Morning Briefing: Gemogelt: Atom und Gas sind plötzlich „grün“
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
bisher war Geldwäsche ein größeres Problem der Europäischen Union (EU), künftig ist es „Greenwashing“. Wenn Sie nach einem Beispiel für Etikettenschwindel suchen, können Sie es hier finden: Gestern stimmte das von uns allen gewählte EU-Parlament dafür, dass Atomkraft und Gasenergie grüne Technologien seien, wenn auch niederen Grades.
Lösungen, die verstrahlten Müll oder Methan-Emissionen hinterlassen, haben nunmehr auf einmal ein Ökolabel, das Investoren zum Geldausgeben für solche angeblich klimafreundlichen Objekte bringen soll. Von 2023 an gelten diese Regeln der „Taxonomie“ für Finanzanleger. In Wahrheit verhält sich die Sache so, als erkläre man plötzlich einen Supermarkt-Osterhasen zum Jeff-Koons-Kunstobjekt.
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat somit einen zweifelhaften Sieg errungen. Der stellt zwar ihren Hauptförderer Emmanuel Macron aus dem Atomland Frankreich zufrieden, das nach hohen Verlusten und vielen technischen Nuklearproblemen den Energiekonzern EdF zu hundert Prozent übernehmen will. Doch Umweltverbände, Experten und auch viele Politiker sind strikt gegen diese „My-Fair-Lady“-Politik: „Es grünt so grün, wenn Brüssels Blüten blühen.“ So findet Rasmus Andresen, Sprecher der deutschen Grünen im Europäischen Parlament: „Die Gas- und Atomlobby hat gewonnen, das Klima hat verloren.“
Österreich und Luxemburg kündigen Klagen an, die aber wenig bis gar nichts bewirken werden. Die Bundesregierung will nicht gegen den Beschluss der EU vorgehen, bleibt aber auf dem Standpunkt, dass Kernenergie nicht nachhaltig sei.
Fazit: Die Gefahr ist groß, dass aus dem europäischen „Green Deal“ ein „Greenwasher Deal“ wird.
Ebenfalls groß ist die Ladung an Pattex, mit der Boris Johnson an seinem Premierministerstuhl klebt. Was immer auch passiert, er hat eine Botschaft: „Ich bleibe.“ Sonst versinke Großbritannien im Chaos und seine Konservative Partei verliere die nächste Wahl. Und was ist gestern nicht alles passiert in der 10 Downing Street, wie das englische „House of Cards“ heißt:
Drei Dutzend Abgeordnete seiner Partei legten ihre Regierungsämter nieder. Auch die loyalsten seiner Minister (etwa Innenministerin Priti Patel) rückten von ihm ab. Eine hochkarätige Delegation forderte Johnson vergeblich zum Abschied auf, doch ein „Bye-bye-Boris“ will er nun mal nicht sein. Vielmehr warf er Bauminister Michael Gove nach der Palastrevolte auch noch raus. Es droht somit Anfang nächster Woche ein weiteres Misstrauensvotum von Johnsons Partei, bis dahin ist der Premier ein „Dead Man Walking“.
Die Statements und Analysen zu einer möglichen Rezession, die auf die Inflation folgt, nehmen an Schärfe zu. In unserer Titelgeschichte führt der bekannte Ökonom Mohamed El-Erian aus, dass sich die Turbulenzen an den Börsen und Weltmärkten wohl fortsetzen werden. Eine Rezession in Europa sei praktisch unausweichlich, auch in den USA sei die Wahrscheinlichkeit einer Wirtschaftskrise deutlich gestiegen, so der langjährige Investmentberater des Allianz-Konzerns: „Das Liquiditätsrisiko steigt.“
Wie im März 2020 bei US-Staatsanleihen könnten dann auf einmal auf einem Markt Anbieter und Nachfrager nicht mehr leicht zueinander finden können. Und Carsten Klude, Leiter des Assetmanagements der hanseatischen Privatbank M.M. Warburg glaubt, die Gewinnprognosen der Konzerne seien viel zu rosig: „Wenn die Gewinne sinken, wird es noch einmal schwierig für die Märkte.“ Immerhin, ein Gutes hat die Entwicklung: Der Rohölpreis ist wieder unter hundert Dollar je Fass gesunken.
