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Morning Briefing Schwäbisches Loblied des Konservativen

24.09.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

sie trat ihr Amt vor 15 Jahren an, genauso wie Kanzlerin Angela Merkel. Manchmal komme ihr die Zeit „elendig lang vor, manchmal ganz kurz“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller, eine der politischsten Unternehmerinnen im Land: „Ich habe das Gefühl, überall ist der Teufel los.“ Im offenen Handelsblatt-Gespräch wagt die Vorstandschefin und Gesellschafterin des schwäbischen Familienunternehmens Trumpf eine Tour d‘Horizon. Der Zustand der öffentlichen Finanzen alarmiert die Trumpf-Chefin: „Der Schuldenabbau wird nicht ohne Wohlstandsverlust zu bewältigen sein. Es wird sehr schwer werden, die Bevölkerung dafür zu gewinnen... Das Gemeinwohl steht nicht mehr überall im Vordergrund.“ Stolz ist Leibinger-Kammüller auf ihre Werte: „Konservativ bedeutet für mich, dass ich Halt an einem Wertegerüst finde, das für mich unantastbar ist. Familie, Glauben, Anstand und Fairness bedeuten mir sehr viel. Die Konservativen sind die wahren Revoluzzer.“ Und schließlich sagt sie über das, was die Wirtschaft jetzt brauche: „Wir müssen mit Verve die Umbrüche in der Automobilindustrie voranbringen, ohne unsere Infrastruktur mit vielen mittelständischen Zulieferern zu zerstören. Dies sollte alles ohne Autoprämien gehen, hier bin ich Verfechterin der freien Marktwirtschaft. Wir bekommen auch keine Prämien im Maschinenbau und tragen die Risiken für Investitionen in neue Technologien selbst.“ Es klingt uncharmanter als es ist, der Unternehmerin aus Ditzingen einen schwäbischen Ehrenbegriff zuzuordnen: „Schwertgosch“.

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Die Allianz hat mal wieder den „Global Wealth Report“ erstellt, und wenn man ihn liest, fällt einem sofort der Supertramp-Titel „Crisis? What crisis?“ ein. Ja, es war und ist Coronakrisen-Zeit, aber das private Vermögen wird 2020 weltweit dennoch um 3,3 Prozent auf den Rekordwert von 198 Billionen Euro steigen – in Deutschland um 2,7 Prozent auf 6,8 Billionen. Hier wirken starke Aktienmärkte, gestiegene Sparquoten und öffentliche Hilfsprogramme, insbesondere auch eine Notenbank-Strategie der lockeren Hand. Die Geldpolitik habe „das Vermögen gegen Corona quasi immunisiert“, sagt Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran. Was unverändert bleibt, ist eine extreme pekuniäre Ungleichverteilung: Die reichsten zehn Prozent auf der Erde besitzen 84 Prozent des gesamten Vermögens. Zu solchen Statistiken fällt einem relativierend Peter Ustinov ein: „Es ergibt wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.“

Unser gestriges Interview mit Entwicklungsminister Gerd Müller führt zu schnellen Reaktionen. Der CSU-Politiker hatte im Handelsblatt für das geplante Lieferkettengesetz geworben, da in der Wirtschaft die Vorgaben für Menschenrechtsstandards nicht eingehalten würden: „Die Firmen sind weiter als ihre Verbände“, sagte Müller zur Akzeptanz des Gesetzes. Des Ministers Moral lässt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer kontern: „Es gab wenig Gesetzesentwürfe, die so weltfremd waren wie dieser.“ Es sei einfach unmöglich, die Lieferanten der Lieferanten der Lieferanten zu überprüfen. Kramer sagt: „Entweder wird das Lieferkettengesetz ein bürokratischer Papiertiger oder es wird so streng formuliert, dass wir höchstens noch mit Europäern Handel treiben dürfen.“ Der größte Teil der Welt sei nun mal unter ethischen Aspekten problematisch, mit Ausnahme von Teilen Europas und Uruguay. „Wenn ich die Wahrheit sagen sollte, müsste ich lügen“, befand Curt Goetz, Autor von „Das Haus in Montevideo“.

