Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Die Verzweiflung der Angela Merkel

07.05.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Liebe Leserinnen und Leser,

was einmal eine konzertierte Aktion der deutschen Politik war, ist nun in die Machtzentralen miteinander rivalisierender Bundesländer übergegangen – mit einer Kanzlerin, die durch eine eingebaute Notbremse auf regionaler Ebene (Restriktionen bei mehr als 50 neuen Infektionen auf 100.000 Einwohner) gerade noch ihr Gesicht wahren durfte. Das ist der Stand nach dem großen Tag der Lockerung im Kampf gegen Covid-19.

Aus der überlangen Schaltkonferenz mit den Ministerpräsidenten werden Angela-Merkel-Sätze kolportiert wie: „Ich bin kurz davor aufzugeben.“ Es sind Äußerungen der Verzweiflung gegen eine Stimmung, die das Virus quasi für erledigt hält. Mahner wie der DIW-Chef Marcel Fratzscher erscheinen plötzlich als Exoten: Für ihn hat die Politik die „Gefahren einer sehr viel schädlicheren zweiten oder dritten Ansteckungswelle leichtfertig ausgeblendet“. Und auch die Warnung des Virologen Alexander Kekulé vor einem „viralen Orkan“ im Herbst ist für viele inzwischen so relevant wie Limonade im neu eröffneten Biergarten.

Quelle: dpa
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) findet, dass viele Bundesländer schon sehr viel sehr schnell lockern wollten.

Käme es zu einer zweiten oder dritten Welle, will die Verantwortung vermutlich keiner übernehmen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der mit einem eigenen „Bayern-Plan“ vorgeprescht war, findet aktuell, dass viele Länder schon sehr viel sehr schnell lockern wollten. „Wir in Bayern haben da einen etwas umsichtigeren Kurs gefahren, im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen beispielsweise“, sagte er gestern im „heute-journal“ des ZDF mit leichter Läster-Tendenz.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Wir merken: Das Talk- und Walk-Duell mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wird weitergehen, bis die Kanzlerfrage der Union geklärt ist. In einer jüngsten Umfrage ist die Zufriedenheit der Bayern mit Söder übrigens von 71,1 Prozent auf 59,8 Prozent gesunken.

    Der neue Kurs der stufenweisen Lockerung sorgt für die Zustimmung der Wirtschaft, aber auch für ein paar weitere Gestaltungswünsche. Um welche es sich handelt, zeigt unsere Titelgeschichte. „Was fehlt, ist ein abgestimmter Ausstiegsplan aus dem Shutdown in dieser Phase größter Unsicherheit“, urteilt BDI-Präsident Dieter Kempf. Arndt Kirchhoff, CEO der Kirchhoff-Gruppe, fordert „Konjunkturhilfen, damit wir keine Steuerhilfen verschwenden“. Und Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Maschinenbauers Trumpf, erklärt, man müsse künftig „auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Aspekte prominent berücksichtigen“. Ein P-Wort macht hier überall die Runde: nicht „Pandemie“, sondern „Perspektive“.

    Rasant wie beim „Überfallfußball“ schneller Kontermannschaften hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gestern Abend Fakten geschaffen. Das Präsidium setzt den 15. Mai als Starttermin für die Wiederaufnahme des (dann zuschauerlosen) Spielbetriebs fest. Erst wenige Stunden zuvor hatte die hohe Politik, ganz allgemein, den Anpfiff in der zweiten Mai-Hälfte erlaubt: „Die Sonderstellung von Berufssportlern erfordert – auch rechtlich – eine gesonderte Beurteilung.“ Die berühmte „Extrawurst“, die derzeit andauernd zitiert wird, ist somit amtlich geprüft und abgenommen. Begeisterung für diesen Geisterfußball mit Risiko dürfte jedoch schwerer zu erreichen sein als die nun fließenden 230 Millionen Euro von Sky Deutschland.

    Quelle: dpa
    Wirtschaftsweise Monika Schnitzer schlägt vor, den EU-Haushalt zu erweitern.

