei für sehr kompetent halten. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock kehrte zwar vorzeitig aus dem Urlaub zurück und machte sich in den Krisengebieten schlau – schweigt aber bisher öffentlich. Niemand soll sagen können, sie instrumentalisiere das Leid. So bleibt sie bis auf weiteres in Erinnerung mit Erklärungen zu ihrem zusammengeschusterten Buch und biographischen Korrekturen. Zu erleben ist dagegen ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck auf einer norddeutschen Küstentour, im Watt und in Salzwiesen – einer, der derzeit übers Wasser läuft.
    Quelle: Getty Images
    Keine Masken und keine Abstände: England lockert all seine Corona-Beschränkungen.
    (Foto: Getty Images)

    Ein riesiges Menschenexperiment startet heute in England. Die Regierung von Boris Johnson bittet zum „Freedom Day“: Corona-Beschränkungen werden weitgehend aufgehoben. So entfällt die Maskenpflicht, das Gebot von sozialer Distanz gilt nur für positiv Getestete, Sportstadien und Nightclubs sind wieder voll. Da die meisten Engländer doppelt geimpft sind, fühlt sich Downing Street No. 10 ermutigt, mit einem kräftigen Sprung die Schreckenszeit mit 128.000 Toten hinter sich zu lassen.

    Doch der Freiheitsbegriff der Regierung geht vielen zu weit. So wollten Premier Johnson und sein Schatzkanzler Rishi Sunak sogar lediglich ein Pilotprojekt mit täglichen Tests absolvieren, nachdem sie Kontakt mit dem infizierten Gesundheitssekretär hatten. Erst nach lauten Protesten gingen sie doch in die vorgeschriebene Selbstisolation. Zum Typus Johnson passt Oscar Wilde: „Der einzige Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Sünder besteht darin, dass jeder Heilige eine Vergangenheit hat und jeder Sünder eine Zukunft hat.“

    Wenn man über Europas Kriminelle und Deutschland spricht, fällt einem leicht der Titel eines Films von Stephen Frears ein: „Mein wunderbarer Waschsalon“. Das jährliche Volumen der in der Bundesrepublik entdeckten Geldwäsche liegt bei mickrigen 100 Millionen Euro, das sind weniger als 0,1 Prozent der vermuteten Gesamtsumme an gesäubertem und geschleudertem Schwarzgeld.

    Grafik

    Kein Wunder, dass die EU-Kommission ein besonderes Augenmerk auf die Schwarz-Rot-Gold-Wäscherei richtet. Sie legt am morgigen Dienstag ein Gesetzespaket vor, das eine neue europäische Aufsichtsbehörde vorsieht, sowie ein Verbot von Barzahlungen von mehr als 10.000 Euro. Für Auto-Fans, die für gebrauchte Youngtimer viel Cash mitbringen sollen, brechen harte Zeiten an.

    Über Nacht hat es das Produkt „Pegasus“ der NSO Group aus Israel zur weltweiten Bekanntheit gebracht. Es handelt sich um einen Trojaner, der unbemerkt Handys überwacht. Er soll weltweit bei Anwälten, Aktivisten, Top-Politikern und 180 Journalisten zum Einsatz gekommen sein. Das jedenfalls ergab die Recherche eines internationalen Journalistenkonsortiums, an der etwa WDR, NDR, „Süddeutsche Zeitung“ und „Zeit“ beteiligt waren.

    So sollen in den autoritären Staaten Ungarn und Aserbaidschan mehrere Reporter systematisch ausgespäht worden sein. „Pegasus“-Schnüffler waren auch im Umfeld des ermordeten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi aktiv. Und in Frankreich wurde das Mobiltelefon von Edwy Plenel, Gründer der Enthüllungsplattform „Mediapart“, infiziert.
    Pressefreiheit 2021: Erst kommt der Trojaner, dann die Zensur.

    Quelle: Trade Republic
    Trade-Republic-Mitgründer Christian Hecker: „Den Menschen wir zunehmend bewusst, dass die Rente in der jetzigen Form nicht reichen wird.“
    (Foto: Trade Republic)

    Fintechs gehören sozusagen zur Feinschmecker-Abteilung des Start-ups, leider riecht das Genre nach den Gaunereien von Wirecard ein wenig streng. Große Pläne hat nun Christian Hecker, Co-Gründer des Berliner Online-Brokers Trade Republic, das zu den wertvollsten Jungunternehmen Europas gehört. Im Handelsblatt-Gespräch sagt der Doppel-Bachelor (Betriebswirtschaftslehre, Philosophie) über…

    • … die eigenen Anleger: „Vielen geht es nicht nur um Rendite und Risiko, sondern um Impact-Investing. Viele junge Menschen sorgen sich nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch darüber, wie sie im Niedrigzinsumfeld langfristig und nachhaltig sparen können.“
    • … Aktien und Politik: „Aus meiner Sicht fehlt es bei allen Parteien an einem echten Zukunftsprogramm für die Altersvorsorge. Ich lese aus den meisten Programmen nur mehr Steuern in Form der Abschaffung der Abgeltungssteuer und höhere Komplexität durch wieder neue Ausnahmen heraus.“
    • … seine letzte Finanzierungsrunde von über 900 Millionen Dollar: „Bis Ende nächsten Jahres wird sich unsere Mitarbeiterzahl auf dann 800 verdoppelt haben. Wir sind bereits in Frankreich und Österreich aktiv und wollen im Laufe der nächsten zwei Jahre in der gesamten Euro-Zone vertreten sein.“

    Mut kann sich der Philosoph von Trade Republic mit Wittgenstein machen: „Auf seinen Lorbeeren auszuruhen ist so gefährlich wie auf einer Schneewanderung ausruhen. Du nickst ein und stirbst im Schlaf.“

    Und dann ist da noch Alfons Schuhbeck, der in München am „Platzl“ neben dem Hofbräuhaus so viele Geschäfte und gastronomische Betriebe betrieben hat, dass man ihn „Platzl-Hirsch“ nannte. Der 72-jährige Multi-Anrührer, der sich ganz in Weiß auch im Bayerischen Fernsehen zur Marke machte, hat nun beim Amtsgericht München Insolvenz angemeldet. Die angekündigten Staatshilfen seien ausgeblieben, teilt Schuhbeck mit – unter der Überschrift „Das nächste Corona-Opfer“.

    Von der Pleite betroffen sind Restaurants und sein Partyservice. Gewürzhandel und Beratungsgeschäft will er retten. In seiner stürmischen Karriere gab es Michelin-Sterne, zuletzt aber auch Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung. Aus einem seiner Interviews nehmen wir als Nachtisch diese Erkenntnis mit: „Es werden die übrig bleiben, die ein Haus mit Fundament und Keller gebaut haben und nicht irgendeinen Wolkenkratzer, der beim ersten Sturm zu wackeln anfängt.“

    Ich wünsche Ihnen einen wackelfreien Start in diese Woche.

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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