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Morning Briefing Wer hat Schuld an der Flut?

16.07.2021 - 06:00 Uhr Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Deutschland kämpft gegen die Flut – und um die Deutungshoheit: Die schweren Regenfälle in der Nacht zum Donnerstag haben vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz heftige Überschwemmungen verursacht. Noch immer dauern die Rettungsarbeiten an. Im Laufe des Donnerstag wurden in den deutschen Flutgebieten 59 Todesfälle bestätigt.

Die Flut wirft zugleich Fragen der politischen Kultur auf.

  • Ist es legitim, die Katastrophe für Forderungen nach einer strengeren Klimapolitik zu nutzen? Schließlich gilt es als unstrittig, dass durch die Erderwärmung solche extremen Wetterereignisse immer häufiger auftreten.
  • Oder instrumentalisiert man mit solchen Forderungen unzulässig das Leid der Opfer?
  • Und darf man im nächsten Schritt Bremser in der Klimapolitik zu Mitschuldigen an der Flut erklären?
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    Einfache Antworten gibt es nicht, denn eine intakte politische Kultur lebt von beidem: deutlichen Worten, aber auch Zurückhaltung im richtigen Moment.

    Nicht ganz so relevant, aber ebenso hitzig diskutiert: Wer darf, wer muss als Politiker bei so einer Katastrophe eigentlich ins Zentrum des Geschehens reisen? Und wo beginnt die peinliche Jagd nach möglichst spektakulären Gummistiefel-Bildern für den Wahlkampf?

    Dass Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet gestern seine Reise nach Bayern abbrach und sich in den besonders betroffenen Städten Hagen und Altena blicken ließ, war sicher richtig – alles andere wäre dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten zum Vorwurf gemacht worden.

    SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz inspizierte die Lage an der Seite seiner Parteifreundin, der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer – so kann ihm niemand vorhalten, er stehe mit seinem Tross im Weg herum und binde Kapazitäten der Polizei. Zudem ist Scholz ja als Vizekanzler der ranghöchste Vertreter der Bundesregierung, solange die Chefin in Washington weilt.

    Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU, l) bedankt sich bei Hagenern Feuerwehrleuten für ihren Einsatz, nachdem er sich ein Bild von der Lage in der Stadt gemacht hat. Quelle: dpa
    NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit Rettungskräften

    Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU, l) bedankt sich bei Hagenern Feuerwehrleuten für ihren Einsatz, nachdem er sich ein Bild von der Lage in der Stadt gemacht hat.

    (Foto: dpa)

    Annalena Baerbock handelte ebenso richtig, als sie gestern zwar ihren Urlaub unterbrach, aber der Hochwasserregion fernblieb. Fragen des Völkerrechts gib es dort ja erst einmal nicht zu klären.

    Unvergessen: In Gummistiefeln und Regenjacke demonstrierte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) beim Elbehochwasser 2002 Tatkraft als Krisenkanzler. Die Bilder hätten sicher nicht geschadet, um bei der Bundestagswahl im gleichen Jahr das Blatt noch zugunsten der rot-grünen Regierung zu wenden, sagte Schröder später in einem Interview.

    Das Hochwasser überlagerte die Debatte über die gestern verkündeten EU-Klimabeschlüsse. Normalerweise hätte allein das faktische Verbot von neuen Verbrenner-Pkw in 14 Jahren gereicht, um die Republik wochenlang in Atem zu halten. Ganz zu schweigen von den Belastungen für die deutsche Industrie. Die würde beim notwendigen Umbau auf CO2-neutrale Energieträger von der EU-Kommission ziemlich allein gelassen, beklagt Handelsblatt-Energieexperte Klaus Stratmann in unserem heutigen Leitartikel.

    Merke: Warme Worte und heiße Luft schmelzen noch lange keinen Stahl.

    Ein bisschen ist es mit dem Dax wie mit Bundestrainer Jogi Löw: Beide haben den besten Moment für ihren Abgang verpasst. So wie bei der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren wenig klappte, so hat auch der 33 Jahre alte deutsche Leitindex seine besten Zeiten hinter sich. Viel Old Economy sammelt sich dort, und als es mit Wirecard endlich mal ein junger Techwert in den Dax schaffte, bescherte er dem Auswahlindex die erste Pleite seiner Geschichte.

