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Morning Briefing Die Welt vertraut Deutschland nicht mehr

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

soll nachher keiner sagen, es gab keine Warnungen. Die vielen Krisen-Anzeichen haben Mervyn King, einst Chef der Bank of England, in Washington vor dem Internationalen Währungsfonds zu einer Brandrede motiviert. „Wir schlafwandeln in die nächste große Finanzkrise“, warnt er, ein „finanzielles Armageddon“ hätte furchtbare Auswirkungen auf die Legitimität des demokratischen Systems.

Niemand bezweifele die derzeitigen Turbulenzen bedingt etwa durch Handelskriege, so King, aber keiner hinterfrage die Grundlagen der Wirtschaftspolitik. Das sei anders als nach der Großen Depression Anfang der 1930er Jahre. Der Rat des Geldexperten: Es sei Zeit, dass sich die wichtigsten Zentralbanker hinter den Kulissen mit der Politik darüber verständigten, wie verletzlich das System sei.

Quelle: AP
Boris Johnson will heute ein neues Gesetz zum Ausstieg aus der EU durch das Unterhaus bringen.
(Foto: AP)

Nach der Brexit-Abstimmung ist vor der Brexit-Abstimmung, nach diesem bekannten Motto geht es in diese Woche. Boris Johnson will schon heute ein neues Gesetz zum Ausstieg aus der EU durch das Unterhaus bringen – und ist sich sicher, eine Mehrheit zu haben. Noch am Samstag war der Premier und Chef der konservativen Tories mit seinem Widerstand gegen den Antrag gescheitert, die Ratifizierung des EU-Ausstiegsvertrags zu verschieben.

Angesichts der Wirren in Westminster möchte die EU-Kommission wohlweislich abwarten, was Johnsons aktuell geäußerter Wunsch nach einem Brexit-Aufschub um drei Monate wirklich bedeutet. Einen Brief mit diesem Inhalt hat er nicht unterschrieben, wohl aber einen zweiten Brief, in dem er erklärt, beim geplanten Exit-Datum am 31. Oktober bleiben zu wollen.

Die Dinge in der Causa Brexit sind also nie so, wie sie zu sein scheinen. Immer ist auch das Gegenteil wahr. So arbeitet die Labour-Opposition trotz anderslautender Informationen daran, Johnsons Antrag zum Kippen zu bringen und einen besseren Vertrag zu erzwingen, inklusive eines neuen Referendums. Sir Keir Starmer, Brexit-Schattenminister von Labour, kündigt an, Tory-Rebellen sowie die nordirische DUP als Partner gewinnen zu wollen. Und man setzt darauf, dass sich Speaker John Bercow im Parlament weigert, schon wieder eine fürs Land bedeutsame Abstimmung anzusetzen. Und wieder gilt Oscar Wildes Beobachtung: „In der Wahl seiner Feinde kann man gar nicht vorsichtig genug sein.“

4,9 Millionen Dollar für Ärzte öffentlicher Kliniken in Saudi-Arabien, zuweilen in Taschen voller Bargeld. Einladungen für vier Ärzte plus Ehefrauen nach Nord- und Mittelamerika, alles für fast 400.000 Dollar. Oder fünf Euro Bonus für jedes verwendete Dialyse-Kit in Kamerun – alles offenbar Bestechungsgelder für Vertriebssteigerungen bei Fresenius Medical Care (FMC).

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen mehrere Beschuldigte, haben WDR, NDR und „Süddeutsche Zeitung“ recherchiert. Basis ist ein 17-Seiten-Bericht der US-Finanzaufsicht SEC über Schmiergelder in 18 Ländern, die meisten in Afrika. In den USA hat der Dax-Konzern deswegen bereits im März im Rahmen eines Vergleichs 231,7 Millionen Dollar an Strafgeldern gezahlt.

Quelle: imago images / Photo12
„Die Unternehmen müssen transparent sein, Verbraucher müssen ihnen vertrauen“, fordert PR-Eigentümer Richard Edelman.
(Foto: imago images / Photo12)

Es sind solche Vorkommnisse wie bei FMC, die weiter dem Image des Standorts Deutschland schaden – nach Dieselgate, den Deutsche-Bank-Skandalen sowie den Prozessen rund um Bayer-Monsanto. Das Vertrauen anderer Industrie-Nationen in deutsche Firmen fiel im „Trust Barometer“ der PR-Agentur Edelman weltweit innerhalb eines Jahres um sage und schreibe 15 Prozentpunkte auf nur 44 Prozent. „Die Unternehmen müssen transparent sein, Verbraucher müssen ihnen vertrauen“, fordert PR-Eigentümer Richard Edelman im Handelsblatt-Interview. Aber auch die CEOs müssten anführen und dabei gesehen werden – in Deutschland vertrauten ihnen derzeit nur 17 Prozent der Bevölkerung.

