Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Mit Impfungen gegen die Delta-Variante: 70 Prozent sind nicht genug

08.07.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

für Menschen, die in den altmodischen Kategorien von Ursache und Wirkung denken oder einfach nur gerne Billard spielen, hat es fast etwas Beruhigendes: Eine globale Pandemie geht eben doch nicht spurlos an der Weltwirtschaft vorüber. Auch dann nicht, wenn Staaten und Notenbanken die Folgen mit billionenschweren Programmen zu überdecken suchen. „Ich schließe nicht aus, dass bei der Inflationsrate in Deutschland für einige Monate eine Vier vor dem Komma stehen wird“, sagt Bert Rürup, Chef des Handelsblatt Research Institute (HRI). Denn: Ein „verknapptes Güterangebot“ werde einer „kurzfristig stark anziehenden Konsumentennachfrage“ gegenüberstehen.

Grafik

Das „verknappte Güterangebot“ ist dabei eine freundliche Umschreibung für das Chaos, das derzeit in der weltweiten Logistik herrscht. Die frischgeimpfte und vom Lockdown befreite Bevölkerung in den Industriestaaten will endlich wieder shoppen. Doch wichtige Häfen arbeiten noch nicht auf Vor-Corona-Niveau. Frachtschiffe warten tagelang auf die Abfertigung, Container sind knapp, die Frachtraten explodieren. Einzelhändler wie Kik oder Rossmann stimmen ihre Kundschaft nun auf steigende Preise ein.

Verwundern kann dabei vor allem, dass es so lange gedauert hat, bis der Inflationseffekt eintritt. Und beruhigend mag wirken, dass HRI-Experte Rürup die Vier vor dem Komma für einen vorübergehenden Peak hält: „Spätestens ab dem nächsten Jahr wird sich dieser Preisauftrieb wieder spürbar in die Nähe der Zwei-Prozent-Marke zurückbilden.“ Merke: Selbst nach einem richtig verkorksten Billard-Stoß kommen die Bälle irgendwann wieder zur Ruhe. Nur wenn es ganz blöd läuft, liegt der Schwarze am Ende im falschen Loch.

Die Warenmärkte sind ein Schauplatz, auf dem sich die aufgestauten ökonomischen Imbalancen Bahn brechen, ein anderer ist die Börse. Die Kombination aus Negativzinsen und pandemiebedingt hoher Sparquote lässt die Deutschen – einst als Aktienmuffel verschrien – an den Kapitalmarkt strömen. Mittlerweile hat jeder Sechste in Aktien oder börsennotierte Fonds (ETFs) investiert. All die neuen Anleger brauchen ein günstiges Depot und ein paar Dienstleistungen drumherum, was wiederum für einen Boom bei Finanz-Start-ups sorgt, den sogenannten Fintechs.

Eines davon, Scalable Capital, hat jüngst den Sprung zum sogenannten Einhorn geschafft: Investoren bewerten das Münchner Unternehmen aktuell mit 1,4 Milliarden Dollar. Wie dieses Geld eingesetzt werden soll und mit welcher Strategie Scalable Capital seine Kunden langfristig halten will, erklärt der Mitbegründer und Chef des Start-ups, Erik Podzuweit, in unserem Podcast Handelsblatt Today.

Der Ende Juni bekannt gewordene Plan von Knorr-Bremse, die Mehrheit an Hella zu übernehmen, hätte die etablierte Troika der deutschen Autozulieferer-Konzerne (Bosch, Continental, ZF) zur Quadriga erweitert. Doch daraus wird nichts. Am Mittwochabend verkündete Knorr-Bremse in einer Ad-hoc-Mitteilung: „Nach sorgfältiger Analyse bewertet der Vorstand die Möglichkeiten des Transfers von Schlüsseltechnologien und Produkten auf das eigene Produktportfolio als nicht ausreichend zur Realisierung der erwarteten Synergien.“

So hübsch lesen sich Absagen erfahrungsgemäß nur, wenn sie von einem Berater eingeflüstert, von der Investor-Relations-Abteilung zurechtgeklöppelt und zum Schluss von gut bezahlten Anwälten glattgebügelt werden.

