Morning Briefing: Falscher Prophet: Elon Musk mit Friedensvorschlag
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
in diese verkürzte Woche steigen wir ein mit Nachgedanken an die Feiern zur deutschen Einheit, die bedenklich oft Hinweise auf fehlende Einheit beinhalteten. Sofort aber drängt sich wieder das Kriegsgeschehen im Osten Europas in den Vordergrund, diesmal mit der ukrainischen Erfolgsmeldung, ihren Streitkräften sei gegen die Russen der größte Durchbruch an der Südfront seit Kriegsbeginn gelungen.
An der Frontlinie im Gebiet des Flusses Dnipro in der gerade von Russland annektierten Region Cherson seien jetzt tausende russische Soldaten von Nachschublinien abgeschnitten.
Verstörend für die Wladimir-Putin-Fraktion sind zudem Meldungen über eine Massenschlägerei auf einer Militärbasis bei Moskau. Danach seien dort neu Einberufene von schon länger dienenden Zeitsoldaten bedrängt worden, Kleidung und Handys abzugeben. Die noch frisch Rekrutierten gewannen den folgenden Faustkampf, 20 Zeitsoldaten schlossen sich ein und riefen die Polizei.
Wenn jemand der reichste Mensch der Welt ist und 100 Millionen Follower auf Twitter hat, kann er sich leicht als Mischung aus Gott, Dag Hammarskjöld und Gary Cooper empfinden.
So werden die Handlungen von Elon Musk, 51, verständlich, dem Chef von Tesla und SpaceX und Gesalbten unter den gewöhnlich in Ebit-Kategorien denkenden Managern. Hatte er anfangs im Ukrainekrieg noch höchstpersönlich Putin zum Duell herausgefordert, so betritt Musk nun als Außenpolitiker die Weltbühne.
Schließlich behauptete der Milliardär noch, die Krim gehöre seit 1783 „formell“ zu Russland, und spielte so auf die Entscheidung des Parteiführers Nikita Chruschtschow an, die Halbinsel 1954 innerhalb der Sowjetunion von Russland auf die Ukraine zu übertragen.
Der litauische Präsident Gitanas Nauseda reagierte pädagogisch: „Lieber Elon Musk, wenn jemand versucht die Reifen ihres Teslas zu stehlen, macht das denjenigen weder zum rechtmäßigen Besitzer des Autos noch der Reifen.“ Die Musk-Follower versuchten es konfrontativ: 63 Prozent stimmten gegen den „Friedensplan“, der auch von Gerhard Schröder hätte stammen können.
Börse macht gierig, ein erfolgreicher Börsengang macht noch gieriger. So ergeht es Oliver Blume, der in einer seltenen Form von Manager-Doppelwumms sowohl den großen Volkswagenkonzern als auch die flotte Stuttgarter Tochter Porsche dirigiert.
Die Schwaben haben nun tatsächlich mit ihrem jüngsten Aktienparkettdebüt das Kunststück fertiggebracht, mit 80 Milliarden Euro fast so viel wert zu sein wie das große Wolfsburger Ganze.
Also lässt der Zweifach-CEO einen „virtuellen Börsengang“ aller zehn Konzernmarken durchspielen, wie unsere Titelstory erzählt – egal, ob es sich um die Hauptmarke Volkswagen, um Skoda, Lamborghini oder sogar um Audi handelt.
Die Ingolstädter Marke mit den vier Ringen war schon mal an der Börse, ehe der Konzern in seiner schnell wechselnden Weisheit 2020 auf „Squeeze-out“ setzte und alle Aktien aufkaufte.
Überall sieht Neu-Chefpilot Blume „Potenzial“, auch bei der neuen Batterieeinheit Powerco. Es könnte sich am Ende aber auch die Ansicht durchsetzen, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer und ein Porsche noch keinen Börsenfrühling macht.
Volkswagen macht es ein bisschen wie Siemens – der Münchener Industriekonzern hat Healthineers, Siemens Energy oder Gamesa (noch) ebenfalls an der Börse. Vorbilder zu haben, ist eine schöne Sache, allerdings können Vergleiche damit in der Realität übel enden.
So ist es bei der unbedarft wirkenden britischen Politikerin Liz Truss, 47, die es mit Margaret-Thatcher-Thesen ins Amt der Premierministerin geschafft hat, weswegen jetzt sogar ihre eigene konservative Partei verwirrt ist.
Truss hat ihren Vulgär-Thatcherismus, der auch die Reichen mit auf Pump finanzierten Steuersenkungen von 45 auf 40 Prozent verwöhnen sollte, schnell wieder beerdigen müssen: Investoren hatten das britische Pfund auf ein historisches Kellerniveau versenkt.
