Morning Briefing Plus – Die Woche: Verunsicherte Märkte, Zukunft der Weltwirtschaft: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs
Guten Tag liebe Leserinnen und Leser,
heute melde ich mich aus der Handelsblatt-Zentrale in Düsseldorf, mitten in den letzten Vorbereitungen für meine Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos.
Es ist ein heikler Moment für die Weltwirtschaft: Während sich in dem Schweizer Bergort Staatenlenker, NGO-Vertreterinnen und CEOs treffen, brechen die Wachstumsraten in China ein, die USA stehen am Rande einer Rezession, Unternehmen in aller Welt leiden unter Lieferengpässen – und viele Länder erleben Inflationsraten, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht gesehen haben.
All das sind keine abstrakten Bedrohungen mehr. Als sich diese Woche Finanzchefinnen und -chefs von europäischen Konzernen beim Handelsblatt „CFO Kongress“ trafen, ging es genau um diese Unsicherheit. Die bange Frage: Was kommt da auf uns zu?
Wegen dieser Unsicherheit halten die Unternehmen das Geld zusammen, versuchen, effizienter zu wirtschaften, und füllen ihre Lagerhallen. „In den vergangenen Monaten ist immer das schlechteste von uns entworfene Szenario eingetreten“, sagte etwa die Finanzchefin von Beiersdorf, Astrid Hermann, die uns nach der Konferenz noch in der Redaktion besucht hat.
Die Weltwirtschaft, argumentierte der US-Ökonom Kenneth Rogoff im Handelsblatt, erlebe „den perfekten Sturm“. Der Präsident des Münchner Ifo Instituts, Clemens Fuest, sieht zumindest bei den Lieferketten-Disruptionen „eine Krise, die alles bisher Bekannte übertrifft“.
Nicht nur Unternehmen müssen sich auf diese neue Zeit einstellen, auch die Wirtschaftspolitik. Zur sehr haben sich Politikerinnen und Politiker daran gewöhnt, ihre Probleme mit scheinbar unerschöpflichen Hilfspaketen zu lösen. Mit immer neuen Milliardenhilfen haben sie die Nachfrage befeuert. Diese Wirtschaftspolitik kommt in Zeiten steigender Zinsen nun an ihre Grenzen.
Es ist gut möglich, dass die deutsche Volkswirtschaft schon bald in einer ähnlich schwierigen Phase steckt wie zu Beginn dieses Jahrhunderts: eingeklemmt zwischen Inflation, Krieg, Energieknappheit, industrieller Dekarbonisierung, Lieferengpässen und Fachkräftemangel. Deutschland braucht deshalb nicht nur eine sicherheitspolitische, sondern auch eine wirtschaftspolitische Zeitenwende, die das Wachstum wieder in den Blick nimmt.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Es sind unruhige Wochen an den Märkten. In den USA und Europa brechen die Kurse ein. Der S&P 500 steht kurz vor dem Bärenmarkt. Was dahinter steckt und wie die Perspektiven aussehen, analysiert das Handelsblatt-Märkte-Team aus Frankfurt.
Wie kommen Anlegerinnen und Anleger durch diese schwierige Zeit? Wie sieht ein krisenfestes Depot aus? Das ist nicht nur häufig Thema in unseren Konferenzen. Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch die große Analyse zum Wochenende meiner Kollegen Christian Rickens und Ulf Sommer.
2. Das Wahlergebnis der FDP in Nordrhein-Westfalen war ein Schock für die Partei. „Die FDP liefert in dieser fünf Monate währenden Ampelkoalition einfach nicht, was sich ihre Wähler von ihr versprochen haben“, kommentiert Handelsblatt-Politikchef Thomas Sigmund. Das zeigt, in welch komplizierter Lage FDP-Chef Christian Lindner ist. Wie sich der Bundesfinanzminister schlägt und was er anders macht als seine Vorgänger, beschreiben Martin Greive und Jan Hildebrand in einem höchst lesenswerten Porträt.