    Allen Bittstellern, die es in diesen Tagen auf Staatsgeld abgesehen haben, sei ein Handelsblatt-Interview mit der neuen Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer empfohlen. „Unternehmen“, sagt sie, „sollten ganz grundsätzlich in der Lage sein, ein paar schwierige Monate zu überstehen.“ Die Autobranche zum Beispiel könne das ganz sicher, da sie in den letzten Jahren sehr gut verdient habe. Die Wettbewerbsexpertin empfiehlt in der Coronakrise auch, dass Geld von weniger belasteten EU-Ländern zu stärker belasteten fließen solle. Schnitzer: „Man sollte darüber nachdenken, den EU-Haushalt zu erweitern.“ Hierzu kämen neue Programme etwa im Gesundheitswesen in Frage oder neue Möglichkeiten, Einnahmen zu schaffen. Wir denken an Mark Twain: „Menschen mit einer neuen Idee gelten solange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.“

    Südkoreas Wirtschaft gehört ganz „Jaebeols“, riesigen Trusts im Besitz von Großfamilien. In dieser Phalanx sticht Samsung heraus, an dessen Spitze der Enkel des Firmengründers nun in seiner ersten Pressekonferenz seit 2015 Sensationelles verkündete: „Ich werde die Unternehmenskontrolle nicht an meine Kinder vererben“, sprach Lee Jae-yong, der auch als „Jay Y. Lee“ bekannt wurde. Er habe schon lange darüber nachgedacht, „aber ich zögerte, es öffentlich zu machen“, so die Samsung-Größe weiter. Der Schritt folgt auf eine Skandalserie, bei der der inzwischen 51-jährige Lee-Clanchef wegen Bestechung der Regierung sogar 2017 in Haft musste. Über so viel Trouble zerbricht die familiäre Totalkontrolle: „Ich entschuldige mich.“

    Im Rettungsdienstfall Lufthansa gelten Finanzminister Olaf Scholz und seine SPD als Fans einer direkten Beteiligung von 25,1 Prozent. Wenn schon, denn schon, ist die Devise, schließlich braucht die derzeit weitgehend inaktive Airline zehn Milliarden Euro Hilfe. Der Vorstand der Unionsfraktion hat sich aber nun gegen solche Pläne ausgesprochen, wie meine Kollegen erfahren haben: „Es gab eine einhellige Meinung“, bestätigt ein Sprecher. Man ist hier für Wandelanleihen. CDU/CSU-Fraktionsvize Carsten Linnemann: „Es darf nicht dazu kommen, dass Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden.“ Das ist eigentlich ein klassischer SPD-Satz.

    Quelle: Reuters
    Der Experte Neil Ferguson hat sich selbst nicht an die Kontaktsperre gehalten, die er dem britischen Premier empfohlen hatte.

    Und dann ist da noch der britische Epidemiologe Neil Ferguson, ein „Professor Lockdown“, der die Regierung in London zu strengen Coronaregeln ermuntert hat. Doch der Experte hielt sich selbst nicht an die Kontaktsperre, die er als Berater von Premier Boris Johnson so vehement pries. Vielmehr ließ er seine Geliebte mehrmals quer durch London zum Schäferstündchen in seine Wohnung fahren, wie die britische Presse durchaus detailverliebt erzählt. Da blieb Ferguson, der wegen Covid-19 schon zwei Wochen in Quarantäne war, wenig anderes als der Rücktritt übrig: „Ich habe falsch gehandelt.“ Nun soll sich der etwas defokussierte Forscher ganz seiner Arbeit am Imperial College in London widmen.

    Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag mit Prinzipientreue und natürlich voller Konzentration. Schön ist übrigens auch, dass 45 Prozent der Männer in einer US-Umfrage angaben, sich um das „Homeschooling“ ihrer Kinder zu kümmern, aber nur drei Prozent der Frauen dem zustimmten.

    Es grüßt Sie herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

    Morning Briefing: Alexa
    Startseite
    0 Kommentare zu "Morning Briefing : Die Verzweiflung der Angela Merkel"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%