Morning Briefing: Knapp: Berliner SPD billigt schwarz-rot
Knapp: Berliner SPD billigt schwarz-rot / Klebrig: Importhonig in der EU oft gepanscht
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
wenn in der Kaffeeküche Ihres Büros mal wieder jemand auf „die da oben“ schimpft, die „nichts leisten und trotzdem immer mehr verdienen“, dann können Sie künftig kontern: Der scheinbar unaufhaltsame Trend zu steigenden Vergütungen im Topmanagement ist im vergangenen Jahr ins Gegenteil umgeschlagen. Die Vorstandsvorsitzenden der größten börsennotierten Konzerne in Deutschland haben 2022 deutlich weniger verdient als im Jahr zuvor.
Nach Berechnungen des Handelsblatt Research Institute schütteten die Konzerne des Dax 40 ihren CEOs insgesamt 173 Millionen Euro aus, knapp zwölf Prozent weniger als 2021. Auch die Vergütung aller Vorstandsmitglieder zusammengerechnet sank um sechs Prozent auf 647 Millionen Euro. Das lag vor allem an den schwächelnden Aktienkursen und entsprechend gesunkenen Bonuszahlungen.
Die Bandbreite ist groß. Continental-Chef Nikolai Setzer erhielt nahezu doppelt so viel Geld wie 2021. Post-Chef Frank Appel, Covestro-CEO Markus Steilemann und Rheinmetall-Chef Armin Papperger bekamen nur noch rund die Hälfte ihres Vorjahresgehalts.
Bevor Sie nun nach der Nummer eines Spendenkontos fragen: Dass es im Hause Appel derzeit nur noch Schmelzkäseschnittchen zu essen gibt, steht nicht zu befürchten. Mit 5,5 Millionen Euro Gesamtvergütung dürfte auch das halbierte Gehalt des Post-Chefs noch knapp auskömmlich gewesen sein. Handelsblatt-Vergütungsexpertin Tanja Kewes nimmt uns in ihrem Kommentar zudem die Illusion einer Zeitenwende bei den Managementgehältern: „Die geringere Vergütung im Jahresvergleich hat nichts mit einer neuen Bescheidenheit in den Chefetagen zu tun.“
Mehr Geld bekommen hingegen die rund 2,5 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst: Bund, Kommunen und Gewerkschaften haben sich am späten Samstagabend auf die größte Tariferhöhung seit Jahrzehnten geeinigt. Sie sieht vor:
- steuer- und abgabenfreie Sonderzahlungen von insgesamt 3000 Euro in mehreren Stufen
- ab März 2024 als Lohnplus einen Sockelbetrag von 200 Euro sowie anschließend 5,5 Prozent mehr
- wird dabei kein Plus um mindestens 340 Euro erreicht, wird der betreffende Erhöhungsbetrag auf diese Summe gesetzt
Verdi-Chef Frank Werneke rechnete vor: „Eine Pflegekraft bekommt im Rahmen dieses Tarifabschlusses dauerhaft wirkend eine monatliche Entgeltsteigerung von 400 Euro.“
Streiks bei der Müllabfuhr oder im Krankenhaus sind nun erstmal vom Tisch. Nicht aber bei der Bahn und an Flughäfen, da es hier um einen anderen Tarifstreit geht. Schon an diesem Montag will Verdi den Hauptstadtflughafen BER mit Warnstreiks lahmlegen.
Laut Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), bedeuten die geschätzten Mehrkosten von 17 Milliarden Euro durch den Abschluss für die Kommunen „eine massive finanzielle Belastung, die zu weiteren Einschränkungen der Daseinsfürsorge führen wird“.
Meine Meinung: Fratzschers Befürchtung lässt sich abwenden, wenn der öffentliche Dienst endlich anfängt, mit der gleichen Energie nach Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und Rationalisierung zu suchen, wie das in anderen Branchen längst selbstverständlich ist.
Anfangen könnte mit der Suche nach mehr Effizienz zum Beispiel die künftige schwarz-rote Landesregierung in Berlin. Wie man von Bewohnern der Hauptstadt hört, soll auf den dortigen Amtsstuben ja nicht immer alles flutschen.
Eine Mitgliederabstimmung in der Berliner SPD ergab am Sonntag eine knappe Mehrheit von 54,3 Prozent für den zuvor ausgehandelten Koalitionsvertrag mit der CDU. Gibt es beim heutigen CDU-Parteitag ebenfalls eine Mehrheit, könnte der CDU-Landesvorsitzende Kai Wegner schon am Donnerstag zum ersten Regierenden Bürgermeister seiner Partei seit 22 Jahren gewählt werden. Seine Vorgängerin Franziska Giffey (SPD) soll voraussichtlich Wirtschaftssenatorin werden.
Die Bundeswehr hat am Sonntag Menschen aus der umkämpften sudanesischen Hauptstadt Khartum ausgeflogen. Der erste Militärtransporter der Luftwaffe mit 101 evakuierten Personen sei auf dem Rückweg nach Jordanien, teilte die Bundeswehr am späten Sonntagabend über Twitter mit.
Später folgte demnach ein zweiter Flieger mit 113 Menschen an Bord. Bundeswehr und Auswärtiges Amt wollen mehr als 300 auf einer Krisenliste registrierte Deutsche ausfliegen und auch Bürger von Partnerstaaten berücksichtigen. An dem Einsatz sind insgesamt mehr als 1000 Männer und Frauen der Bundeswehr beteiligt.
Für die im MDax notierte Software AG könnten die Tage als Börsenkonzern gezählt sein. Der Finanzinvestor Silver Lake, der bereits Großaktionär ist, will den Softwarehersteller komplett übernehmen.
Der Vorstand der Software AG unterstützt den Plan, ebenso die Stiftung des Gründers Peter Schnell, die 25,1 Prozent ihrer Anteile verkaufen und nur fünf Prozent behalten will. Silver Lake bietet je Aktie 30 Euro in bar. Das ist ein Aufschlag von 53 Prozent auf den Schlusskurs vom Donnerstag. Das Beteiligungsunternehmen will den MDax-Konzern nach der Übernahme von der Börse nehmen.
Der Chef des US-Medienkonzerns NBCUniversal, Jeff Shell, gibt seinen Posten mit sofortiger Wirkung auf. Shell gehe in beiderseitigem Einvernehmen, nachdem eine Untersuchung unangemessenes Verhalten aufgedeckt habe, gab der Mutterkonzern Comcast am Sonntag bekannt.
Shell selbst sprach von einer „unangebrachten Beziehung mit einer Frau im Unternehmen“. Erst vor drei Jahren hatte NBCUniversal-Vizevorstandschef Ron Meyer das Unternehmen verlassen, nachdem er zugab, Schweigegeld an eine frühere Affäre gezahlt zu haben und zuvor erpresst worden zu sein.
Und dann ist da noch ein Lebensmittelskandal, dem die EU-Kommission derzeit nachgeht und über den die „Financial Times“ berichtet: Von außerhalb der EU importierter Honig soll demnach häufig mit billigem Sirup oder Zuckerwasser gepanscht sein. Rund die Hälfte der von der Kommission untersuchten Proben zeigten Auffälligkeiten. Auch einen treffenden Namen für den Skandal soll ein EU-Offizieller bereits erfunden haben: „Honeylaundering“, in Anspielung auf Moneylaundering, Geldwäsche.
Ich wünsche Ihnen einen streichzarten Wochenstart.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
Wir haben die Summe der Vergütungen der Dax-CEOs im Vergleich zur ersten Text-Fassung von 73 Millionen Euro auf 173 Millionen Euro korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
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