Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Die Schändung eines amerikanischen Symbols

08.01.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

„unfassbar“, „unvorstellbar“, „verheerend“: das sind aktuelle Lieblingsadjektive in Millionen Gesprächen über die Rebellion von Washington. Über den Aufstand von Donald Trumps Milizionären, über Alt-Right im Parlament. Warum bekommen wir unsere Gedanken nicht los vom Kapitol auf einem Hügel über dem Potomac River, vor rund 200 Jahren erbaut? Weil dieser weiße Dom mit seinen Parlamentsflügeln in all den Jahrzehnten nach 1945 ein Symbol war. Weil wir Filme wie „Mr. Smith geht nach Washington“ mit James Stewart sahen, in denen Männer ihre Träume von Freiheit, aufrechtem Idealismus und Demokratie lebten.

Quelle: dpa
Warum bekommen wir unsere Gedanken nicht los vom Kapitol auf einem Hügel über dem Potomac River, vor rund 200 Jahren erbaut?

Weil hier „E pluribus unum“ gilt: ein Land „aus vielen eins“, das jeder und jedem – Fleiß vorausgesetzt – die Chance auf Glück verspricht. Deshalb empfinden wir das Wüten des marodierenden Mobs als Schändung, als Schnitt ins eigene Fleisch. Als Bild unheilvoller negativer Kraft, so wie das Hineinsteuern zweier Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers. Nur diesmal sitzt der Feind innen, nicht außen. Es ist wie einst beim amerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair, dessen Karriere als demokratischer Politiker scheiterte: „Wir müssen einfach die Tatsache anerkennen, dass unsere Feinde sehr erfolgreich die ,Große Lüge‘ verbreitet haben.“

Nachdem der Kongress trotz des allgemeinen Chaos den neuen Präsidenten Joe Biden bestätigt hat, sind es noch zwölf Tage bis zu dessen Inauguration. Die Uhr für Donald Trump tickt. Doch die Demokraten wollen den Mann, der Blut an seinen Händen hat, am liebsten sofort absetzen lassen. Das fordert Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, von Vizepräsident Mike Pence. Die Mehrheit des Kabinetts solle mit Verweis auf den 25. Zusatzartikel der Verfassung die Entlassung ihres Chefs einleiten, begründet mit Trumps Unfähigkeit, die Amtsgeschäfte zu führen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Den eigenen Rücktritt als Protest gegen das „traumatische, absolut vermeidbare Ereignis“ wählt dagegen Verkehrsministerin Elaine Chao. Trumps Team macht sich von Deck und zwei seiner liebsten Spielzeuge der öffentlichen Desinformation ist er auch schon los: Mark Zuckerberg sperrt ihm Facebook und Instagram für die Dauer seiner Restregierungszeit. Twitter dagegen lässt den Noch-Präsidenten wieder zu, dessen Botschaften von QAnon-Verschwörungstheoretikern und „Proud-Boys“-Agitatoren offenbar gelesen werden wie Gleichnisse in der Kirche. Beide Gruppen waren maßgeblich an den jüngsten Ausschreitungen beteiligt, wofür die „Süddeutsche Zeitung“ die Headline des Tages findet: „Kapitolverbrechen“.

    Eine beliebte Frage ist, ob dieses Kapitolverbrechen – das die Polizei bei „Black Lives Matter“ garantiert verhindert hätte – nun das Ende oder den Anfang des Schlamassels bedeutet. Eher das Ende vermutet Historiker Christopher Clark im Gespräch mit meinem Kollegen Torsten Riecke. Trump habe stark von der normativen Kraft des Faktischen gelebt, also vom Amtsbonus: „Wenn ihm jetzt der Stecker der Macht gezogen wird, fällt vermutlich auch seine sehr heterogene Anhängerschaft auseinander.“

    Der geopolitische Dominanzstil werde durch den Abgang Trumps ebenfalls einen empfindlichen Legitimationsverlust erleiden: „Bleiben wird hingegen die Vertrauenskrise, die durch Trump verstärkt wurde, aber schon mit der globalen Finanzkrise begonnen hatte.“ In seinem neuen Buch „Gefangene der Zeit“ spannt Autor Clark gar nicht schlafwandelnd einen weiten Bogen von Nebukadnezar bis Trump. Und erklärt, dass große Wendeereignisse wie jetzt in Washington dem Gefühl ein Ende setzten, „dass unsere Gegenwart ewig andauern würde“.

    Wie sehr das Image Amerikas in den letzten Tagen gelitten hat, vermitteln die autokratisch regierten Staaten dieser Welt. Tenor: Dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten könne niemandem eine Lektion über Demokratie erteilen. Es sei klar geworden, wie „zerbrechlich und schwach“ westliche Demokratie sei, so Irans Präsident Hassan Rouhani. Das amerikanische System „hinkt auf beiden Füßen“, spottet der russische Parlamentarier Konstantin Kosachev, während eine Sprecherin der chinesischen Regierung viel Brutalität bei der US-Polizei sieht: Obwohl der Grad der Zerstörung und Gewalt geringer war als in Hongkong, seien vier Menschen gestorben.