    Quelle: Tim Wegner/laif
    Der Deutsche Leitindex wird von 30 auf 40 Werte erweitert.
    (Foto: Tim Wegner/laif)

    Dass der Dax immer wieder Rekordstände vermelden kann, liegt an einer ganz eigenen Form der Bilanzkosmetik: Im Unterschied zu den meisten anderen internationalen Börsenindizes werden beim Dax die Dividenden mit in die Wertentwicklung eingerechnet. Der Kursindex des Dax ohne Dividenden liegt heute gerade mal elf Prozent höher als Ende Februar 2000. Inflationsbereinigt haben die 30 wichtigsten deutschen Börsenkonzerne in den letzten 21 Jahren also in Summe keinen Wert gewonnen. So klingen ökonomische Trauerspiele.
    Um ein bisschen Schwung ins Team zu bringen, erweitert die Deutsche Börse den Kader um Talente aus der zweiten Reihe. Aus dem Dax 30 wird im September der Dax 40. Sieben Aufsteiger in den Leitindex stehen faktisch schon fest, von Airbus bis Zalando. Für die übrigen drei Plätze kommen sechs weitere Unternehmen in Frage. Werden die Neuzugänge die erhoffte Dynamik in den Index bringen? Und welche Chancen bieten sie für Aktionäre? Das analysiert unsere Finanzmarkt-Reporterin Andrea Cünnen in einem großen Spielercheck.

    Liegt die maue Wertentwicklung der Dax-30-Konzerne womöglich auch am überkommenen Managementstil, der zu lange unter den Flachdächern ihrer Firmenzentralen überlebt hat? Sicher ist: Während der Pandemie haben sich die Spielregeln in den Unternehmen gründlich geändert. Allein weil die Mitarbeiter eine Ahnung davon gewonnen haben, dass man womöglich auch ganz anders arbeiten könnte, nämlich räumlich und zeitlich flexibel. Fünf Tage pro Woche ins Büro zurück will jedenfalls nur eine Minderheit, wie unsere Grafik zeigt:

    Grafik

    In unserem Freitagstitel erklären Forscher, Headhunter und Berater die neuen Spielregeln des Managements, die Führungskräfte in der Post-Corona-Ära beherrschen müssen. Eine davon lautet: „Lerne zu denken wie ein Wissenschaftler“. Soll heißen: Hinterfrage deine Hypothesen, ändere deine Meinung, wenn sich die Fakten ändern, umgib dich gezielt mit Mitarbeitern, die deinen Ansichten widersprechen. Ein krasser Gegensatz zu den Ego-Managern alter Schule, die allzu oft nach dem Motto führten: Ich bin nicht arrogant, das sieht nur von unten so aus.

    Denken wie eine Wissenschaftlerin – das muss der promovierten Physikerin Angela Merkel nun wirklich niemand mehr beibringen. Im Gegenteil, ihr hätte man gewünscht, dass sie während ihrer 16 Jahre als Bundeskanzlerin ein wenig häufiger aus dem Forscher-Modus des Vorantastens, Hinterfragens und Revidierens herausgekommen wäre und einfach mal gesagt hätte: Hier stehe ich und kann nicht anders.

    Merkels letzter Besuch in Washington wäre sicher nicht der richtige Ort für so einen Ausbruch gewesen. Hier geht es um Symbolik, um das Signal, dass nach den unseligen Trump-Jahren zumindest atmosphärisch wieder alles in Ordnung ist zwischen Deutschland und den USA. Den Dissens über die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2 konnten US-Präsident Joe Biden und Merkel bei ihrem Treffen nicht ausräumen. Aber Biden sagte anschließend versöhnlich: „Gute Freunde können unterschiedlicher Meinung sein.“ Unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz weiß, was im Oval Office sonst noch besprochen wurde.

    Und dann ist da noch die Ehrendoktorwürde, die Angela Merkel in den USA entgegennahm, ihre mittlerweile 18. Bei dieser Gelegenheit gab Merkel an der Johns-Hopkins-Universität einen raren Einblick in ihre Pläne nach der Kanzlerschaft. Wobei diese Pläne exakt so unprätentiös und vage ausfallen, wie man es von Merkel vermutet. Sie wolle eine Pause einlegen und nachdenken „was mich eigentlich so interessiert“, sagte Merkel. „Und dann werde ich vielleicht versuchen, was zu lesen, dann werden mir die Augen zufallen, weil ich müde bin, dann werde ich ein bisschen schlafen, und dann schauen wir mal.“

    Das war vorerst mein letztes Morning Briefing als Urlaubsvertretung für Hans-Jürgen Jakobs, der sie hoffentlich gut erholt ab Montag wieder an dieser Stelle begrüßen wird.

    Ich bedanke mich für Ihr Interesse – und halte es wie die Kanzlerin: Ich werde ein bisschen schlafen, und dann schauen wir mal.

    Herzliche Grüße
    Ihr

    Christian Rickens
    Textchef Handelsblatt

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