Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Ein Virus namens Rezession

13.03.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

es gibt jetzt eine Zahl – 750 Milliarden Euro. So hoch schätzt die Deka-Bank der Sparkassen den bisherigen weltweiten Schaden durch das Coronavirus. Dieser Schaden ist bedingt durch einen Angebotsschock, weil Firmen keine Exportmärkte mehr haben und Lieferketten leiden, sowie durch einen Nachfrageschock, weil Arbeitnehmer in Quarantäne nun mal keine prima Konsumenten sind. Die Globalisierung eines Virus namens „Rezession“ beschreiben wir in unserem großen Wochenend-Titelkomplex zum „Börsen Crash 2020“ und haben dabei eine Gewissheit: Sie ist unvermeidbar.

Quelle: Reuters
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nennt bisherige Konjunkturprognosen zu optimistisch.

In der „Frankfurter Allgemeinen“ nennt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann unsere bisherigen Konjunkturprognosen zu optimistisch: „Kurzfristig wird es schon zu einem deutlichen Rückschlag kommen. Aber nach der Eindämmung des Virus wird sich die Wirtschaft wieder erholen.“ Wann das der Fall sein wird, kann er allerdings weder uns noch seiner langjährigen Dienstherrin Angela Merkel sagen. Die Kanzlerin fordert die Menschen nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten auf, ihre Sozialkontakte möglichst stark einzuschränken. Alle planbaren Operationen, Aufnahmen und Eingriffe in Krankenhäusern sollen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Am besten hat es derzeit der gesunde Autist.

SARS-CoV-2 trifft auf eine Bundesregierung, die als politische Zwangsheirat ihren Vorrat an Ideen verbraucht hat. Angela Merkel träumte vom Glanz einer EU-Ratspräsidentin, nicht von der Forderung nach einer Krisenmanagerin. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert von der Groko-Wirtschaftspolitik Liquiditäts- und Kredithilfen sowie steuerpolitische Maßnahmen. „Der deutschen Industrie droht die längste Rezession seit der Wiedervereinigung“, heißt es in einem Brandbrief an die Bundestagsabgeordneten, der uns vorliegt. Das weiß auch Carsten Linnemann, Chef des Wirtschaftsflügels der Union: „Uns wird es härter treffen als in der Finanzkrise 2008/2009. Die Rezession wird tiefer ausfallen.“ Anders gesagt: Es sind keine Zeiten für „Häuptling ruhige Hand“.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Im politischen Zirkel wird Markus Söder (CSU) gerne als jemand für die Bundespolitik gehandelt. Was das bedeuten würde, wird im Fall Coronavirus deutlich: Wucht. Bayerns Ministerpräsident rief seine zuständigen Fachminister zur Vorbereitung von Schulschließungen auf. Die baden-württembergische Landesregierung ist mit einer Sondersitzung an diesem Freitag auf dem gleichen Trip. Anders als die Vertreter der beiden süddeutschen Kraft-Staaten hat Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zum jetzigen Zeitpunkt gegen eine flächendeckende Schließung von Schulen plädiert: „Es ist nicht einfach die Frage: Wir machen alles dicht und dann ist das Problem gelöst.“

    Eine Stimmung der Ernüchterung, ja Entzauberung macht sich breit, die Verletzlichkeit der Märkte ist mit Händen zu greifen. Als Lichtgestalt der Ökonomie fällt Christine Lagarde erst einmal aus: Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) verpatzte ihren Auftritt, sprach von 100 Milliarden statt 120 Milliarden Euro, die in den Kauf von Anleihen fließen sollen. Die Nervosität der Märkte wurde zur Nervosität der obersten Geldpolitikerin, die auf Zinssenkungen verzichtete. Das Desaster Lagarde strafte die Börse mit minus zwölf Prozent für den Dax ab. Der Dow Jones sackte um zehn Prozent ab, der größte Kurssturz im Amerika seit mehr als 30 Jahren.

