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Morning Briefing Die Viren im Weißen Haus

06.10.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

im Weißen Haus gehen derzeit zwei Viren um: Zum einen das bekannte Coronavirus, mit dem sich zuletzt auch die Pressesprecherin infizierte, zum anderen das noch bekanntere Propagandavirus. Je stärker Donald Trump in den Umfragen zur Präsidentschaftswahl zurückliegt, umso zahlreicher werden seine Tweets, umso poesiealbummäßiger seine Äußerungen: „Habt keine Angst vor Covid. Ich fühle mich besser als vor 20 Jahren!“ So leitete der positiv getestete Regierungschef gestern Nacht – ungeachtet von 210.000 Covid-Toten in den USA – seinen Auszug aus dem Walter Reed Medical Center ein. Die Börse jubelte. Andere wie der Journalist Chris Wallace, der das erste TV-Duell moderiert hatte, kommen aus dem Schimpfen nicht heraus: Im Fernsehstudio habe sich die Trump-Entourage schnell aller Masken erledigt. Schutz ist hier offenbar etwas für „Weichlinge“.

Quelle: AFP
Olaf Scholz empfindet sich nicht als reich. Er verdiene gut, sagte er in einem ARD-Interview.
(Foto: AFP)

Als Millionär und Christdemokrat Friedrich Merz vor zwei Jahren nach seinem Reichtum gefragt wurde, wand er sich: „Ich würde mich zu der gehobenen Mittelschicht in Deutschland zählen.“ Auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz begann im ARD-Interview einen wahren Hindernis-Slalom an allen gefährlichen Stangen einer Imageschädigung vorbei: „Ich verdiene ganz gut. Als reich würde ich mich nicht empfinden.“ Bei monatlich knapp 15.000 Euro ist allerdings die Distanz zum durchschnittlichen Nettoeinkommen von rund 2000 Euro beträchtlich, zumal Ehefrau Britta Ernst als brandenburgische Bildungsministerin weitere 14.000 Euro im Monat verdient. Zur Erbauung sei allen reichen Nicht-Reichen George Bernard Shaw empfohlen: „Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht. Allerdings meint man damit das Geld der anderen.“

Noch einmal Merz: Als vorsichtiger Finanzpolitiker profiliert er sich in der fortwährenden Coronakrise. Es sei in „der jetzigen Lage unseriös, Steuersenkungen anzukündigen oder Steuererhöhungen gänzlich auszuschließen“, sagt der Mann, der am 4. Dezember um den CDU-Vorsitz kämpft, im Handelsblatt-Interview. Die Pandemie wirke nach, „so schnell wie aus der Finanzkrise kommen wir aus dieser Krise nicht wieder raus“. Vielleicht allzu vorsichtig ist der Sauerländer in der Frage, ob er denn bei der Bundestagswahl 2021 kandidiere: „Das werde ich nach dem Bundesparteitag entscheiden.“ Das klingt, als scheue hier einer aus der gehobenen Mittelschicht das Risiko.

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    Der Merz-Dialog gehört zu einer Reihe von Interviews in unserer aktuellen Ausgabe. Dass er mit Krisen auch größter Art betraut ist, beweist zum Beispiel Joachim Wenning, Chef des Rückversicherers Munich Re. Seine Firma forscht mit großem Aufwand über die Katastrophen dieser Welt – es soll schließlich gegen und für alles eine Police geben.

    Wenning sieht aktuell den öffentlichen Sektor und privates Management gefordert: „In einer solchen Krise braucht es immer den starken Staat. So wie im Unternehmen dann auch die führende Hand eines starken Managements gefragt ist. Die Menschen suchen Orientierung.“

    Zur Frage, was Corona kostet, sagt er: „Menschenleben. Und unsere Ersparnisse, wie sich an der wachsenden Staatsschuldenlast ablesen lässt. Es geht um viel Geld.“

    Schließlich erläutert Wenning zwar nichts zu Bilanzzahlen und Prognosen, gibt aber eine Ausschüttungsgarantie ab: „Es ist seit Jahrzehnten unsere Ambition und ausnahmslos gelebte Praxis, dass unsere Dividende gleich bleibt oder steigt. So wird es – Stand heute – auch im nächsten Jahr bleiben.“

    Das einfache Geheimnis hinter solchen Aussagen sind steigende Prämien und riesige Bilanzpuffer. Eine solche Krise muss man sich leisten können.

