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Morning Briefing Was noch zu wünschen übrig blieb

23.12.2020 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

beim Schreiben dieses letzten Morning Briefings 2020 blickt man unwillkürlich für einen Moment zurück. Denkt an die verglühenden Lehren des Donald Trump, auch die des Viktor Orban, an den anglühenden Staatskapitalismus im Westen und an Chinas unlimitierten Machtanspruch. Und daran, dass es ein Jahr mit lauter unangenehmen Geschöpfen war, ein Jahr der Viren, Trolle und Hacker. Was also textet man da für den Morgen vor Heiligabend? In meiner Fantasie haben die Brigaden von Hackern, die dort draußen unterwegs sind und nun auch Medienhäuser wie die Funke-Gruppe attackieren, meine persönliche Weihnachtswunschliste sowieso längst eingelesen. Also kann ich sie auch veröffentlichen.

„Liebe Zentraleinheit zur Erledigung von Wünschen aller Art – oder soll ich besser schreiben: liebes höhere Wesen, das wir verehren? Lass mich mit dem Spiel der Kinderfragen beginnen, die oft am Anfang journalistischer Geschichten stehen. Heute mit der Vorstellung, was man als König oder Königin von Deutschland so tun würde. Der Sänger Rio Reiser konnte noch witzeln, er würde „die Lottozahlen eine Woche vorhersagen“ und „bei der Bundeswehr gäb‘ es nur noch Hitparaden“. Heute müsste ein Regent erklären, was ihm zur Corona-Pandemie einfällt. Diese hat, ohne dass wir es wollten oder danach gefragt haben, ein neues Zeitalter ausgelöst. Im Klartext: Unsere alten Regeln und Verfahren existieren noch, taugen aber nicht mehr für diese neue Ära.

Darf ich mir zu Beginn also etwas Gewagtes wünschen? Etwas „Verrücktes“ – wie die Idee, dass ein „Kreis der Weisen“ sich in Klausur zurückzieht wie die 33 Väter des Grundgesetzes 1948 auf Herrenchiemsee? Und die dann mit einer „Agenda Zukunft“ zurückkämen? Mit einem Kursbuch für die Republik? Vielleicht auch mit Beschreibungen eines neuen „Gesellschaftsvertrags“, den es in Zeiten kräftiger Umbrüche immer gegeben hat? Von Thomas Hobbes über John Locke bis zu John Rawls. Die Theorie, die zu diesen Zwanziger Jahren passt, ist noch nicht entwickelt worden. Wissenschaft müsste dabei eine noch größere Rolle spielen als heute, beziehungsweise ihre Akzeptanz in der Bevölkerung. Je mehr wir wissen, umso mehr wissen wir auch, was wir nicht wissen. Die Einsicht in diesen beschränkten Reichtum müsste irgendwann alle Formen geistiger Umweltverschmutzung stoppen: Fake News, Desinformationskampagnen, Verschwörungstheorien, Aggression gegen Andersdenkende.

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    Nicht Populismus ist das Problem – jeder Politiker, der sich auszudrücken versteht, ist populistisch. Demagogie ist das Problem. (Wie Rassismus und Chauvinismus auch.) Wissenschaft ist eine Garantie gegen kollektives Verdummen, gleichzeitig auch der Unterboden für Innovation und damit für nachhaltiges Wirtschaftswachstum. 2020 hat gezeigt, wer die neuen Gestalter sind: Ugur Sahin und Özlem Türeci von Biontech aus Mainz zum Beispiel.

    Lasst uns also Wissenschaftler schätzen lernen, die auch Unternehmer sind – oder Unternehmer, die auch Wissenschaftler sind. Dann wird es auch etwas mit den neuen Formen der Elektromobilität, dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Fabriken, handfesten Biotech-Lösungen und einer ökologischen, dezentralen Energieversorgung.