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    Quelle: AFP
    Wirtschaftsminister Peter Altmaier muss in Quarantäne
    (Foto: AFP)

    Mit weiteren Reisewarnungen reagiert die Bundesregierung auf steigende Corona-Fallzahlen in unserer Nachbarschaft. Bestimmte Regionen in elf EU-Ländern sind nun zu Risikozonen erklärt worden, darunter auch die Hauptstädte Lissabon, Kopenhagen und Dublin. Die damit verbundenen Reisewarnungen dürften den Tourismus weiter schwächen. Als einziger gesamter EU-Staat ist weiterhin ganz Spanien zum Risikogebiet erklärt worden. Frankreich, das nach wie vor mehr als 13.000 Neu-Infektionen am Tag meldet, hofft, diesen Status noch vermeiden zu können. In Deutschland haben sich inzwischen die Minister Heiko Maas und Peter Altmaier in Quarantäne begeben – je eine Kontaktperson ist positiv getestet worden.

    Geradezu fassungslos sitzt man über Meldungen, die auf ein tiefes Drogenproblem in Münchens Polizeipräsidium weisen. Offenbar sollen Beamte aus der Asservatenkammer sogar Kokain für eigene Zwecke entwendet haben. Jedenfalls schwärmten gestern 70 Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamtes sowie 100 Beamte aus München und von der Kripo Augsburg aus – und filzten 30 Wohnungen und sieben Dienststellen der verdächtigen Kollegen. Gestützt auf Erkenntnisse der Sondereinheit „Nightlife“ werden 21 Polizisten und 17 weitere Personen beschuldigt. Angesichts von so viel „Sugar Sweet“ singen wir mit Falco: „Drah‘ di net um, schau, schau, der Kommissar geht um“.

    Sie war die Chansonnière der Existenzialisten – dank ihrer schwermütigen Lieder, schwarzer Kleidung und dunkel geschminkten Augen als „schwarze Muse“ bekannt – die von Jean-Paul Sartre in den frühen 1950er-Jahren persönlich zum Singen aufgefordert wurde. Juliette Gréco, der Weltstar aus den Kellerbars von Saint-Germain-des-Prés, brachte es dann mit den Texten von Sartre, Albert Camus oder Françoise Sagan zu internationalem Ruhm. Eine Ikone, die für Freiheit und Selbstbestimmung stand, und die augenzwinkernd verkündete: „Man darf sich nicht langweilen. Das ist Sünde.“ Nach 65 Jahren Gesang war sie 2015 auf Abschiedstour gegangen. Gestern ist Juliette Gréco, Sartres Geschöpf, im Alter von 93 Jahren im südfranzösischen Ramatuelle gestorben.

    Staatsministerin Dorothee Bär verlässt Ludwig-Erhard-Stiftung wegen Tichy Quelle: dpa
    Die Staatsministerin Dorothee Bär verlässt die Ludwig-Erhard-Stiftung aus Protest gegen den Vorsitzenden Roland Tichy

    Und dann ist da noch Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt, die bisher Mitglied in der Ludwig-Erhard-Stiftung war. Deren Vorsitzender Roland Tichy steht nun im Licht einer größeren Öffentlichkeit, nachdem in seinem Magazin „Tichys Einblick“ Zotiges über die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli erschienen war: „Was spricht für Sawsan? Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.“ Bär ist aus Protest gegen so viel Sexismus aus der Erhard-Stiftung ausgetreten. Dem Handelsblatt sagt sie, Ludwig Erhards Ansinnen wäre „heute sicher nicht die Herabwürdigung von Frauen, sondern das Fördern weiblicher Karrieren.“ Wenn das stimmt, ist Tichy in der Stiftung vielleicht falsch aufgehoben.

    Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Tag.
    Herzliche Grüße

    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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