    Und schließlich habe ich mich mit dem Business Angel Cornelius Boersch und dem Ex-Konzernchef Thomas Middelhoff über „Zukunft verpasst?“ unterhalten, ihr Buch zur gescheiterten Digitalisierung in Deutschland. Ihre Diagnose: ein „Scherbenhaufen“, die „Nuller Jahre“ seien ein „verlorenes Jahrzehnt“ gewesen. Das Duo spricht vom „kollektiven Versagen der Wirtschaft“, in China würden wir nicht mehr richtig ernst genommen. Ihr Rezept: ein Zehn-Punkte-Plan. Sie wollen zum Beispiel digitale Infrastrukturfonds, Quoten für Regierungsaufträge an Start-ups, bessere Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, aber auch radikale Regeln für Konzerne gegen innovationsfeindliche Machtstrukturen: Deshalb dürften CEOs und Vorstände höchstens zehn Jahre amtieren und später auch nicht in den Aufsichtsrat ihrer Firma wechseln. An Provokantem fehlt es hier nicht, auch wenn Jeff Bezos von Amazon (26 CEO-Jahre) und Mathias Döpfner von Springer (18 CEO-Jahre) über die letzte Idee leicht schmunzeln dürften.

    Über all die Pandemie-Berichterstattung gerät zuweilen die Klimakatastrophe etwas in Vergessenheit. Auf der gestrigen Handelsblatt-Veranstaltung „Zukunftsstrategien: Entscheidende Faktoren für die neue Normalität“ war das bei drei Gestaltern der deutschen Wirtschaft anders. So stellte Henkel-Chef Carsten Knobel Nachhaltigkeit als „zentralen Bestandteil unserer Geschäftsstrategie“ heraus, mit 100 Millionen Euro aus dem platzierten „Plastic-Waste-Reduction-Bond“ wolle man bis 2025 die eigenen Verpackungen recyclingfähig machen. Vonovia-Chef Rolf Buch fand es als „erzieherisches Mittel richtig, dass die Klimaziele verschärft wurden“. Und Berenberg-Bankchef Hans-Walter Peters glaubt, dass wir mit den gesetzten Klimazielen „die Chancen haben, mit größeren Schritten in diese Richtung zu gehen“. Der Optimist hat das Flugzeug erfunden, der Pessimist den Fallschirm, aber die Gesellschaft braucht beides.

    Quelle: dpa
    Mindestens 14 Millionen Tonnen kleinster Plastikteilchen liegen auf dem Boden der Weltmeere.

    Wie richtig Henkel-CEO Knobel mit seiner Anti-Plastikstrategie liegt, zeigt eine neue Studie von australischen Forschern. Danach liegen mindestens 14 Millionen Tonnen kleinster Plastikteilchen – weniger als fünf Millimeter groß – auf dem Boden der Weltmeere. Es könnte am Grund 30 Mal mehr Plastik liegen, als an der Oberfläche schwimmt. Die Wissenschaftler fanden den Dreck mehr als 300 Kilometer von der australischen Südküste entfernt. Dass Mikroplastik an einem solch entlegenen Ort und in solchen Tiefen gefunden wurde, lasse auf die Allgegenwart dieses Stoffes schließen, „es macht keinen Unterschied, wo auch immer man sich in der Welt befindet“, erklärt eine Forscherin.

    Quelle: dpa
    Meret Becker will keine Tatort-Kommissarin mehr spielen: „Ich weiß, aus finanzieller Sicht ist es eigentlich dusselig aufzuhören, aber das hat für mich keine Priorität.“

    Und dann ist da noch die Schauspielerin Meret Becker, die der Erwerbsmaximierung abschwört und 2022 als Berliner „Tatort“-Kommissarin aufhört. „Ich weiß, aus finanzieller Sicht ist es eigentlich dusselig aufzuhören, aber das hat für mich keine Priorität. Ich bin eher ein Nomade, der dann auch mal weiterzieht“, sagt sie der „Augsburger Allgemeinen“. Becker hadert auch damit, dass ihr Mitspracherechte teilweise weggenommen worden seien, und sagt über Redakteure: „Eigentlich möchten sie uns beistehen, müssen es aber wegen der Quote allen recht machen.“ Genau diese Quote aber hat ihr eigenes Leben verändert, wie sich die 51-Jährige am Ende wundert: „Ich mache seit 35 Jahren Arthouse-Kino und Musik, und hängen bleiben wird bei den Leuten der ,Tatort‘“.

    Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag ohne Dusseligkeiten.
    Herzliche Grüße

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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