    Geschockt über die Jagdszenen aus Washington sind viele deutschen Top-Manager. „Einige der Bilder erinnern fatal an die schwarzen Stunden der Weimarer Republik“, erklärt Eon-Chef Johannes Teyssen. „Mit Demokratie, wie ich sie in den USA bislang erlebt habe, hat das nichts zu tun“, sagt Tengelmann-Chef Christian Haub, der lange in Greenwich, Connecticut, gelebt hat. Und SAP-Chef Christian Klein zitiert kurzerhand den amerikanischen Richter Charles W. Pickering: „Eine gesunde Demokratie erfordert eine anständige Gesellschaft.“ Wenn es jedoch nach Anstand ginge, hätte der mehrmalige Bankrotteur Trump niemals in die Vorwahlen kommen dürfen.

    Quelle: Microsoft
    Vielleicht könnte man den Werber Rohit Bhargava, der als Zukunftsforscher wirkt, auch in die Kategorie „Flux Commerce“ einordnen.
    (Foto: Microsoft)

    Ein ganz anderes Thema: Wenn man ehrlich ist, haben neue Technologien bisher zu etlichen salbungsvollen Sonntagsreden, aber keinesfalls zu einer steigenden Produktivität in der Wirtschaft geführt. Das werde jetzt, nach der Herausforderung durch die Pandemie, ganz anders, beschreiben wir in unserem großen Wochenendreport. Wir stünden womöglich an jenem Punkt auf einer „J-Kurve“, von dem an es steil nach oben geht. Und so beschreiben wir 17 Techno-Trends, vom mRNA-Impfstoff über digitale Patientenakten bis zum Übersetzer im Ohr.

    Den theoretischen Überbau für die Analyse „Wachstum durch Technik“ liefert ein Gespräch mit dem amerikanischen Futurologen Rohit Bhargava. Der Bestsellerautor und Ex-Werber sagt im Einzelnen über…

    • seinen Rat an Manager, Trends aufzuspüren: „Ich sagen Ihnen: ,Lesen Sie Magazine, die nichts mit Ihrem Geschäft zu tun haben.‘ Ich lese ,Teen Vogue‘, Zeitschriften über Landwirtschaft oder Mobilfunk. Ich will raus aus meiner Komfortzone.“
    • seinen Job: „Ich sage nicht die Zukunft vorher, sondern ich spüre die beschleunigte Gegenwart auf. Ich sehe Dinge, denen die meisten keine Aufmerksamkeit schenken, und sage vorher, dass sie populärer werden.“
    • über Flux Commerce: „Damit meine ich, dass zwei völlig verschiedene Konzepte zusammenkommen. Banken eröffnen Cafés, Taco Bell betreibt ein Hotel, die Stiftemarke Crayola bietet Make-up an.“

    Vielleicht könnte man einen Werber, der als Zukunftsforscher wirkt, auch in die Kategorie „Flux Commerce“ einordnen.

    Quelle: Reuters
    Einer, den sie „Slowhand“ nannten und per Graffito – „Clapton is God“ – schon in den 1960er-Jahren für ewig in den Himmel holten.

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: Die kollektive Verirrung namens „Brexit“ erschwert derzeit den Auftritt britischer Rockgrößen auf dem Kontinent – da wirkt ein Gesalbter des Geschäfts von der Insel umso eindrucksvoller: Eric Clapton nannten sie „Slowhand“ und holten ihn per Graffito – „Clapton is God“ – schon in den 1960er Jahren für ewig in den Himmel. Der TV-Sender Arte widmet dem Gitarristen, dem letzten Lebenden von „Cream“, an diesem Freitag einen Schwerpunkt. Der Dokumentarfilm „Leben mit dem Blues“ bringt persönliches, ungewöhnliches Material, gefolgt vom Konzert zum 70. in der Royal Albert Hall.

    Und dann ist da noch der Fleischfabrikant Clemens Tönnies, der seine erkaltete Liebe zum Fußballklub Schalke 04 aufwärmen wollte, dabei aber scheiterte. Der langjährige Aufsichtsratschef, im Sommer 2020 ausgeschieden, bot bis zu zwölf Millionen Euro Soforthilfe für den chronisch sieglosen Tabellenletzten der Bundesliga, finanziert über einen Sponsoring-Deal.

    Schönes Geld, er werde Schalke nicht hängen lassen. Einzige Bedingung: Ein einstimmiges Ja-Votum im Aufsichtsrat. Doch es gab im Kontrollgremium „nur“ einen 9:2-Sieg, zwei Kontrolleure verweigerten sich, offenbar aus Angst vor einem wachsenden Einfluss des 64-jährigen Big Spenders, auch wenn der ein mögliches Comeback weit von sich weist. Man kann festhalten, dass so einiges schief läuft in Gelsenkirchen, von „Glückauf“ kann keine Rede sein, eher von Pech in Serie – was Tönnies einmal zum Schluss seiner Regentschaft so charakterisiert hat: „Wenn wir anfangen würden, mit Särgen zu handeln, dann stirbt keiner mehr.“

    Ich wünsche Ihnen ein sehr lebendiges, ganz und gar entspannendes Wochenende.

    Es grüßt Sie herzlich Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

    Morning Briefing: Alexa
    Startseite
    Mehr zu: Morning Briefing - Die Schändung eines amerikanischen Symbols
    0 Kommentare zu "Morning Briefing : Die Schändung eines amerikanischen Symbols"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%