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Morning Briefing Pharma-Wunder entwickelt sich als „Aktenzeichen XY“ weiter

25.01.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

als Agenda-Setter ist es Siemens-Chef Joe Kaeser in mehr als sieben Jahren gelungen, zwei Zielgruppen zu bedienen: die Finanzgemeinde mit der unaufhörlichen Aufbohrung des Münchener Industriekonzerns – sowie das allgemeine Publikum mit politischen Statements. Kurz vor seinem Abschied als CEO warnt er im Gespräch mit meinen Kollegen Sebastian Matthes und Axel Höpner erneut vor einer sozialen Spaltung: „Der Kasino-Kapitalismus ist zu weit gegangen.“ Im Einzelnen sagt der 63-Jährige über…

  • die Meinungsstärke von CEO-Kollegen: „Jetzt, als die Ära Trump zu Ende ging, haben sich manche ja noch schnell kritisch geäußert. Als ich vor etwa einem Jahr auf die Verrohung der Sprache seitens des sichtbarsten politischen Amts der Welt hingewiesen habe, musste ich dafür Kritik einstecken.“
  • die Digitalisierung: „Was wir in Deutschland und Europa unbedingt brauchen, ist die Mikroelektronik. Das ist ein viel wichtigerer Schlüssel als Software und die Cloud – für die Weiterentwicklung der industriellen Welt von morgen. Die Halbleiterindustrie integriert immer mehr Funktionalität auf den Chip. Sie bestimmen die DNA der Digitalisierung.“
  • die Internet-Giganten: „Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte es für die Welt wichtiger sein, wer Chef von Facebook wird, als wer zum US-Präsidenten gewählt wird. Da muss die Politik einen Ordnungsrahmen für die Gewaltenteilung neuer Prägung schaffen.“

Schon heute kann man sagen: Die Donald Trumps oder Joe Bidens kommen und gehen, Mark Zuckerberg bleibt.

Zusehends sind die Menschen skeptisch gegenüber dem digitalen Monopolismus, der ihr für modern erklärtes Leben beherrscht. Jüngster Beleg: Die großen Absetzbewegungen beim Messenger-Service WhatsApp, der – natürlich – ebenfalls zu Zuckerbergs Imperium gehört. Die Flüchtenden sind irritiert von Änderungen der Nutzerbedingungen, die es nach Kritikermeinung der Mutterfirma Facebook ermöglichten, die Texte der Nutzer einzulesen und für kommerzielle Zwecke zu nutzen (was WhatsApp dementiert).

Jedenfalls sind Millionen zu Alternativen wie dem Anbieter Signal gewechselt – den auch Elon Musk empfiehlt. Als Reaktion auf die Abstimmung per Hand verschiebt WhatsApp die Einführung der neuen Datenpolitik vom 8. Februar auf den 15. Mai. Schon Goethe wusste: „Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt.“

Quelle: dpa
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow gab bei einem vertraulichen Talk zu, bei Konferenzen „Candy Crush“ zu spielen.

Wie leicht man sich im digitalen Neuland verlaufen kann, beweist Thüringens Landesvater Bodo Ramelow. Er hat bei einem vertraulich angelegten Online-Talk – vermittelt über die neue Audio-App Clubhouse – tatsächlich erzählt, sich bei den stundenlangen Corona-Gesprächen in der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) mit dem Handy-Spiel „Candy Crush“ zu entspannen. Er schaffe da „bis zu zehn Level“. Und der Linken-Politiker mokierte sich darüber, dass „Bild“ quasi live aus den vertraulichen Sitzungen mit der Kanzlerin berichte: „Da können wir die MPK auch gleich auf Clubhouse machen und holen das Merkelchen dazu.“ Ramelow dachte selbst angesichts von mehr als 1000 Zuhörern nicht daran, dass seine Sottisen aus der „Trash“-Runde bekannt werden könnten – was dank „Welt am Sonntag“ prompt der Fall war. Mein Fazit: Das von zwei Silicon-Valley-Größen gegründete Clubhouse ist nun das „next big thing“, vor dem redselige Politiker strikt zu warnen sind.

Zur Rolle des ökonomischen Lehrmeisters fehlen Deutschland offenbar ein paar Fähigkeiten. So hat Berlin größten Wert darauf gelegt, dass Mittel aus dem Wiederaufbaufonds der Europäischen Union nur bei verwirklichten Reformen fließen – doch selbst kann es diese Bedingung jetzt nicht erfüllen, wie unsere Redaktion enthüllt. Das wirkt, als stelle sich der angebliche Meisterchirurg als Quacksalber heraus. Demnach hat die EU-Kommission den Reformplan beanstandet, den die Republik eingereicht hat, um 25 Milliarden Euro zu erhalten. Die Bundesregierung setzt nun auf Besänftigung durch einen neuen Fahrplan zur Beseitigung des öffentlichen Investitionsstaus. Ifo-Chef Clemens Fuest legt den Finger in die Wunde: "Bei der Diskussion um den Aufbaufonds wird deutlich, dass Deutschland noch kein Reformvorbild ist."