    „Wir müssen die Profitabilität deutlich steigern und die Kosten extrem senken.“ Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt
    Christian Bruch

    „Wir müssen die Profitabilität deutlich steigern und die Kosten extrem senken.“

    (Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

    Mit der Förderung von „grünem“ Wasserstoff etwa, die unter anderem CEO Christian Bruch für Siemens Energy zum „Milliardengeschäft“ ausbauen will. Dafür wären „günstigere Strompreise, höhere CO2-Preise und vor allem ein konsequenter Ausbau der erneuerbaren Kapazitäten“ nötig. Dann stellt sich auch qualitatives Wachstum ein. Dann muss niemand mehr bange auf die US-Westküste schauen, wo Apple gerade für 2024 ein Roboter-Auto plant. Und Ex-Opel-Chef Neumann sagt:

    • „Das Fahrzeug selbst steht nicht mehr im Zentrum. Das haben am meisten Tesla und die Chinesen verstanden.“

    Staunend lauschen wir Elon Musks Enthüllung, er hätte Tesla liebend gerne an Apple verkauft, sei aber abgeblitzt. Wir brauchen den Mut nach der Demut.

    Damit wir verstehen, was die Ära der Algorithmen bedeutet, müsste das deutsche Bildungssystem neu justiert werden: fähig, alle Fragen der Digitalisierung, Ökologie und Ökonomie zu ergründen. Vielleicht ein allzu frommer Wunsch. Die Folgen der aktuellen Defizite sind gravierend, wie das Fehlen von rund 20.000 IT-Fachkräften hierzulande zeigt. Weil die Deutschen das Homeoffice und die Bestellung per Smartphone entdeckt haben wie ihre Großeltern einst die Ferienglücksfahrt mit dem Goggomobil über die Alpen nach Italien, werden nunmehr Systemtechniker und Netzwerkanalytiker dringend gesucht – die Klempner in Deutschland 4.0. Vielleicht fehlen bald sogar 200.000 Experten.  

    Die Forscher der Wirtschaft empfehlen: Anwerbung in Vietnam, Indonesien oder auf den Philippinen.

    Die durch Corona erzwungene Neuzeit erfordert insgesamt viele Agenden von Reformen. Mein Wunsch ist: Lust darauf entwickeln. Es ist ein bisschen so wie Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre, als wir alle plötzlich auch etwas wagen wollten: Freiheit zum Beispiel oder mehr Demokratie. Dieser Störenfried namens Wandel wird nicht vor dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk halt machen, dem das Land Sachsen-Anhalt bekanntlich die Erhöhung des allgemeinen Beitrags von 17,50 auf 18,36 Euro verdorben hat.  

    Das Bundesverfassungsgericht verwarf jetzt den Eilantrag von ARD, ZDF und Deutschlandradio, die 86 Cent mehr vom 1. Januar an doch kassieren zu dürfen. Schwere Existenzschäden seien nicht nachgewiesen worden, so Karlsruhe, „doch die Verfassungsbeschwerden sind weder offensichtlich unzulässig noch offensichtlich unbegründet“. Am Ende wird das Gericht vermutlich – wohl früher als viele denken – jene Reform initiieren, zu der bisher weder Politik noch Sender imstande waren.

    Solch eine Weihnachtsliste wäre nichts ohne Menschen, die den Aufbruch vermitteln. Irgendwie hofft man, in einem Zukunftsteam auch Angela Merkel wiederzufinden. Sie wird im September 2021 nach 16 Jahren Kanzlerschaft noch immer weit entfernt sein von jener geistig-moralischen Auszehrung, die Helmut Kohl nach einem ähnlichen Vier-Olympiaden-Turnus 1998 gezeichnet hat. Ganz generell erhofft man sich, dass sich einmal ein deutscher Politiker im Lockdown hinsetzt und ein elegantes Buch über sein Tun schreibt – so wie Bruno Le Maire.

