Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Leben im Lockdown-Monat

29.10.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

mit der Gewissheit des Lockdown-Novembers gehen wir in die nächste Woche. Es ist der Versuch, Kontrolle über ein Virus zurückzugewinnen, das sich – wegen seiner großen Verbreitung – womöglich der Ex-Post-Kontakterforschung dauerhaft entziehen wird. Weil Schulen, Kitas, Geschäfte und Gottesdienste offenbleiben sollen, müssen an anderer Stelle menschliche Begegnungen reduziert werden, erklärte die nervös wirkende Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrer Einigung mit den Bundesländern. Um die „Welle zu brechen“, sind das Verbot von Veranstaltungen und die Aufforderung zum Reiseverzicht vielleicht verständlich. Aber dass nun Gaststätten, Theater, Opern und Kinos wieder dichtmachen müssen, lässt die gestrige Krisenrunde wie Aktionismus erscheinen. Bestraft werden alle: Die Akteure, die viel in Hygiene-Vorrichtungen investiert und das Infektionsrisiko minimiert haben. Und das Publikum, das Entspannung von der Viren-Front sucht und nun in jene Privatsphäre zurückgetrieben wird, in der sich Corona jüngst erst munter entfalten konnte.

Quelle: dpa
Dem Regierungskonzept fehlt insgesamt die Zielgenauigkeit, auch wenn angesichts von fast 15.000 Neu-Infektionen und einer exponentiellen Virus-Verbreitung politisches Handeln angesagt war.

Das Zitat des Tages kommt von Star-Trompeter Till Brönner: „Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und uns Arbeitslosengeld II anbieten?“ Mit der gestrigen Aktion wirkt Merkels Corona-Regime insgesamt wie ein Areopag, der sich von der demokratischen Basis immer stärker löst. Der Infektions-Dirigismus muss dringend im Bundestag und auch in den Länderparlamenten diskutiert werden. Ein Thema ist dabei sicherlich die „Schleierfahndung“, mit der Bundesinnenminister Horst Seehofer dem Land droht, immer auf der Suche nach Übeltätern, die sich nicht an Corona-Regeln halten. Dem Regierungskonzept fehlt insgesamt die Zielgenauigkeit, auch wenn angesichts von fast 15.000 Neu-Infektionen und einer exponentiellen Virus-Verbreitung politisches Handeln angesagt ist. Über allem gilt ein Bonmot von Jean Paul: „Wer die Laterne trägt, stolpert leichter, als wer ihr folgt .“

Auf die Staatsfinanzen, die mit Corona den Glanz der Solidität verloren haben, kommen im Virenkampf neue Belastungen zu. Die Bundesregierung will immerhin den vom November-Lockdown betroffenen Firmen 75 Prozent des Umsatzes erstatten, haben meine Kollegen erfahren. Und so sieht die Mechanik der Nothilfe aus, die vor allem auf Gastronomie und Tourismus ausgerichtet ist:

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    • Erstattung jeweils nach dem Umsatz aus dem November 2019;
    • bereits gewährte Staatsgelder für Überbrückung oder Kurzarbeit sollen von der neuen Hilfssumme abgezogen werden;
    • rund zehn Milliarden Euro sind eingeplant.

    Während Wirtschaftsminister Peter Altmaier übrigens Soloselbständigen Hoffnung auf „Unternehmerlohn“ macht, halten SPD und Ökonomen dieses Artefakt in sich für widersprüchlich. Ifo-Präsident Clemens Fuest: „Einen Unternehmerlohn sehe ich skeptisch. Es gehört zum Unternehmertum dazu, Risiken zu tragen.“

    Wenn es um die Staatshilfen der vergangenen Monate geht, belegt die Lufthansa als eine der Hauptbegünstigten einen Spitzenplatz. Kassieren ist eine Sache, gute Dienste leisten eine andere. So geht das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) nunmehr wegen schleppender Ticketrückerstattung bei stornierten Flügen verstärkt gegen Fluggesellschaften vor. Mit Bezug auf Beschwerden wurden bislang 292 Verfahren wegen Ordnungswidrigkeit eingeleitet, sagt ein Sprecher der Behörde dem Handelsblatt. Auch gibt es eine gestiegene Zahl von Verbraucherbeschwerden – das LBA bearbeitete zwischen Mitte März und Ende September 2161 davon. Heinz Klewe, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr, bilanziert: „Die Verbraucher haben sich infolge der Pandemie so oft wie noch nie zuvor mit ihrem Problem an uns gewandt.“

    Quelle: AFP
    Der Deutsche Aktienindex fiel um 4,2 Prozent nach unten auf nur noch 11.560 Punkte.
    (Foto: AFP)

