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Morning Briefing Eine Herbstzeitlose namens Brexit

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,


zwanzig Minuten nach Mitternacht hatte der EU-Gipfel in der unendlichen Geschichte der Brexit-Fristen eine neue Variante beschlossen. Großbritannien, das verirrte, verwirrte Kind der Gemeinschaft, bekommt jetzt bis 31. Oktober Zeit für einen geordneten EU-Ausstieg – eine Herbstzeitlose namens Brexit. Im Juni wollen die verbleibenden 27 EU-Staaten Fortschritte überprüfen. Wo die liegen werden, konnte Theresa May bei ihrem 60-Minuten-Shorty in Brüssel nicht im Entferntesten klarmachen. Falls die Premierministerin demnächst zum vierten oder fünften Mal mit ihrem ausgehandelten EU-Austrittsvertrag im Parlament scheitern sollte, müssten die Briten Ende Mai bei der Europawahl abstimmen. Vielleicht besteht ja der ganze Trick, frei nach Peter Ustinov, einfach darin, dass der britische Politiker am Ende stolz ist, guter Verlierer zu sein – und sich die Gegner schuldig fühlen, weil sie gewonnen haben.

Zur Freude der Gas- und Ölbranche, die ihn im Wahlkampf ordentlich unterstützt hat, geht US-Präsident Donald Trump frontal gegen Umweltschützer vor. Er unterzeichnete zwei Dekrete, die Firmen künftig den Bau von Pipelines wesentlich erleichtern. Für US-Bundesstaaten wird es jetzt schwieriger bis sogar unmöglich, solche Projekte zu blockieren. Zu häufig werde dringend benötigte Infrastruktur von Interessengruppen, übergroßen Bürokratien und radikalen Aktivisten zurückgehalten, schimpft Trump. Der Gouverneur des Staates Washington wiederum sieht eine „gefährliche Attacke“ auf die Umwelt – und kündigt prompt Widerstand an.

Quelle: dpa
Regierungsmaschine mit Reifenproblem.

Dass Minister ihre Reiseplanung ohne die Tücke des Flugobjekts machen, rächt sich regelmäßig. Nun trifft es Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der morgen nicht mit dem Regierungsflieger „Konrad Adenauer“ nach New York reisen kann. Wieder mal war ein Reifen geplatzt. Angesichts der vielen Luftnummern löst sich in Deutschland jede Investitionsbremse: Der Haushaltsausschuss des Bundestages bewilligte den Kauf von drei neuen Langstreckenjets für die Flugbereitschaft der Bundeswehr. Kosten: 180 Millionen Euro pro Stück, Lieferung bis Mitte 2020. Zitieren wir doch einfach Namensgeber Adenauer: „Erfahrungen sind wie Samenkörner, aus denen die Klugheit emporwächst.“

Quelle: AP
Einmalige Aufnahme eines Schwarzen Lochs.
(Foto: AP)

Ein Foto macht Karriere. Ein Foto, das so aussieht, als habe jemand mit der Kamera auf das Fenster einer dieser Wohnzimmer-Gussöfen gehalten. Doch hier waren Astronomen am Werk, die zeitgleich an sechs Orten auf der Welt die einmalige Aufnahme eines Schwarzen Lochs machten. Zwei kosmische Objekte gerieten in ihr Visier, eines davon „Sagittarius A*“, 26.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Das Ganze ist eine Sensation und beweist, dass Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie richtig lag. Erstaunt registrieren wir also in der Feinanalyse, auf dem Foto nicht den Schatten rund um ein Schwarzes Loch zu sehen, sondern nur seinen „Ereignishorizont – die Grenze, hinter der alles verschwindet.

Discounter im Lebensmittelmarkt sind eine deutsche Spezialität, die wir seit Jahrzehnten über die Welt gebracht haben. Doch das Genre – attackiert von Rewe und Edeka – ist auch nicht mehr, was es einmal war. Nun zählt für Kunden in erster Linie das Einkaufserlebnis und nicht mehr nur der Preis, analysieren wir in unserer Titelgeschichte. Also: Geiz ist nicht mehr geil, billig nicht mehr sexy. Der Marktanteil von Aldi, Lidl, Penny & Co. sinkt vermutlich von mehr als 40 Prozent auf 35 Prozent. Ganz schlimm erwischt es Aldi Nord, wo 2018 erstmals ein Verlust anfiel und auch 2019 der Umsatz weiter leicht sinken dürfte. Erstaunt sehen wir Familie Albrecht vor Regalen voller Probleme stehen.

Von Goldman Sachs in die Regierung als Staatssekretär, das war der spektakulärste „Drehtür“-Wechsel 2018. Ein Jahr später zeigt sich, dass Jörg Kukies in seinem Job gut angekommen ist – wenn da nicht das industriepolitische Eheprojekt zwischen Deutscher Bank und Commerzbank wäre. Es sorgt für Debatten und schlechte PR. „Ich sehe mich als Berater. Der Minister ist an Einschätzungen interessiert“, sagt Sozialdemokrat Kukies, den ich öfter für ein Porträt getroffen habe. In der Causa „Deutsche Commerz“ wirkt es allerdings, als nähere sich Minister und Parteifreund Olaf Scholz jenem „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ (Stamokap) an, den er vor vielen Jahren als Juso-Führungsfigur kritisiert hat.

Noch einmal eine Rekordmeldung aus der Welt der Börse, bevor Morbus Trump die Laune dort verdirbt. Deutschlands Aktiengesellschaften schütten dieses Jahr mehr als 57 Milliarden Euro an Dividenden aus, so viel wie noch nie, schildert mein Kollege Robert Landgraf. Die Steigerungsrate liegt bei stolzen 6,6 Prozent und als Schüttkönig tritt die Allianz mit 3,8 Milliarden auf. Da aber die Konjunktur stottert und geopolitische Risiken größer werden, bauen die Unternehmen jetzt lieber Finanzpolster auf – und planen mit weniger Dividende. Mit André Kostolany sehen wir Börsengewinne ohnehin als Schmerzensgelder: „Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld.“

Und dann ist da unser Nachbarland Schweiz, das nach einer alten Regelung Firmen verpflichtet, für den nationalen Notfall einen Vorrat an Produkten zu halten – zu denen künftig ausgerechnet Kaffee nicht mehr gehören soll. Das zuständige Amt hat im Stil absoluter Gewissheit dekretiert, Kaffee sei nicht lebenswichtig. Keine Kalorien, kein Beitrag zur Ernährung. In dem Land heftiger Kaffeetrinker, das mit Nestlé einen Großversorger des Braun-Getränks beheimatet, sorgt die Entscheidung für heftigen Widerstand. Womöglich doziert ein Aktionär auf der heutigen Nestlé-Hauptversammlung, wie vitaminreich Kaffee doch in Wirklichkeit sei.

Ich wünsche Ihnen einen genussvollen Tag, natürlich ohne Engpässe. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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