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Morning BriefingElon Musk und die Freiheit des Milliardärs

Hans-Jürgen Jakobs 26.04.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

im „Spiegel“ gehörten die Leserbriefe schon immer zu den besten Teilen des Nachrichtenmagazins. Am 5. März 1965 war da eine Zuschrift von Paul Sethe zu lesen: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Frei ist, wer reich ist.“ Der Publizist, einst Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen“, bezog sich auf deutsche Zeitungen und ihre Besitzer.

Heute, 57 Jahre und ein paar Globalisierungswellen später, muss man „Frei-gleich-reich“ auf 200 Milliardäre der westlichen Welt beziehen. Sie heißen Rupert Murdoch, John Elkann und Bernard Arnault (aus der alten Garde) oder Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Larry Page, Tim Cook, Robin Li und Pony Ma (aus der neuen Garde).

Foto: Reuters

44 Milliarden Dollar ist dem gebürtigen Südafrikaner seine Medienmaschine wert. Deren Management gab den Widerstand auf, weil sich kein weißer Ritter fand und weil dank Morgan Stanley, Barclays, Bank of America und BNP Paribas ein handfester Finanzierungsplan vorlag, gesichert mit Tesla-Aktien. Die Aktionäre werden den kapitalistischen Mehrwert der Kurznachrichtenplattform, die ihre besten Tage hinter sich hat, sehr lieben. Neuverleger Musk will seine publizistische Waffe – die Journalisten als Allround-Verwurstungsanlage schätzen – rasch von der Börse und damit aus externer Kontrolle nehmen.

Musk ist Machtmensch und Kontrollfreak. Dem Medium Twitter hat der reichste Mann der Erde (rund 200 Milliarden Euro) so oft im Stil der Republikaner eine übermäßige Zensur von Inhalten und Gefahren für die freie Meinungsäußerung vorgeworfen, dass Donald Trump hoffen kann, schon bald vom Twitter-Bann entbunden zu sein. Der Ex-Präsident hält sogar den Sturm auf das Kapitol für freie Meinungsäußerung. Man muss Paul Sethe lesen.

In einzelnen Stadtteilen Pekings beginnen die Anwohner, Vorräte zu horten. Sie haben angesichts neuer Todeszahlen den strikten Covid-Lockdown in Schanghai und anderen Metropolen im Blick. Corona-Massentests prägen das Leben in Chinas Hauptstadt. Die Folge: trudelnde Börsen an den Weltmärkten, ein fallender Ölpreis. Der Aktienindex Shanghai Composite sank um 5,1 Prozent. Da nehmen sich die Schwächen beim Dax (minus 1,5 Prozent) und bei Frankreichs CAC 40 (minus 2,2 Prozent) noch milde aus. Wobei Emmanuel Macrons Wahlsieg pro Europa eigentlich wie eine „Polonaise Blankenese“ auf die Börsengemeinde hätte wirken müssen.

Bisher hat China – zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – im Gegensatz zu dem als „dekadent“ empfundenen Westen null Toleranz gegen das Virus praktiziert. Omikron macht diesen Kampf schwierig bis aussichtslos – und die eigene Exportmaschine zu einer „Out-of-order“-Anlage.

Foto: dpa

Das Fahndungsfoto von Jan Marsalek sieht ungünstig für ihn aus, bei Tinder oder Bumble würde man so etwas nicht einstellen. Aber im noblen Moskauer Vorort Razdory, in den er im Juni 2020 geflohen war, wird der Ex-Vorstand des Betrugskonzerns Wirecard sein Aussehen a) verbessert und b) bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.

Mit dem neuen geographischen Wissen und der konkreten Adresse, die der Bundesnachrichtendienst BND beschert hat, ersucht die Münchener Staatsanwaltschaft die Moskauer Behörden erneut, Marsaleks habhaft zu werden, wie meine Kollegen recherchierten. In dem abgeschirmten, blickdichten Moskauer Oligarchen-Viertel soll sich der Österreicher bis vor kurzem unter Obhut hoher Funktionäre des Geheimdienstes FSB befunden haben.

Vielleicht hat man gemeinsam gelegentlich gelacht, wie leicht sich das westliche System dank unwilliger Wirtschaftsprüfer, laxer Kontrolleure, schläfriger Aufsichtsräte und bürokratischer Ministerien im Fall Wirecard destabilisieren lässt.

