Morning Briefing Plus – Die Woche: Das europäische Versäumnis: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
diese Woche haben wir uns so intensiv wie lange nicht mit der Zukunft der europäischen Industrie beschäftigt und mit dem größten wirtschaftspolitischen Versäumnis dieses Jahres: Monatelang haben die Europäer den „Inflation Reduction Act“ (IRA) unterschätzt, das milliardenschwere Subventionsprogramm der US-Regierung, das grüne Technologien fördern und, man muss es so sagen, Teile der Globalisierung rückabwickeln soll. Milliarden will die US-Regierung dafür ausgeben, um die Produktion von Rohstoffen und Industriegütern in die USA zurückzuholen.
Es klang ja auch erst einmal gut, dass sich die Amerikaner nun auch um Klimaschutz kümmern wollen. Erst nachdem das Gesetz in Kraft war, fiel den Europäern auf, dass dahinter geo-ökonomische Ambitionen und vor allem aggressive Industriepolitik stecken, die zu „sinkenden Investitionen in Deutschland führen könnten“, wie Robert Habeck mittlerweile warnt. Der Wirtschaftsminister arbeitet daher an einer Antwort auf das Gesetz, berichtet unser Berliner Büro exklusiv.
Habecks Vorschlag: ein „europäisches Programm für die Förderung von Transformationstechnologien“. Denn inzwischen hat die Bundesregierung erkannt, dass die Amerikaner mit ihren Subventionen Unternehmen bevorzugen, die in den USA produzieren. Auch Brüssel ist alarmiert über den IRA. Vergangenes Wochenende hatte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen als Antwort auf den IRA mit dem Vorschlag eines „Souveränitätsfonds“ Schlagzeilen gemacht. Ihre Idee: ein eigenes Subventionsprogramm für die europäische Industrie.
Gerade für Deutschland ist die Sache heikel. 40 Prozent der Unternehmen denken bereits darüber nach, künftig verstärkt in den USA zu investieren – und weniger in Europa. Denn neben den Subventionen können sie dort auch mit dauerhaft niedrigen Energiepreisen rechnen. Vor allem die energieintensive Chemieindustrie zieht es in Richtung Westen, wie Recherchen unseres Unternehmensressorts zeigen.
Es ist eine Abstimmung mit Füßen. Und so war der IRA auch das große Thema auf dem Industriegipfel des Handelsblatts vor wenigen Tagen, wo die US-Industriepolitik fast jede Debatte beherrschte. Das berichtet meine Kollegin Kirsten Ludowig, die dort zahlreiche Managerinnen und Politiker traf. Und diese beschäftigen sich intensiv mit dem neuen industriepolitischen Paradigma der USA und den Folgen. Viele fürchten einen neuen Handelskrieg – den Europa verlieren könnte. Neulich erst hörte ich von einem Greentech-Start-up aus München, das gezielt von US-Behörden angesprochen wurde, ob es sein Geschäft nicht in die USA verlegen wolle.
Die ganze Debatte zeigt, dass Europa zu naiv war – und bei all der neuen geopolitischen Einigkeit die industriepolitischen Ambitionen der Amerikaner unterschätzt hat. Die Antwort, das wird die Freunde der Ordnungspolitik alter Schule weniger freuen, wird eine industriepolitische Antwort aus Europa sein müssen. Und ja, auch ein finanzielles Instrument, um den grünen Umbau der Wirtschaft in Europa zu beschleunigen.
Besonders überrascht hat mich vor dem Hintergrund der ganzen Debatte übrigens ein Gastbeitrag von US-Finanzministerin Janet Yellen, die im Handelsblatt für einen intensiveren Handel unter befreundeten Staaten wirbt. Da bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob man, wenn dieser Vorschlag wirklich ernst gemeint ist, diese Freunde handelspolitisch derart vor den Kopf stoßen sollte, wie es die Amerikaner gerade bei den Europäern getan haben.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1: Trotz allem müssen wir Ende dieser Woche festhalten: Die deutsche Industrie kommt bislang erstaunlich gut durch die Krise. Im Vergleich zum Vorjahr legte die Industrieproduktion um 0,8 Prozent zu. Die Autoindustrie verzeichnete sogar ein Plus von 13,9 Prozent. Und auch im Rest der EU haben Industriebetriebe ihre Produktion in den vergangenen Monaten überraschend deutlich hochgefahren. Bei den energieintensiven Betrieben sieht es derweil düster aus: Die Chemie-Industrie kürzte ihre Produktion um 21 Prozent.