Noch ein interessantes Interview findet sich beim Blättern durch unsere aktuelle Ausgabe: Es ist das erste, das der neue Munich-Re-Finanzchef gibt. Christoph Jurecka, dessen Arbeitgeber seit Jahren in Studien vor dem Klimawandel warnt, führt darin zu umweltpolitischen Maßnahmen aus: „Ein CO2-Preis muss wehtun“, sonst werde er keine Steuerungswirkung haben. Bei zehn Euro pro Tonne Kohlendioxid könne man daran Zweifel haben. Der 45-jährige CFO ging auch auf die Niedrigstzinsen ein: „Die wirklich gefährlichen Folgen des Zinsrückgangs sind gesellschaftliche – ganz ähnlich wie beim Klimawandel.“ Wenn er an die vielen Sparer denke, bräuchten wir eigentlich einen „Fridays for Future“ für Zinsen.

„Kreta statt Greta“ – mit dieser Losung zog die Jugend der konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) in den Wahlkampf, der Klimawandel sei nur ein linkes Hirngespinst. Das Ergebnis: Die SVP bleibt nach den Parlamentswahlen zwar mit 25,8 Prozent stärkste Kraft, muss aber erhebliche Einbußen (minus 3,6 Prozentpunkte) hinnehmen.

Die Grünen hingegen haben mit 13 Prozent (fast sechs Prozentpunkte mehr) die Christdemokraten als viertstärkste Partei abgelöst – es ist noch unklar, ob sie damit einen Sitz in der siebenköpfigen Regierung unseres Nachbarlandes bekommen. Da zudem die Grünliberalen um 3,3 Punkte zulegen, kommen beide Öko-Parteien jetzt addiert auf knapp 21 Prozent. Wer vor dem Klimawandel die Augen verschließt, der wird von den Wählern abgestraft, kommentiert unser Züricher Korrespondent Michael Brächer.

Wie geht es weiter mit den deutschen Familienunternehmen in einer Welt, die permanent „Revolution!“ und „Disrupt Yourself“ brüllt? Das ist die Frage für die nächste Generation, die in vielen Häusern das Zepter übernommen hat. Mit unserer exklusiven Abendveranstaltung „Hall of Fame – Next Generation“ bieten wir eine Plattform zum Austausch. Am 29. Oktober treten in Hamburg zum Beispiel der Hirnforscher John-Dylan Haynes, Künstler Sasha sowie die Chefs der Edding AG und von Berner SE auf. Eine Handvoll Karten habe ich für Sie reserviert, bitte schreiben Sie mir: [email protected]

„Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“ (Cees Nooteboom): Das ist der tiefere Grund, warum die Roland Berger Stiftung die für heute Abend angesetzte Verleihung des Preises für Menschenwürde absagt und auf 2020 verschiebt. Der polnische Menschenrechtsbeauftragte Adam Bodnar sowie das „Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hatten verkündet, den Preis nicht anzunehmen. Stifter Roland Berger erklärt, das zu respektieren, „um weiteren Schaden von meiner Stiftung abwenden und den Geist der Auszeichnung für kommende Preisträger zu wahren“.

Man hätte gerne mehr über Bodnar und das Schul-Netzwerk erfahren, aber im Weg steht Geschichtsklitterung. Roland Berger hatte die Gründung der Stiftung stets mit den Leiden seines Vaters Georg in der NS-Zeit begründet – doch in Wirklichkeit war, wie meine Kollegen recherchierten, Senior Berger gar kein Opfer, sondern vielmehr Profiteur der Nazis gewesen.

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Die rechtspopulistische Partei FPÖ hat die Facebook-Seite ihres einstigen Chefs, Heinz-Christian Strache, deaktiviert.
(Foto: AP)

Und dann ist da noch Heinz-Christian Strache, einst Chef der FPÖ, dessen rechtspopulistische Partei nun seine Facebook-Seite mit fast 800.000 Nutzern deaktiviert hat. Sie sei Eigentum der Partei, weil sie mit Mitteln der FPÖ aufgebaut worden sei, heißt es. Strache hatte gefordert, ihm die alleinigen Administratoren-Rechte zu übertragen. Die „Ibiza-Affäre“, die zu seinem Rücktritt führte, hat im Übrigen in Österreich noch ganz andere Auswirkungen. Das Video von der Balearen-Insel hat den einschlägig bekannten Hersteller ÖKM aus Bad Ischl zu einer Pornoparodie namens „Ibiza-Oligarchin“ stimuliert. Es soll sich um eine der erfolgreichsten Produktionen der letzten Jahre handeln.

Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Start in die Woche.

Es grüßt Sie wie immer herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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