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Morning Briefing Die Zeit, die uns bleibt

06.04.2020 - 06:00 Uhr 1 Kommentar

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

mit dem Der-Exit-muss-doch-bald-kommen-Gefühl gehen wir in die dritte Woche der faktischen Betriebsschließung der Deutschland GmbH. Die Lockerung der Einschränkungen war erst für den Tag nach Ostern, dann für den 20. April, schließlich für Mai versprochen worden. Nach insgesamt 100.000 Infizierten (so die offizielle Zahl) bereitet Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) die Deutschen in einer Interview-Stafette unentwegt darauf vor, dass „die Zeit mit den höchsten Infektionszahlen noch vor uns liegt“. Anders gesagt: Die Politik braucht mehr Zeit, bis Schutzmasken, Material, digitale Hilfsmittel, Beatmungsgeräte und Intensivbetten für all die zu erwartenden Covid-19-Patienten auch ausreichen. Wortreichtum ist Mängelkampf.

Quelle: Reuters
Der britische Premierminister Boris Johnson wurde wegen anhaltender Corona-Symptome ins Krankenhaus eingeliefert

Patient in einem Londoner Krankenhaus wurde gestern Nacht Boris Johnson. Der britische Premier zeigt – zehn Tage nach der Diagnose – „hartnäckige Corona-Symptome“, wie Downing Street 10 bestätigt. Es handele sich bei der Hospitalisierung um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Und doch stellt sich für manchen die Frage nach der Regierungsfähigkeit des Politikers, der im Anti-Virus-Kampf „schwere Fehler“ machte, wie der neue Labour-Chef Keir Starmer zu seinem Einstieg erklärt. Kurz vor Johnsons Einlieferung hatte sich Queen Elizabeth II. in einer TV-Ansprache direkt ans Volk gewandt – erst zum vierten Mal in ihrer fast 70-jährigen Amtszeit. Die gemeinsame Antwort auf Covid-19 werde das Land vereinen, motivierte die Monarchin: „Die, die nach uns kommen, werden sagen, dass diese Generation der Briten so stark war wie jede zuvor.“ Cromwell, Nelson und Churchill hätten diesen Satz auch geliebt

Heute wird Sebastian Kurz den Beweis antreten wollen, dass Österreich Pionier im Anti-Corona-Kampf bleibt (was für die Virenverteilzentren in den Ski-Hotspots Tirols ohnehin nie galt). Der schneidige Bundeskanzler aus Wien plant, auf Standortdaten der Mobiltelefone seiner Mitbürger zuzugreifen. Der Deal für einen Exit aus der Quarantäne-Politik sieht dann so aus: mehr Wirtschaft, weniger Datenschutz, mehr ökonomische Freiheit, weniger Anonymität. Jene zwei Millionen Österreicher ohne Smartphone sollen zwecks Standortermittlung sogar mit einem speziellen Schlüsselanhänger bedacht werden. Gegen Ideen in Kurz‘ Regierungspartei ÖVP, solches „Tracking“ zur Pflicht zu machen, wehrt sich die Opposition. Das sei, so die SPÖ, eine „elektronische Fußfessel für alle Österreicher“. Von George Orwell, Autor von „1984“, wissen wir: „Die Folgen jeder Handlung sind schon in der Handlung selbst beschlossen.“

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    Quelle: dpa
    Ex-Außenminister Sigmar Gabriel kritisiert die EU für ihr Corona-Krisenmanagement.

    Es ist wohltuend, wenn sich zwei ehemalige Außenminister zusammentun und der in Sachen Europa verzagten politischen Elite in Berlin einmal richtig die Leviten lesen. Die EU, schreiben Joschka Fischer und Sigmar Gabriel im Handelsblatt, drohe bei der Pandemie – der größten Bewährungsprobe seit ihrer Entstehung – „dramatisch zu versagen“. Länder wie Spanien und Italien würden es Europa und den Deutschen 100 Jahre lang nicht vergessen, wenn wir sie im Stich ließen – „und genau das tun wir gerade“, ärgern sich der Grüne und der Sozialdemokrat. Dabei sei Deutschland „der größte wirtschaftliche und finanzielle Gewinner Europas“. Ein Zusammenbruch unserer Nachbarn werde auch unser scheinbar sicheres Land erreichen. Die Moral dieser Geschicht‘: Die Wahrheit geht manchmal unter, aber sie ertrinkt nicht.