Ein Parteitag wurde nun zum Canossa-Gang und ihr Finanzminister Kwasi Kwarteng kleinlaut: „Wir haben verstanden, wir haben zugehört.“ Schon gibt es bei den Tories Forderungen nach Neuwahlen. Und manch einer erinnert sich an einen Ausspruch der Ikone Thatcher: „This lady is not for turning.“ Diese Dame wird ihren Kurs nicht ändern.
Katar ist überall ein Reizthema. Dass die besten Fußballer ihre Weltmeisterschaft in den gut gekühlten Arenen von Doha unter den Augen der Scheichs und ihrer Wohlfahrt-Autokratie abwickeln, will manchem nicht passen. Aber der Reichtum des Emirats beruht nun mal auf Erdgas, dem Stoff, aus dem die Träume sind, erst recht nach Wladimir Putins Gas-Stopp und Sprengmeisterattitüde.
Und Gas hat Katar reichlich, sodass sich die Herrscherfamilie Al Thani großformatig in die deutsche Wirtschaft einkauft: Deutsche Bank (knapp zehn Prozent), VW (17 Prozent), Porsche (fünf Prozent) und nun auch RWE (knapp neun Prozent).
Die Geldversorger vom Golf steigen in Essen zum größten Aktionär auf, weil sie zum guten Teil den fast sieben Milliarden Euro teuren Kauf des amerikanischen Solar-Spezialisten Con Edison Clean Energy Business finanzieren. Solche Beteiligungen haben mit Sicherheit länger Bestand als eine Fußball-WM.
In Zeiten großer Wirtschaftskrisen erinnert man sich schnell an die Lage vor dem Wall-Street-Crash 1929. Pulitzerpreisträger Liaquat Ahamed beschrieb in seinem Buch „Die Herren des Geldes“, wie die Chefs von vier Notenbanken (USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland) mit ihrer damals äußerst restriktiven Geldpolitik die Welt in den Bankrott getrieben hätten.
In den USA mehren sich nun Kritiker auf Ahameds Spuren, besorgt durch jüngste Börseneinbrüche. Sie mahnen, die US-Zentralbank Federal Reserve sei mit ihren drei Zinserhöhungen um jeweils 0,75 Punkte auf ein Niveau von 3,0 bis 3,25 Prozent zu forsch vorgegangen, wie unsere Korrespondentin Astrid Dörner schildert.
„Geldpolitik funktioniert mit Verzögerung und wir haben uns zuletzt sehr schnell bewegt“, doziert Charles Evans, Chef der regionalen Notenbank in Chicago. Und auch Daniel Alpert, Mitgründer der Investmentbank Westwood Capital, sieht eine Trendwende: „Die Fed hat die Zinsen zu weit und zu schnell angezogen.“ Wenn die Inflation weiter schwindet, ist die Zeit der Zinserhöhungen schon vorbei.
Mit Victor Hugo glauben wir: „Zu glauben ist schwer, nichts zu glauben ist unmöglich.“
Der italienische Vielleicht-Regierungspolitiker Silvio Berlusconi dürfte heute einen Blick nach München zum Privat-TV-Konzern Pro Sieben Sat.1 riskieren. Dort ist seine Familie mit mehr als 25 Prozent größter Aktionär und wurde nun den Vorstandschef Rainer Beaujean, 54, los, der sich als Gegner des greisen Unternehmers profilierte, dem aber nicht sonderlich viel gelang.
Dass sein Vertrag erst Ende 2021 bis Mitte 2027 verlängert wurde, war keine Jobgarantie. Zum 1. November übernimmt nun ein Kollege aus dem Aufsichtsrat, Bert Habets, 51.
Zwar war der Mann mal Chef der Bertelsmann-Tochter RTL, aber deswegen wird aus dem Gerede des Gütersloher Medienkonzerns, RTL könne mit der Pro-Sieben-Gruppe fusionieren, noch kein Kartellfall.
Und dann ist da noch die Influencerin und Reality-TV-Erscheinung Kim Kardashian, 41, die Probleme mit der US-Börsenaufsicht SEC hat. Sie muss in einem Vergleich knapp 1,3 Millionen Dollar an Bußgeld und Entschädigung zahlen, weil sie mit recht unsauberen Methoden Reklame für die Kryptowährung Ethereum Max gemacht hatte. Der Anbieter hatte sie für eine Empfehlung bei Instagram mit 250.000 Dollar belohnt, ohne dass Kardashian diese Verbindung offenlegte.
Wiederholt hat die SEC Anleger vor solchen dubiosen Investmenttipps von Prominenten gewarnt – und auch den Boxer Floyd Mayweather sowie den Hiphop-Produzenten DJ Khaled für Schmuddel-Geschäfte mit digitalen Währungen bestraft.
Unwillkürlich denken wir an den alten Spruch, wonach es drei Arten von Werbung gebe: „Laute, lautere und unlautere.“
Ich wünsche Ihnen einen lauteren, schwungvollen Start in die Woche.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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