2: Lange war China die Stütze der Weltkonjunktur. Doch das dürfte auf absehbare Zeit vorbei sein. Die chinesischen Exporte, ein wichtiger Wirtschaftsindikator, sind drastisch eingebrochen – mehr als doppelt so stark wie befürchtet. Gleichzeitig steht das Land vor schwierigen Monaten: Die Corona-Infektionszahlen schnellen in die Höhe , die Impfstoffe wirken nicht – und nun werden die Fiebermittel knapp. Das Land wird von einer Stütze zu einem Unsicherheitsfaktor. Handelsblatt-Meinungschef Jens Münchrath kommentiert: „Xi Jinping hat die Volksrepublik in eine unmögliche Lage gebracht“, schreibt er. Der Staat liefere nicht mehr: „Die Willkür in der Covidpolitik beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl, die ökonomischen Krisensignale konterkarieren das Wohlstandsversprechen.“
3: Es blieb nicht lange ruhig um den neuen Volkswagen-CEO Oliver Blume. Er verordnet dem Konzern eine neue Firmen-Architektur, erfuhr das Handelsblatt-Autoteam diese Woche. Im Kern des Umbaus steht eine neue Softwarestrategie, die nichts weniger ist als eine kleine Revolution für das Unternehmen. Außerdem verschiebt Blume wichtige Zukunftsmodelle – und stellt das neue Werk in Wolfsburg zur Disposition. Stress gab es derweil mit Audi-Boss Markus Duesmann: Zwischen den beiden sei es bisweilen so heftig zur Sache gegangen, dass einige im Unternehmen gefürchtet hätten, dass Duesmann gehen könnte, berichteten mehrere Quellen im Konzern.
4: Unser Investigativteam hat lange auf diese Woche gewartet: In einem Münchner Hochsicherheits-Gerichtssaal begann der Wirecard-Prozess, wo Ex-Wirecard-Chef Markus Braun auf den Mann traf, der ihn ins Gefängnis brachte. Wenn Sie noch in die Geschichte einsteigen wollen, finden Sie hier sehr lesenswert zusammengefasst die sechs wichtigsten Punkte der 474 Seiten langen Anklageschrift. Und wenn Sie dieses Wochenende noch etwas Zeit haben, dann lege ich Ihnen eine große Recherche aus unserem Archiv ans Herz, für die Handelsblatt-Reporter abertausende Mails aus dem Wirecard-Universum ausgewertet haben. Daraus entstand ein fesselnder Report über die letzten 48 Stunden des Skandalkonzerns, eine Zeit, in der sich dort unglaubliche Szenen abgespielt haben.
5: Jetzt kaufen? Oder noch warten? Diese Fragen standen am Anfang einer großen Recherche unseres Immobilienteams, die wir nun als großen Report zum Wochenende veröffentlicht haben. Darin erfahren Sie die wichtigsten sieben Immobilien-Trends, die Käuferinnen und Verkäufer kennen sollten.
6: Vor einigen Jahren sorgte die Diskussion noch für emotionale Debatten: Die Datenmaut, über die Unternehmen wie Netflix, Meta oder Youtube an den Kosten der Internet-Infrastruktur beteiligt werden sollen. Doch dann wurde es ruhig um das Thema. Bis das Handelsblatt vor wenigen Tagen Pläne der EU-Kommission in die Finger bekam, die solche Zahlungen regeln sollen. Schon nächstes Jahr könnte die Sache konkret werden.
7: Es war die Personalie der Woche: Nach nur 66 Tagen hat die Vorstandschefin von Fresenius Medical Care (FMC), Carla Kriwet, gekündigt. Grund seien „strategische Differenzen“, hieß es, wie es immer so heißt. Tatsächlich dürfte dem Abgang ein ziemliches Zerwürfnis vorausgegangen sein. Meine Kolleginnen Maike Telgheder und Tanja Kewes beschreiben, warum Kriwet wirklich geht – und was der Plan ihrer Nachfolgerin ist, der bisherigen FMC-Finanzchefin Helen Giza.
8: Und dann ist da noch die Sache mit der Arbeitszeiterfassung, die vielen Unternehmen gerade Kopfzerbrechen bereitet. Was die aktuelle Rechtsprechung bedeutet - und warum all das wohl auch für Führungskräfte gilt – das lesen Sie hier.
9: Das Silicon Valley produzierte zuletzt vor allem schlechte Nachrichten. Massenentlassungen, Obdachlosigkeit, Börsencrash – und immer mehr Gründer, die sich (auch wegen Überforderung) aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Das Hightech-Tal steckt in der Sinnkrise, schreibt Silicon-Valley-Korrespondent Stephan Scheuer in seinem großen Report. Doch so tief die Krise auch sein mag, das Silicon Valley ist schon dabei, sich neu zu erfinden. Und das macht ja auch den Reiz dieses Ortes aus. Und so endet auch der Text von Scheuer nur logisch mit dem Satz: „Die aktuelle Krise kann so auch zum Katalysator für den nächsten Boom werden.“ Denn Transformation war schon immer das Geschäftsmodell des Valleys.
Ihnen ein erholsames Wochenende, ganz ohne Transformation.
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt
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