    Es dauert womöglich nicht mehr lange, bis klar wird, wie sich der deutsche Staat an der Lufthansa beteiligt. Wahrscheinlich ist eine Rolle als stiller Teilhaber. Dass es angesichts des rapiden Passagierrückgangs (von 248 Millionen auf 131 Millionen) insgesamt nicht mehr ohne öffentliches Geld geht, ist auch CEO Carsten Spohr klar geworden. So müssen wir einfach vergessen, dass er und seine Vorgänger lautstark gegen die Staatskontrolle bei Airlines vom Persischen Golf oder gegen die Alimentierung von Alitalia durch die römische Regierung gepoltert haben. Erst für Ostern 2021 werden wieder normale Verhältnisse in diesem Markt erwartet, aber heute schon braucht Lufthansa für den „Überlebenskampf am Himmel“ (so lautet unser Titel im Blatt) fast zehn Milliarden Euro.

    Der Staat in der Krise, das ist auch immer ein Kampf mit der Überforderung. Wenn beispielsweise kleine Berliner Unternehmen vom heutigen Montag an Hilfsanträge stellen, gibt es nur noch Unterstützung nach dem vom Bund gestarteten Programm: 9000 Euro beziehungsweise 15.000 Euro. Extrageld vom Land Berlin in Höhe von bis zu 5000 Euro bekommt nur noch, wer bis vergangenen Mittwoch, 1. April, zwölf Uhr, einen Antrag gestellt hatte. Damit gehen all jene leer aus, die an die Beruhigungsformeln der Berliner Politiker geglaubt haben. Weil der Ansturm enorm groß war, hielten die Server der Investitionsbank Berlin (IBB) zunächst nicht stand und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) bat, einen Riesenandrang zu vermeiden: „Es sind genug Mittel da, es gilt NICHT das Windhundprinzip.“ Doch, genau das galt. Bei 151.000 Anträgen und unbürokratisch ausgezahlten 1,336 Milliarden Euro war Schluss. Die letzten beißen die Windhunde.

    Quelle: dpa
    Der mexikanische Corona-Brauereiverbund hat die Produktion eingestellt.

    Und dann ist da noch jenes mexikanische Bier, das viele Jahre in aller Unschuld den Namen „Corona“ in die Welt getragen hat. Wir erinnern uns an ein hippes Getränk, das mit einer Scheibe Limette zu genießen war. Das war, bevor „Corona“ zum Symbol für Seuche und Tod wurde. Nun wurden die Aktivitäten im mexikanischen Corona-Brauereiverbund Grupo Modelo – einer Tochter des Weltmarktführers Anheuser-Busch InBev – auf Null reduziert. Werbeaktionen wie in den USA, wo Snoop Dog „La vida más fina“ (das feinste Leben) rappte, wirken völlig deplatziert. Das Bier wird nun nur noch beim Mutterkonzern in Belgien gebraut, und zumindest bei diesem Konsumgut ist Mexiko Corona-frei.

    Ich wünsche Ihnen einen lebensfrohen Start in die Karwoche, zu der Papst Franziskus in einem menschenleeren Petersdom riet: „Nicht das aufgeben, was zählt.“ Das sagt sich auch Geiger Daniel Hope, der noch bis morgen mit Gästen bei einem Online-Format auf Arte zuhause musiziert – Wohnzimmerkonzerte gegen die Isolation.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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    1 Kommentar zu "Morning Briefing : Die Zeit, die uns bleibt "

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    • Danke für den umsichtigen und ernüchternden Text!
      Übrigens:
      „[, …] Getränk, das [nur] mit einer Scheibe Limette zu genießen war.“
      Na eben! Die Fa. hat endlich eingesehen, dass dieses "Bier" wohl eher nur in Mexiko funktioniert (mit einer Scheibe Limette freilich).

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