Management by Provokation ist die Führungstechnik des Herbert Diess bei Volkswagen. In Führungsgremien wirft er kecke Thesen auf im Stil eines Meinungsartiklers, und wenn daraufhin jemand Provoziertes mit Fakten widerspricht, endet die Diskussion.
In der „Süddeutschen Zeitung“ provozierte der VW-Obere jetzt durch einen Vergleich mit den „Altvorderen“, wie er seine Vorgänger Ferdinand Piëch (1937-2019) und Martin Winterkorn, 75, nennt: „Der eine hat ein Theater gebaut, der andere das Kunstmuseum und die Autostadt. In meiner Amtszeit haben wir zwei Milliarden Euro für ein neues Werk entschieden, eine Milliarde für ein neues Entwicklungszentrum.“ Ich rede nicht nur, heißt das, ich handele. Ich, Herbert, der Baumeister.
Die Provo-Nummer ist seine Ouvertüre für die Aufsichtsratssitzung am Freitag, in der die Kontrolleure ausloten wollen, ob Diess mit seinem Gewaltmarsch in die Elektromobilität, der einige erschöpft am Wegesrand zurücklässt, noch der Richtige ist. Die vielen Softwareprobleme haben die Aufseher unruhig gemacht, die groß dimensionierte Einheit Cariad ist ein Klumpenrisiko für den Konzern und die Karriere des CEO. Drei wichtige Themen werden diskutiert, erklärt unser Report.
- Börsengang Porsche: Nach der Sommerpause soll die sportliche Tochter an den Kapitalmarkt, um das Geld für die E-Transformation einzufahren. Mindestens 75 Prozent will der VW-Konzern weiter halten.
- Wie Porsche drängt es auch Audi in den Boliden-Zirkus Formel 1, den manche im Konzern jedoch nicht für zeitgemäß halten. Audi-Chef Markus Duesmann schwärmt vom Imageschub und redet in erster Linie mit dem Rennstall Sauber über eine Partnerschaft.
- Gegen die Kritik am Volkswagen-Werk in der chinesischen Uiguren-Region Xinjiang – die IG Metall hatte sogar die Schließung gefordert – setzt der Konzern auf eine Personalie. Die als Beauftragte für Menschenrechte installierte Kerstin Waltenberg soll direkt an den Vorstand berichten.
Eine Maxime von Theaterbauer Piëch, der VW-Miteigentümer war, wird der um seinen Job kämpfende Diess nicht mehr erreichen: „Mit Vollgas auf dem Weg nach oben – das ist mein Traum.“
Und dann ist da noch Christian Lindner, Bundesfinanzminister und FDP-Chef, der in diesen Tagen sowohl die bunten als auch die weniger bunten Seiten der Zeitungen beherrscht. Für Aufregung sorgt sein offenkundiger Plan, staatliche Leistungen für Langzeitarbeitslose zu reduzieren, worüber der „Spiegel“ zuerst berichtete. Gelder zur Eingliederung in die Arbeit sollen von 4,8 Milliarden auf 4,2 Milliarden Euro gekürzt werden.
Andere Enthüllungen über den Politiker sind in „Bunte“, „Gala“ und „Bild“ zu lesen. Sie bieten eine satte Detailfülle rund um Lindners Hochzeit (standesamtlich) an diesem Donnerstag mit der Journalistin Franca Lehfeldt auf der Insel Sylt, die bekanntlich mit dem Neun-Euro-Ticket gut zu erreichen ist.
Der Bürgermeister traut, am Freitag gibt’s Polterabend, am Samstag die kirchliche Trauung, der Kanzler kommt und das halbe Kabinett, und am Schluss wird mit Esprit und Spirituosen in der Strandbar „Sansibar“ über alles reflektiert. Aber auch an diesem Abend werden sich die Gäste an Schicki-Micki-Hasser Herbert Seckler halten müssen, der die Scampi-Schänke seit 44 Jahren besitzt. Sein Motto: Wer auf dicke Hose macht, muss wieder gehen.
Ich wünsche Ihnen einen munteren Tag und natürlich ein Ja-Wort zu wichtigen Entscheidungen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor
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