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Morning Briefing Im Schuldenland ohne Ausfahrt

15.05.2020 - 06:00 Uhr 1 Kommentar

Liebe Leserinnen und Leser,

wem wird nicht in diesen Tagen leicht schwindlig beim Blick auf die Staatsfinanzen? Wer spürt nicht die Nervosität des Bundesfinanzministers, wenn jetzt klar wird, dass die Steuereinnahmen 2020 um 98 Milliarden Euro sinken? Natürlich, wir haben schon vor dem finanzzerstörenden Virus verstanden, dass Schulden das Blut einer entfesselten Weltwirtschaft sind. Entfesselt, nachdem die USA 1971 die Bindung des Dollars ans Gold kappten. Das Bretton-Woods-System begrenzter Wechselkurse und der Kreditversorgung durch den 1945 gegründeten Internationalen Währungsfonds (IWF) sank dahin, Verbindlichkeiten bauten sich auf. Aber dass nun die Staatsverschuldung der Industrienationen von 90 auf 122 Prozentpunkte springt, ist auch für hartgesottene Kreditjunkies ein Schock.

Denn irgendwie gilt ja schon: „Wer sich in Schulden steckt, gibt andern ein Recht über seine Freiheit“ (Benjamin Franklin). Die Schulden des einen sind der Reichtum des anderen – solange der andere zahlen kann. Das ist das Risiko der Defizitwirtschaft, die nach jeder Krise mit innerer Logik immer noch größer geworden ist. Und die jede Notenbank zum zinsfreien Generalversorger einer Ökonomie macht, in der auch „Zombie-Unternehmen“ leben dürfen. Deutschland wird es vielleicht sogar gelingen, nach 2023 die staatlichen Pandemiekosten von 1,9 Billionen Euro wieder zurückzuführen, aber was ist mit angeschlagenen Staaten wie Italien oder Spanien? Pandemien sind wie Naturkatastrophen oder Kriege Schuldenbeschleuniger – das Virus geht, die Tilgung bleibt.

Quelle: Bildagentur Huber [M]
Deutschland wird es vielleicht gelingen, nach 2023 die staatlichen Pandemiekosten von 1,9 Billionen Euro wieder zurückzuführen, aber was ist mit Staaten wie Italien oder Spanien?
(Foto: Bildagentur Huber [M])

In unserem großen Wochenendreport („Retten wir uns zu Tode?“) dröseln wir das Dilemma auf. Da ist die eine Denkschule mit Ex-IWF-Ökonom Olivier Blanchard als Vordenker, wonach Industriestaaten sich um Verbindlichkeiten nicht mehr kümmern müssten – da ja kaum mehr Zinsen fällig sind, sinke der Schuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftskraft automatisch. Die andere Denkschule – mit Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff an der Spitze – weiß, dass historisch meist Überschuldung zu Finanzkrisen geführt hat und dass Zinsen auch wieder steigen können. Das mache Sparen und intelligentes Schuldenmanagement nötig. Es zeigt sich: Deutsche Ökonomen sind aktuell, notgedrungen, auf Blanchards Kurs der Sorglos-Ökonomie. Derzeit von ausgeglichenen Haushalten zu reden, ist, als suche man wie bei „Alice im Wunderland“ nach dem sprechenden, weißen Kaninchen. Rogoff? Später, vielleicht.

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    Die Pandemie bringt im Übrigen eine neue soziale Frage hervor: Reiche werden reicher, Arme ärmer. IWF-Chefin Kristalina Georgiewa schildert uns, was ihr Institut beim Blick auf vergangene Epidemien (Sars, Mers, Ebola, Zika) herausgefunden hat: dass danach die Ungleichheit zunahm. Die Arbeitslosigkeit unter Geringqualifizierten stieg im Schnitt um fünf Prozent. „In dieser schweren Krise können wir es uns nicht leisten, blind für diese Risiken zu sein“, sagt die Bulgarin – und rät etwa zu Krankengeld, Arbeitslosenhilfe und Gesundheitsversorgung für die Ärmsten sowie für progressive Steuermodelle. Ihre Conclusio: Europa mit seiner Tradition der Sozialen Marktwirtschaft sei ein „Vorbild“.

    Familienunternehmer sind die Stahlträger dieser Grundordnung, und in diesem Sinne äußert sich Nikolas Stihl, Beirats- und Aufsichtsratschef des gleichnamigen Motorsägenproduzenten, im Handelsblatt-Interview. Es sei nachvollziehbar, sagt er beispielsweise, dass die Öffentlichkeit kein Verständnis hat, wenn ein Unternehmen Staatshilfe beantrage und gleichzeitig kapitalintensive Maßnahmen durchziehe – „insbesondere Aktienrückkäufe, die außer für die Kurspflege zu gar nichts nutze sind“. So etwas sollte nie stattfinden, meint der promovierte Maschinenbauer. In einem anderen Interview der aktuellen Ausgabe erklärt Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, warum sein Land die Grenzen zu Deutschland am 15. Juni öffnet und zu Italien geschlossen hält: Man werde sicher nicht bei Ländern aktiv, „in denen die Situation nicht unter Kontrolle ist“.