Quelle: imago images/Xinhua
Die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides will aufgrund der Delta-Variante an Einschränkungen des öffentlichen Lebens festhalten.
(Foto: imago images/Xinhua)

Wie soll Europa mit den verbleibenden Corona-Auflagen umgehen? Nichts wie weg damit, verkündete Boris Johnson jüngst mit gewohnter Chuzpe, schließlich schützten die Impfungen auch vor der hochinfektiösen Delta-Variante. Auch der sonst nicht ganz so vorlaute deutsche Außenminister Heiko Maas plädiert für eine Aufhebung aller Corona-Beschränkungen ab August, sollten alle Menschen in Deutschland bis dahin ein Impfangebot bekommen haben.

Die Gegenposition markiert EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides im Handelsblatt. Die Strategie der zypriotischen Politikerin gegen den Vormarsch der Delta-Variante lautet „Impfen plus Maske“: „Durch die Impfungen müssen wir das Rennen gegen diese Variante gewinnen. Wie lange wir ein Ansteigen der Fälle verzögern und wie viele Menschen wir in der Zwischenzeit impfen, bestimmt, wie viele Patienten ins Krankenhaus kommen oder Schlimmeres erleben müssen. Es geht hierbei um die nahe Zukunft. Die einfachen Maßnahmen wie das Tragen von Masken und das Abstandhalten sollten wir auf jeden Fall beibehalten.“

Auch in der Debatte, ob Kinder unter zwölf Jahren geimpft werden sollten, bezieht sie eine eindeutige Position: „Die anhaltende Präsenz des Virus macht die Impfungen für Kinder wünschenswert. Denn wir wollen, dass Kinder zur Schule gehen und gleichzeitig in Sicherheit leben können.“

Von der Vorstellung, dass Europa bei 70 Prozent Impfquote Herdenimmunität erreicht habe, müsse man sich angesichts der Delta-Variante verabschieden: „Die Varianten haben die Übertragbarkeit erhöht. Darum brauchen wir nun mehr als 70 Prozent, um sicher zu sein.“ Übrigens: Nach dem verpatzten Impfstoffeinkauf ihrer Behörde haben meine Brüsseler Kollegen die Kommissarin natürlich auch gefragt.

Die als Goldstandard anerkannte Pandemie-Statistik der John-Hopkins-Universität in Baltimore passierte heute früh die grausige Marke von vier Millionen Corona-Toten weltweit.

Angesichts dieser Zahlen dürfte sich die deutsche TV-Population beim seit gestern Abend feststehenden EM-Endspiel zwischen Italien und England aufspalten: Millionen von Bundestrainern treffen am Sonntag auf ebenso viele Hobby-Virologen. Während die Bundestrainer über britisches Kick-and-Rush und italienisches Defensivgeschiebe dozieren (obwohl natürlich beide Mannschaften längst deutlich vielseitiger spielen), überschlagen die Hobby-Virologen den mutmaßlichen R-Wert im mit 60.000 Zuschauern besetzten Wembley Stadion inmitten der Delta-Hochburg London.

Quelle: AP
Melinda French Gates und Bill Gates
(Foto: AP)

Und dann ist da noch das in Trennung lebende Ehepaar Bill Gates und Melinda French Gates, das sein künftiges Miteinander im Ohneeinander gestalten muss. Wo es bei anderen Scheidungspaaren heißt „Wir kümmern uns erstmal zusammen um den Hund, und wenn das nicht klappt, nimmst Du ihn halt“, hat das Ehepaar Gates jetzt eine analoge Lösung für die gemeinsame Stiftung gefunden.

Die „Financial Times“ berichtet: Nach Ablauf von zwei Jahren hat Melinda French Gates die Option, vom Co-Vorsitz der 50 Milliarden Dollar schweren Gates Foundation zurückzutreten. In diesem Fall wird sie von Bill Gates Mittel für ihre „eigenen philanthropischen Vorhaben“ erhalten. Dieser Notfallplan soll in Kraft treten, wenn die beiden beschließen, dass ihre Zusammenarbeit an der Spitze der Stiftung nicht funktioniert.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, der Ihnen keinen Notfallplan abverlangt.

Herzliche Grüße
Ihr

Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Morning Briefing: Alexa
Startseite
Mehr zu: Morning Briefing - Mit Impfungen gegen die Delta-Variante: 70 Prozent sind nicht genug
0 Kommentare zu "Morning Briefing : Mit Impfungen gegen die Delta-Variante: 70 Prozent sind nicht genug"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%