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Morning Briefing Was uns Paul Collier sagt

18.10.2019 - 06:16 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wenn sich in der westlichen Gesellschaft ein Leitbild erledigt hat, dann ist es mit Sicherheit das von Jeremy Bentham. Der britische Philosoph predigte das größte Glück der größten Zahl. Doch die reine Theorie des maximalen Nutzens für jeden Einzelnen hat auch eine Menge der Probleme mitbegünstigt, die wir derzeit haben.

Liberalismus ist nicht alles, es komme angesichts des verschärften Kapitalismus mehr als früher auf den sozialen Zusammenhalt an, auf die gemeinsamen Werte einer Gesellschaft, schreibt Paul Collier. Für sein aktuelles Werk „Sozialer Kapitalismus!“ erhält der Ökonomieprofessor aus Oxford den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2019, der von Handelsblatt, Goldman Sachs und der Frankfurter Buchmesse verliehen wird.

Bei der Preisverleihung Donnerstagabend im Rahmen der Frankfurter Buchmesse betonte Sir Paul, dass die Gesellschaft eine neue Ethik und Moralität brauche, da habe es eine „Erosion“ gegeben. Nötig sei Mitgefühl. Auf Parteien und die Regierung setzt er wenig Hoffnung, wohl aber auf die Bürger, die sich organisieren. In seinem sehr persönlich gehaltenen Buch, das etwa die Nöte der sozial deklassierten Cousine erzählt, geht Collier auch auf den tiefen Graben zwischen London und den Provinzen ein.

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    Er plädiert für eine höhere Steuer auf Grund- und Hausbesitz in den Städten, die Einnahmen sollten in Strukturförderung fließen. Auch Professor Herfried Münkler, der die Keynote hielt, thematisierte den Zusammenhalt einer Gesellschaft: Die Strickleitern, auf denen man von der unteren in die obere Mitte der Gesellschaft aufsteigen konnte, würden gerade eingezogen.

    Quelle: Mona Eing & Michael Meissner / José Giribás [M]
    Roland Berger – Selbstbetrug oder Schönfärberei?
    (Foto: Mona Eing & Michael Meissner / José Giribás [M])

    Roland Berger ist der Berater par excellence. Für viele ist er „Mr. Wirtschaft“. Doch die Geschichte seines Lebens, die er immer wieder erzählt hat – auch mir – ist offenbar eine Lebenslüge. Es ist die Geschichte von seinem Vater Georg, der zunächst überzeugter Nazi gewesen sei, mit der Pogromnacht 1938 aber zum Kritiker und danach zum Verfolgten der Gestapo geworden sei. Sogar im KZ Dachau habe er eingesessen.

    Vom wirklichen Georg Berger erzählt unser Wochenendtitel. 13 Jahre NSDAP (1931-1944) oberster Finanzchef der Hitlerjugend bis 1939, später in Wien Generaldirektor der arisierten Ankerbrot-Werke, dort wegen Hortens von Lebensmitteln und aufwändigen Umbauten in Ungnade gefallen, bis 1944 aber weiter wohnhaft in einer von jüdischen Eigentümern beschlagnahmten Villa. Dachau? Fehlanzeige.

    Mit dem Schicksal des Vaters hat Roland Berger stets öffentlich die Etablierung der eigenen Stiftung begründet. Jetzt bilanziert er über die inkorrekten Erinnerungen: „Wenn Sie so wollen: Ja, dann war es wohl ein ungewollter ,tragischer Selbstbetrug‘, den ich mir da habe zuschulden kommen lassen.“ Er hat jetzt Historiker wie Michael Wolffsohn an sein derzeit ehrgeizigstes Projekt gesetzt: die historische Wahrheit. Er befindet sich mit dem Aufklärungsbedarf in guter Gesellschaft, wie viele Beispiele der letzten 20 Jahre (Bahlsen, Bertelsmann, Quandt, Hugo Boss) zeigen.

    Es hat schon so viele Volten und Meinungswechsel zum Brexit gegeben, dies wird sich nach dem „Deal“ am Donnerstag in Brüssel nicht ändern. Großbritannien und die EU handelten in aller Stille einen Vertrag aus, der heikle Punkte – Nordirland – elegant umschifft. Nun aber muss das britische Unterhaus am Samstag dem Deal zustimmen, der in letzter Minute perfekt gemacht wurde.

    Aber was heißt das schon? Die rechnerische Mehrheit dort im Parlament liegt nicht mehr bei Boris Johnson. Labour-Chef Jeremy Corbyn kündigt bereits maximalen Widerstand gegen den Deal von Brüssel an und will ein Referendum durchsetzen. Sieht so aus, als müssten alle noch mal an Shakespeare denken: „Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch.“

    Quelle: AP
    Das G7-Gipfeltreffen im kommenden Jahr soll im „Trump National Doral“ in Miami stattfinden.
    (Foto: AP)

    Was privat ist und was gesetzlich, ist ohne Belang, wenn man Donald Trump heißt. Der US-Präsident plant tatsächlich, den G7-Gipfel im kommenden Jahr in seinem eigenen Hotel auszurichten. Es handelt sich um das „Trump National Doral“ in Miami, als Zeitraum käme vom 10. bis 12. Juni infrage. Als die mit Abstand beste Anlage für ein solches Treffen bezeichnet jetzt sein Stabschef die Miami-Wahl. Das ist sie vor allem, wenn man dies aus Sicht eines Marketingdirektors des Trumpschen Hotel- und Gaststättenverbands betrachtet.

    Und dann ist da noch Fußballstar Mesut Özil, der schon länger bei Arsenal London ins Geläuf der Deutschland-Kritiker gewechselt ist. Nun schlägt das Herz des Weltmeisters für seinen Trauzeugen Recep Tayyip Erdogan, dem er immer Respekt zolle, wie Özil in einem Interview erklärt. In der Debatte um sein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten habe er sich auch im Nationalteam „schutzlos und nicht respektiert“ gefühlt. Dort will er nicht mehr spielen (es fragt ihn auch keiner). Und als es zu rassistischen Ausfällen gegenüber Mitspieler Ilkay Gündogan kam („Türkisches Schwein“, „Ziegenficker“), stand sein Urteil fest: „Rassismus war immer da, aber die Leute haben die Situation um mich als Ausrede genutzt, um ihn auszuleben.“

    Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende mit ganz viel qualifizierter Lesezeit. Es grüßt Sie wie immer herzlich

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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