Quelle: dpa
EU-Ratspräsident Charles Michel muss eingestehen, dass eine 70-prozentige Impfquote bis Ende des Sommers wohl unrealistisch ist.

Die Kanzlerin versprach es, der Gesundheitsminister sowieso – nun aber räumt EU-Ratspräsident Charles Michel plötzlich ein, dass wohl kaum 70 Prozent der Erwachsenen in Europa bis Ende des Sommers geimpft sein werden. Das Ziel sei nur schwer zu verwirklichen, da die Hersteller weniger als vereinbart lieferten, so der Belgier. Sowohl Biontech/Pfizer als auch Astra-Zeneca geben zu wenige Impfdosen ab.

Michel droht bereits mit „juristischen Schritten“, Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte wiederum warnt vor „direkten Auswirkungen auf das Leben und die Gesundheit der Bürger“. Das Pharma-Wunder der schnell gefundenen Vakzine scheint sich als „Aktenzeichen XY“ weiterzuentwickeln. Die EU-Kommission hat angegeben, mit sechs Verträgen bei sechs Herstellern mehr als 2,3 Milliarden Impfdosen gesichert zu haben.

Wie wichtig eine schnelle Impfung ist, zeigt die rasante Ausbreitung der britischen Corona-Mutation B.1.1.7. Nachdem 20 Mitarbeiter und Patienten positiv darauf getestet wurden, steht das gesamte Vivantes-Großkrankenhaus im Berliner Stadtteil Reinickendorf unter Quarantäne. Fast 2000 Menschen sind davon betroffen, neue Patienten werden nicht mehr aufgenommen. Am heutigen Montag sollen Mitarbeiter in Charterbussen durch die Hauptstadt transportiert werden. B.1.1.7-Fälle traten auch in der Charité auf, wo der Notbetrieb verlängert wird. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci warnt: „Die Mutationen sind da. Die Regeln, die wir uns im Kampf gegen das Virus auferlegt haben, müssen weiterhin streng eingehalten werden.“

Aber ist deswegen „Auf-Sicht-Fahren“ das Richtige, wie es Armin Laschet propagiert? „Es wird keine Strategie bis zum Sommer geben können, weil immer neue Fakten hinzukommen, auf die wir reagieren müssen“, sagt der neue CDU-Chef. „Strategie“ könnte ja aber bedeuten, Ältere und bestimmte gefährdete soziale Gruppen besser zu schützen und aufzuklären, transparente Wartelisten für Impftermine zu organisieren, gezielt Schnelltests zu verordnen.

Generelle Einwände gegen Laschet äußert unser Gastkommentator Wolfgang Münchau: Er habe den CDU-Vorsitz weder mit dem Versprechen einer stärkeren europäischen Einigung oder einer Kampfansage an die fiskalpolitisch Konservativen erlangt, noch hinterfrage er das enge Bündnis seiner Partei mit dem ungarischen Viktor Orbán. Und schließlich sei der „Kohlekumpel“, so Münchau, ein Geist der Vergangenheit und stehe nicht für technologische Innovationen.

Quelle: picture alliance / Sueddeutsche
Der Degussa-Chef Markus Krall polarisiert öffentlich so stark wie kein anderer Goldhändler.
(Foto: picture alliance / Sueddeutsche)

Und dann ist da noch Markus Krall, Chef des größten bankenunabhängigen Goldhändlers Degussa. In seinen Bestsellern prophezeit er eine schwere Finanzkrise, lobt Trump und bezweifelt die Pandemie. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nannte er öffentlich einen „Maschinenraum des Völkerselbstmords“. Seine ökonomische Bilanz ist auch nicht über jeden Zweifel erhaben. Ein Blick in die Bücher zeigt zwar für 2019 einen von 1,4 Milliarden auf knapp 2,6 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz, offenbart aber auch eine deutlich gewachsene Verschuldung. Eigentümer August von Finck junior gewährte im Sommer 2020 eine Eigenkapitalspritze.

Obwohl die Krise viele Anleger zum Goldkauf brachte, fiel die Marge bei Degussa nach unserer Analyse von 1,65 auf 1,4 Prozent – und der Jahresüberschuss lag bei mickrigen 5,8 Millionen. Vielleicht liegt es ja an der „Goldkammer“, einem teuren, von Degussa betriebenen Frankfurter Museum.

Ich wünsche Ihnen einen goldrichtigen Start in die Woche.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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