    Für die Börsen ist die Lockdown-Manie dieser Tage regelrechtes Anlegergift. Der Deutsche Aktienindex plumpste gestern um 4,3 Prozent nach unten auf nur noch 11.545 Punkte. Man bejubelte schon Dax-Novize Delivery Hero, dem mehr Essensauslieferungen angesichts geschlossener Restaurants zugetraut werden. „Ein Rückschlag, keine Trendwende“, überschrieb unser Finanzressort seine Analyse. Nun fällt auf einmal auf, dass der Boom zuletzt nicht von Investorenprofis getragen wurde, sondern von Privatanlegern. Es sei zu viel „dummes Geld“ unterwegs, beklagt sich der amerikanische Hedgefonds-Manager Brad Lamensdorf. In den USA verlor der Dow-Jones-Index 3,4 Prozent und sackte auf 26.519 Punkte ab. Man kann sich inzwischen fragen, welche Angst größer ist: die vor der Pandemie oder die vor dem nächsten Kurs-Blutbad.

    Wo Deutschland auf einen temporären Teil-Lockdown setzt, lässt Frankreich bis Anfang Dezember die Gitter weiter nach unten. Präsident Emmanuel Macron verordnet Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land. Jeder muss zu Hause bleiben, nur Arztbesuche und wichtige Einkäufe sind erlaubt. Macron fürchtet die „Triage“. Ohne eine „brutale Bremsung“ müssten die Ärzte in einigen Wochen wählen, wen sie behandeln: ein Covid- oder ein Unfallopfer, den einen oder den anderen Covid-Kranken – „die zweite Welle hat uns überwältigt“. Die Republik meldete zuletzt fast 50.000 Neuinfektionen am Tag, den Intensivstationen in Krankenhäusern droht eine Notlage wie im Frühjahr. Unter ökonomischem Druck wandte sich jetzt übrigens „Shakespeare and Company“, 1919 gegründeter ikonischer Buchladen in Paris, an die Kunden: „Wie viele unabhängige Geschäfte kämpfen wir für einen Weg nach vorne in dieser Zeit, in der wir mit Verlusten wirtschaften.“ Den Umsatzrückgang um 80 Prozent seit März sollten nun Online-Bestellungen der umworbenen Lesefreunde ausgleichen.

    Quelle: dpa
    Michael Müller, Regierender Bürgermeister in Berlin und SPD-Landeschef setzt sich in einer Mitgliederbefragung zum Spitzenkandidaten der Bundestagskandidatur gegen Sawsan Chebli, Staatsekretärin in der Staatskanzlei, durch.

    Respekt verdient sich Michael Müller in Berlin, Regierender Bürgermeister und SPD-Landeschef. Er gewinnt eine Mitgliederbefragung zur Frage, wer als Spitzenkandidat im Bundestags-Wahlkreis Charlottenburg-Wilmersdorf antreten soll. Müller erhielt 58,4 Prozent der Stimmen im Duell mit Sawsan Chebli, Staatsekretärin für Bürgerschaftliches Engagement in der Senatskanzlei. Chebli kündigte sofort an, den Sieger zu unterstützen – und will sich dafür einsetzen, dass die SPD „überall“ mehr junge Leute, mehr Frauen und mehr Menschen mit Migrationsgeschichte „an die Spitze und zur Wahl stellt“. Gestern ist der eher spröde Müller zudem mit einem souveränen Auftritt bei der Corona-Pressekonferenz neben Merkel und Markus Söder aufgefallen.

    Und dann ist da noch die Motorradlegende Harley-Davidson aus Milwaukee, Wisconsin, die wiederholt durch Hollywood-Erfolgsfilme gerollt ist. Zum Beispiel mit Peter Fonda in „Easy Rider“, mit Bruce Willis in „Pulp Fiction“, mit Arnold Schwarzenegger in „Terminator 2“. Doch das Geschäftsmodell ist mit manchem „Biker“ in die Jahre gekommen – weshalb das Unternehmen im März 2021 seine ersten E-Bikes unter der Marke „Serial 1 Cycle“ auf den Markt bringen wird. Es ist eine Reminiszenz an „Serial Number 1“, das 1903 gebaute erste Motorrad des Herstellers. Es lockte – genau wie das neue E-Bike – mit weißen Reifen sowie einem Sattel und Handgriffen aus Leder. Charles Aznavour, unvergessener Chansonnier, kommentiert: „Nostalgie ist die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der man nichts zu lachen hatte.“

    Ich wünsche Ihnen einen erfüllten Tag, mit oder ohne E-Bike.

    Herzliche Grüße

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

    Morning Briefing: Alexa
    Startseite
    Mehr zu: Morning Briefing - Leben im Lockdown-Monat
    0 Kommentare zu "Morning Briefing : Leben im Lockdown-Monat"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%