Zwei Argumentationslinien prägen das Bundesfinanzministerium des Christian Lindner, da kann kommen, was wolle. Erstens: Nichts ist auf Kante genäht. Und, zweitens: 2023 greift die Schuldenbremse. Diese Orchestrierung gilt – trotz des schlicht gehaltenen CDU-Ulks vom „Schuldenkönig“ – auch für die neuesten Zahlen aus dem Pool der Verbindlichkeiten, die das Kabinett am morgigen Mittwoch als „Ergänzungshaushalt“ verabschiedet. Wegen des Ukrainekriegs sind 39,2 Milliarden Euro an zusätzlichen Schulden geplant. Die Neuverschuldung 2022 steigt auf 138,9 Milliarden Euro. Nicht mit eingerechnet sind die angekündigten 100 Milliarden Euro für die marode Bundeswehr – die parken sich in ein Sondervermögen ein.

Bei der Regierungsrunde wird Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auch eine neue Prognose für 2022 präsentieren. Danach wächst die deutsche Wirtschaft nicht wie gedacht um 3,6 Prozent, sondern nur um 2,2 Prozent.

Alle reden vom Wetter, Start-ups auch. Zwar dominieren hier weiter die Themen Software, Medizin und E-Commerce, doch den größten Zuwachs hatte 2021 der Bereich Umwelttechnologie. Es gab in diesem Sektor 144 Prozent mehr Jungfirmen, insgesamt beschäftigten sich 100 neue Firmen damit. Haupttrend: Carbontracking. Daten des Handelsregisters, die die Analysefirma Startupdetector auswertete, zeigen, dass im vorigen Jahr 3348 neue Start-ups registriert wurden – ein Plus von elf Prozent.

Aus dem Zahlenkonvolut ergibt sich auch, dass nicht das Hipster-Eldorado Berlin die meisten Gründungen pro 100.000 Einwohner aufweist, sondern der Landkreis Starnberg im Süden Münchens. Der Blick auf See und Berge kann offenbar ungemein produktiv sein. Unser Titelkomplex von der „grünen Gründerwelle“ liefert weitere Erkenntnisse:

  • Das beliebteste Modell bei Gründern bleibt „Software as a service“, der Vertrieb von Software im Abo. Die Einnahmen sind planbar und fließen schön regelmäßig, so wie Mieten oder Kabelgebühren oder Versicherungsprämien. „Saas“ klingt so magisch, dass die Formel in der Szene fast dahingehaucht wird.
  • Das zweitstärkste Wachstum bei den Start-ups legen die Medien (plus 86 Prozent) hin. Das liegt am Gaming und Metaverse. Zu erleben sind Neugründungen wie die Firma „Articlett“, die ein „Wörter-Abo“ mit journalistischem Inhalt verschiedener Medien anbietet.
  • Ebenfalls wachstumsstark sind Versicherungen (plus 46 Prozent). „Insurtechs“ wie Hakuna boomen. Dabei vermitteln Onlinehändler direkt beim Verkauf wertvoller Produkte, beispielsweise eine Versicherung gegen Diebstahl.

Victor Hugo hat so viel Spaß am Neuen in einen schönen Aphorismus gepackt: „Man kann einer Armee widerstehen, aber man kann keiner Invasion von Ideen widerstehen.“

Sein Interview mit der „New York Times“ hat die Kritik an Gerhard Schröder neu entfacht. SPD-Chefin Saskia Esken legt ihm nahe, die Partei zu verlassen. Uns interessiert: Wie bewerten Sie Schröders Handeln? Verspielt der Putin-Vertraute sein Ansehen als Altkanzler? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

Und dann ist da noch Spaniens König Felipe VI., 54, der ganz auf Modernisierung und Transparenz setzt und freiwillig erstmals sein Privatvermögen offenlegt. Es sind genau 2.573.392,80 Euro. Es gehe darum, den Respekt und das Vertrauen der Bürger ins Königshaus mit „Vorbildlichkeit, Transparenz, Rechtschaffenheit und Integrität zu verdienen“, ließ Felipe mitteilen. Es ist auch eine öffentliche Distanzierung zum Vater Juan Carlos, 84, dessen Affären und Gier der Reputation der Monarchie sehr geschadet haben.

Felipes Vermögen stammt aus staatlichen Zuwendungen – seit 1998 als Prinz von Asturien, seit 2014 als König. Das Brutto-Jahresgehalt für 2020 wird mit knapp 254.000 Euro angegeben. Der in Abu Dhabi exilierte Altkönig Juan Carlos soll dagegen allein 2008 rund 100 Millionen Dollar von Saudi-Arabien erhalten haben. Auf dieses (schmutzige) Erbe hat Felipe bereits verzichtet. Wir lernen vom spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes: „Die Wahrheit bleibt immer über der Lüge wie Öl über dem Wasser.“

Ich wünsche Ihnen einen wahrhaft schönen Tag.

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Es grüßt Sie herzlich

Ihr
Hans-Jürgen Jakobs

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