3. Europa flüchtet in erneuerbare Energien, um von russischen Energielieferungen unabhängig zu werden. Doch bei der großen grünen Wende droht Europa von einer Falle in die nächste zu tappen: von der Erpressbarkeit durch das autoritäre Russland in die Abhängigkeit vom autoritären China, schreibt der Leiter des Brüsseler Handelsblatt-Büros Moritz Koch.
4. Seit Wochen gehören Artikel über geopolitische Veränderungen zu den meistgelesenen Texten beim Handelsblatt. Diese Woche ist mir das Interview meiner Kollegin Teresa Stiens mit der Sicherheitsexpertin Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik aufgefallen, die in der Ukraine ein „Verdun-Szenario“ fürchtet: „Militärisch befürchte ich einen Abnutzungs- beziehungsweise Stellungskrieg, in dem beide Seiten nur wenig substanzielle Gewinne machen.“
5. Wer sich für Mobilität und die Zukunft der Autoindustrie interessiert, der sollte noch diesen Text von Martin Buchenau und Roman Tyborski lesen: Denn in der Autoindustrie ist ein drastischer Verteilungskampf ausgebrochen. Die Zulieferer ächzen unter steigenden Kosten und wollen diese an die Autobauer weitergeben. Doch die mauern. Und der Konflikt wird für einige Zulieferer längst zu Existenzfrage.
6. Ralph Dommermuth ist sicher einer der bemerkenswertesten Unternehmer des Landes. Er hat die Telekommunikationsbranche aufgemischt wie kein zweiter. Nun beginnt seine „letzte große unternehmerische Herausforderung“, wie er im großen Interview mit Philipp Alvares de Souza Soares und mir sagte. Es geht um den Start der heißen Phase für den Bau seines neuen Mobilfunknetzes, in das er Milliarden investiert. Dieses vierte Mobilfunknetz, so verspricht er, werde das „modernste in Deutschland“ sein. Und ein paar Seitenhiebe Richtung Telekom hatte der Unternehmer natürlich auch parat.
7. Wenn Sie gerade ein Haus suchen oder eine Immobilie sanieren (wie ich seit eineinhalb Jahren), dann sind Sie nicht zu beneiden: Nicht nur die Materialpreise steigen, teils sind sie schlicht nicht verfügbar. Die Lage ist mittlerweile so dramatisch, dass Expertinnen und Experten mit einem jähen Ende des Baubooms rechnen – für Immobilienentwickler droht eine existenzbedrohende Gemengelage.
8. Eine meiner Lieblingskolumnen im Handelsblatt ist die des russischen Journalisten Konstantin Goldenzweig. Der 39-jährige Reporter musste aus Moskau fliehen und arbeitet seitdem in Georgien. Seine Heimat verlor er – nicht aber seine Kontakte, die tief in den russischen Machtapparat reichen. Das macht seine Texte so lesenswert. Diese Woche schrieb er über die Sehnsucht vieler Russen nach dem Sowjet-Imperium.
9. Auf diesen Text unseres Reporters Christian Wermke habe ich mich seit Monaten gefreut – und er beginnt so: „Aufwendige Recherchen fangen im Journalismus oft simpel an. Diese hier begann Anfang des Jahres mit einem Arbeitsauftrag in einem Satz: ,Erstell doch mal ein NFT, versuche, es zu verkaufen, und schreib über Deine Erfahrungen.‘ Ich musste bei NFT sofort an diese digitalen Sammelbildchen denken, die zu absurd hohen Preisen versteigert werden. Aber mehr wusste ich auch nicht. Ich stand im digitalen Nirgendwo.“ Wenn Sie den größten Hype in der Finanzindustrie seit Jahren verstehen wollen, dann lesen Sie hier weiter. Es dauert etwa 15 Minuten. Aber ich verspreche Ihnen: Sie werden es nicht bereuen.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt
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