    Quelle: Reuters
    „L’ange et la bête – mémoires provisoires“ vor (auf Deutsch: „Der Engel und das Biest – vorläufige Memoiren“

    Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister legt am 16. Januar sein 400-Seiten-Werk „L’ange et la bête – mémoires provisoires“ vor (auf Deutsch: „Der Engel und das Biest – vorläufige Memoiren“). Seine Erfahrungen mit Steve Mnuchin, der Covid-Politik oder der Digitalsteuer für Google & Co. spielen darin eine Rolle. Der Buchtitel gibt uns Gelegenheit, Blaise Pascal zu zitieren: „Der Mensch ist weder Engel noch Bestie, und sein Unglück ist, dass er umso bestialischer wird, je mehr er ein Engel sein will.“

    Bleiben wir also beim menschlichen Normalmaß – das wäre mein Wunsch am Schluss, liebes höhere Wesen, das wir verehren. Aber bitte mit Vernunft und ein paar löblichen Eigenschaften wie Empathie. Viele Punkte könnten noch auf einer solchen Weihnachtsliste auftauchen: gleiches Gehalt und gleiche Macht für Frauen beispielsweise, eine Neuentdeckung des Wettbewerbs, bessere Regeln für die Globalisierung. Und dass uns etwas anderes einfällt als die ewigen Pandemie-Sprachbilder vom „Brandbeschleuniger“, „Brennglas“ oder „Katalysator“.

    Aber irgendwann ist auch mit dem Wünschen Schluss. Setzen wir uns also hin, einigen uns auf mehr Gelassenheit und Humor. Lesen wir einfach in „Wir Kinder aus Bullerbü“ von Astrid Lindgren über „diese Stunden vor Heiligabend, wo man nur so herumsitzt und wartet und wartet, die sind es, von denen die Menschen graue Haare kriegen. Wir warteten und warteten und warteten, und manchmal ging ich zum Spiegel, um zu sehen, ob ich schon graue Haare hätte.“

    Astrid Lindgren warnte übrigens auch, es sei gefährlich, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelke, wenn man sie nicht gebraucht. Die richtige Sprache zu finden, das wäre mein allerletzter Wunsch für heute, die richtigen Worte für den Streit, den wir ausfechten müssen. To whom it may concern.“

    Die Deutsche Bank ist während Donald Trumps Amtszeit immer wieder in den Schlagzeilen gelandet. Quelle: AFP
    Deutsche Bank in New York

    Die Deutsche Bank ist während Donald Trumps Amtszeit immer wieder in den Schlagzeilen gelandet.

    (Foto: AFP)

    Und dann ist da noch Rosemary Vrablic, die stets das Rampenlicht mied: „Meine Kunden haben viele Häuser, Ex-Frauen und viele Kinder.“ Es sind Menschen wie Donald Trump, dessen Bankerin sie ist und über die der Noch-Präsident bei Zweifeln wegen seiner Kreditwürdigkeit sagte: „Fragen Sie Rosemary Vrablic. She is the boss“. Die Gehuldigte aber ist nicht länger „Boss“ von Private Wealth Management bei der Deutschen Bank in New York. Das Institut bestätigt, dass sie zum Jahresende zusammen mit dem Kollegen Dominic Scalzi aufgibt. Mit der Amtszeit des US-Regierungschefs scheint auch die schwierige Beziehung zu seiner Bank aus Frankfurt zu enden, die ihm über die Jahre Hunderte Millionen Dollar lieh. Da war Trump für die üblichen Adressen längst nicht mehr satisfaktionsfähig. Bereits im August hatte die „Deutsche“ verkündet, ein Immobiliengeschäft zwischen Vrablic/Scalzi und einer Firma zu untersuchen, an der Trumps Schwiegersohn beteiligt war. Aufklärung macht das Dunkel, in dem wir leben, immer heller.

    So, das war der letzte Weckdienst in diesem Jahr. Danke, dass Sie dabeigeblieben sind. Wir treffen uns am 4. Januar wieder. Bis dahin, auch im Namen des Verlags und der Redaktion: ein frohes Fest sowie einen gelungenen Wechsel ins Jahr 2021.

    Es grüßt Sie recht herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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