    Quelle: AFP
    Das Pharmaunternehmen Sanofi versichert inzwischen, alle Länder sollten einen Impfstoff gegen das Coronavirus erhalten.
    (Foto: AFP)

    Donald Trump lebt nach seinen Maßstäben – also denen der Quote – bestens von seiner gut geölten Aversion gegen die Weltgemeinschaft. Im Rennen um Corona-Impfstoffe gewann er offenbar dank eines dreisten Geldbündelwinkens die ganze Liebe des französischen Pharmakonzerns Sanofi. Die USA hätten beim Serum den Vorrang, erklärte Generaldirektor Paul Hudson, schließlich hätten sie als erstes Land die Forschung unterstützt: Die amerikanische Regierung habe „das Recht auf die größte Vorbestellung“. Das bringt dem Prahl-Manager am nächsten Dienstag ein Tête-à-tête mit Staatspräsident Emmanuel Macron ein. Sanofi versichert inzwischen, alle Länder sollten einen Impfstoff erhalten. In einem anderen Fall hatte Trump Erfolg mit seinem Antiglobalismus: Bei der Welthandelsorganisation WTO trat der von ihm oft kritisierte Generaldirektor Roberto Azevêdo ein Jahr vor Ende seiner Amtszeit zurück – offiziell aus gesundheitlichen Gründen.

    An Amazon als täglichen Begleiter des Lebens wird man sich auch in der gehobenen Modebranche gewöhnen müssen. Gründer Jeff Bezos kooperiert mit „Vogue“ und dem Council of Fashion Designers of America – man startet eine neue Verkaufsplattform namens „Common Threads“. Für die gemeinsamen Fäden mit dem E-Commerce-Giganten zeigt sich „Vogue“-Legende Anna Wintour überaus dankbar: Amazon Fashion habe den von der Pandemie betroffenen US-Designern schnell geholfen. 20 Top-Marken werden jetzt in Bezos‘ Reich promotet, das zudem eine halbe Million Dollar spendet und sich nun einen Hauch Luxus gönnt. In diesen Kreisen gilt ein Spruch von Françoise Sagan: „Eine eitle Frau braucht einen Spiegel, ein eitler Mann ist sein eigener Spiegel.“

    Ökonomisch war der Start des Schuhfabrikantensohns Rolf Hochhuth gut gelaufen. Er bescherte 1959 als Verlagslektor dem Bertelsmann-Konzern mit einer Wilhelm-Busch-Ausgabe einen Millionen-Seller. Aber das Glück nach dem „Lesering“ währte nicht lange, weil Bertelsmann-Eigner Reinhard Mohn das erste Drama seines Angestellten aus politischen Gründen nicht drucken wollte: Es war der Welterfolg „Der Stellvertreter“ über das Schweigen des Vatikans zum Holocaust. Provokationen blieben auch danach die Standardbeimischung in Hochhuths Werk, etwa mit der Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“, die Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) als früheren NS-Richter enttarnte und zum Rücktritt trieb. Oder mit dem Schauspiel „McKinsey kommt“ über Entlassungen nach Fusionen. Hochhuth, Aufrührer und Aufklärer, ist am Mittwoch in Berlin im Alter von 89 Jahren gestorben.

    Quelle: dpa
    Thomas Gottschalk gibt im großen Handelsblatt-Interview zum 70. Geburtstag am kommenden Montag ein paar Geheimnisse preis.

    Und dann ist da noch der selbsterklärte „Gesichtsvermieter“ Thomas Gottschalk, der im großen Handelsblatt-Interview zum 70. Geburtstag am kommenden Montag ein paar Geheimnisse preisgibt. Dazu gehören: 915,79 Euro Rente. Sein Freund Gunter Sachs als einziges Idol. Die größte Freude, vor einem Radiomikrofon zu stehen. Der Selbstspott über seine Missgeschicke als Investor: Schloss am Rhein mit Riesenverlust verkauft, Mühle in Malibu verbrannt. Der Mann aus Baden-Baden, den das ZDF mit einer Überraschungsshow feiert, hat auch noch einen garantiert nicht ironiefreien Rat für TV-Gewaltige parat: „Nur ein paar öffentlich-rechtliche Traumtänzer glauben wirklich, dass die Kids irgendwann ihre Laptops aufklappen, um Soko Kitzbühel oder Bergdoktor zu gucken. Viel Glück dabei!“

    Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende mit fröhlichen Gesichtern, wahrem Glück und Humor. Es grüßt Sie herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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    1 Kommentar zu "Morning Briefing : Im Schuldenland ohne Ausfahrt"

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    • Man darf bedenken, dass Staatsdefizite nur entstehen können, wenn gleichzeitig monetäre Überschüsse des Privatsektors entstehen. Diese haben wir aktuell vor allem als Kredittilgungen des Privatsektors. Wenn man sich diese volkswirtschaftliche Logik bewusst hält, wird man auch Lösungen finden. Wenn Staatsschulden zu groß werden, dann muss private Geldvermögensbildung (zunimdet die Kredittilgungen) stärker vermieden werden. Dies mag nicht populär sein, nur muss doch die Debatte endlich mal auf diesen Punkt. Wenn wir Staatsschulden künftig einfach Privatüberschüsse nennen, wird dies leichter fallen. Vielleicht hat ja gar niemand was gegen steigende Privatüberschüsse?

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