    Quelle: Reuters
    Warren Buffett: „Nur wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer nackt schwimmt.“

    Die Finanzwelt ist zurück im Krisenmodus, das Bonmot von „Lehman reloaded“ zirkuliert. Die Schulden von Regierungen, Unternehmen oder Haushalten haben sich Jahr für Jahr aufgetürmt, mit weltweit 253 Billionen Dollar sind sie gut doppelt so hoch wie 2006. Wenig beruhigend: Die Kombattanten USA und China treten als Schuldenkönige auf. Junk Bonds der US-Ölfirmen stehen genauso im Feuer wie finanzpolitische Atomsprengkörper in Gestalt von „Collateralized Loan Obligations“ (CLO) – Verbriefungen, die durch besicherte Kredite gedeckt sind. Wer hält durch, wer hat Reserven? „Nur wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer nackt schwimmt“, aphorisierte Warren Buffett.

    Es ist also wirklich Zeit für den großen Corona-Gipfel, und so werden an diesem Freitag Topmanager von Deutscher Bank, Commerzbank, Unicredit/HVB, der Staatsbank KfW sowie der Verbände von Sparkassen, Volksbanken und Privatbanken ins Bundesfinanzministerium eilen. Die Geldinstitute sollen Unternehmen und Privatkunden helfen, aber auch selbst nicht in Not geraten. Zwar erscheinen die Eigenkapitalquoten mittlerweile hübsch aufgepolstert, Gewinne sind aber noch ein Suchposten. Da hilft es, dass die Europäische Bankenaufsicht EBA auf ihren geplanten Stresstest verzichtet. Der Stress braucht keinen Aufseher, er ist ganz real.

    Runde Geburtstage sind eine grandiose Vorlage für Firmen-PR, es dürfen nur nicht die falschen Viren herumschwirren. Und so fragen sich viele im Umfeld der Deutschen Bank, ob mit der Absage für den Jubiläumsakt zum 150. Geburtstag am 21. März auch die neue Strategie des Traditionsinstituts hinfällig sein könnte. Ein tragischer Fall: Gerade erst hatte CEO Christian Sewing Erträge stabilisiert, den Aktienkurs über zehn Euro geliftet und die Capital Group aus L.A. zum Einstieg bewegt – da bedrohen Unsicherheiten bei den wiederentdeckten Firmenkunden mittelbar auch die Bank. Sewing hält es im Handelsblatt-Gespräch mit Durchhalteparolen: „Wir müssen 2020 zeigen, dass wir unsere Versprechen weiter erfüllen können, so wie 2019.“ Sein Finanzchef James von Moltke hofft, wenigstes bei der nächsten Ausschreibung einer grünen Bundesanleihe zu gewinnen – jüngst hatte man noch das Nachsehen gegen Crédit Agricole.

    Quelle: AFP
    Cristiano Ronaldo im leeren Stadion.
    (Foto: AFP)

    Und dann ist da noch der deutsche Profifußball, der sich am nächsten Montag zur großen Corona-Krisensitzung trifft. Es hagelt schlechte Nachrichten: Real Madrid und Juventus Turin unter Quarantäne, womöglich werden Champions League und Euro League ausgesetzt. Da wird immer wahrscheinlicher, was der Präsident des Zweitligisten FC Erzgebirge Aue fordert: Abbruch der Saison. Auch die Europameisterschaft (12. Juni bis 12. Juli) ist ein Fall für die Wiedervorlage. Das Coronavirus richtet sich nicht nach den Zeit- und Gewinnplänen von Fußballverbänden. Die deutsche Eishockey-Liga hat den Spielbetrieb schon eingestellt, die Formel 1 verschiebt den Saisonstart am Sonntag. Auf fußballlose Zeiten stimmt Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, ein: „Ich kann jeden Sportfan verstehen, der enttäuscht ist, dass Derbys ausfallen oder Spielzeiten vorzeitig beendet werden – aber vermutlich ist das der Beitrag, den auch der Sport in dieser Ausnahmesituation leisten muss.“

    Ich wünsche Ihnen - trotz allem – ein entspanntes Wochenende, halten Sie es mit „Cocooning“ und genießen den Fußball, so lange es ihn gibt.

    Es grüßt Sie herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

    Morning Briefing: Alexa
    Startseite
    0 Kommentare zu "Morning Briefing: Ein Virus namens Rezession"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%