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Morning Briefing Wie tief der Abgrund von Wirecard ist

30.11.2020 - 06:20 Uhr 1 Kommentar

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

im Betrugsfall Wirecard gibt es eine neue, monströse Zahl: bis zu 2,7 Milliarden Euro Schein-Vermögen hatten die Bilanz des einstigen Dax-Konzerns und nun insolventen digitalen Zahlungsabwicklers aufgebläht. Bislang war von 1,9 Milliarden die Rede gewesen. Diese eminent hohe Dosis heißer Luft hat unser Investigativ-Team – René Bender, Felix Holtermann, Sönke Iwersen, Volker Votsmeier – in monatelanger Kleinarbeit aufgespürt.

Die Luftprüfung stellt neue Fragen an die Leistungsfähigkeit der Finanzaufsichtsbehörde Bafin unter Felix Hufeld sowie an den langjährigen Wirtschaftsprüfer EY, der im Bundestag Schweigen als Goldstandard definierte. Die Bandenbildung bei Wirecard betrieb der flüchtige Ex-Vorstand Jan Marsalek übrigens nach neuesten Erkenntnissen mit mindestens 13 Helferlein.

Unserer Redaktion liegt eine Liste mit 24 Gesellschaften vor, die mit ihm verbunden waren und mehr als 125 Millionen Euro Kredit von Wirecard erhielten. Weil’s so schön ist, hier noch mal Bertolt Brechts Klassiker: „Der Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank.“

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    Auf vier Print-Seiten fächern wir die Geschichte vom Digital-Rififi auf. Am vorigen Freitag hat sich auch das ZDF mit der Causa Marsalek beschäftigt. Hatte man vor Wochen das Steckbild des Flüchtlings in „Aktenzeichen XY“ gezeigt, so tauchte der Mann mit den Geheimdienst-Allüren nun als Hauptattraktion der Satiresendung „ZDF Magazin Royale“ von Jan Böhmermann auf.

    Der Moderator nahm sich des Themas „von Jan zu Jan“ an und zeigte als Schreibtisch-Deko eine „Waldemar“-Putin-Matroschka-Figur, die Marsalek sehr geschätzt haben soll. Im Spätprogramm erreichte die Humoreske 2,42 Millionen Zuschauer – und in der jüngeren Zielgruppe stolze 18,8 Prozent Marktanteil. An seinem mutmaßlichen Zufluchtsort Russland dürfte James-Bond-Verschnitt Marsalek bei so viel Aufmerksamkeit allen ein kräftiges „Druschba!“ zugerufen haben: „Freundschaft!“

    Quelle: dpa
    AfD-Bundesparteichef Jörg Meuthen: Heftige Debatte nach scharfer Kritik an parteiinternen Provokateuren.

    Ein denkwürdiges Schauspiel lieferte am Wochenende die AfD auf ihrem Bundesparteitag in Kalkar, in dem zum Freizeitpark verwandelten einstigen Atomkraftwerk Typ „Schneller Brüter“. Ein versuchter Befreiungsschlag des Bundessprechers Jörg Meuthen gegen die rechte Hälfte der Partei rund um den aufgelösten „Flügel“ und Drahtzieher Björn Höcke erwies sich als Selbstbeschädigung. Meuthen hatte am Samstag im Eifer der versuchten Verbürgerlichung der AfD beispielsweise einigen Corona-„Querdenkern“ bescheinigt, nicht einmal geradeaus denken zu können.

    Die AfD, so Meuthen, werde keine Erfolge mehr erzielen, wenn sie immer aggressiver, derber und enthemmter auftrete. Worauf dann am Sonntag geschlagene zwei Stunden über einen Antrag von Rechtsaußen diskutiert wurde, den Parteichef des spalterischen Gebarens zu bezichtigen. Ein Delegierter: „Herr Doktor Meuthen, ihre Zeit in der AfD ist vorbei.“ Der Antrag scheiterte knapp, aber die Kernspaltung läuft weiter.

    Der Eklat im „Schnellen Brüter“ von Kalkar zeigt, wie schwierig es für die CDU sein dürfte, in wichtigen Angelegenheiten mit der AfD zu stimmen. So wie in Sachsen-Anhalt, wo man offenbar gemeinsam die Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 86 Cent auf 18,36 Euro monatlich verhindern will. Erkennbar stehen CDU-Fraktion und AfD in Magdeburg ganz unter der Wirkung eines Rechtsdralls.

    Das dürfte sich, bleibt alles beim Alten, zunächst am Mittwoch im Medienausschuss und dann am 15. Dezember im Landtag mit einem Votum gegen ARD, ZDF und Deutschlandradio manifestieren. Zur „Hidden Agenda“ gehören Positionierungen vor der Landtagswahl im Juni 2021. Option: eine von der AfD tolerierte Minderheitsregierung unter CDU-Landeschef Holger Stahlknecht.

    Die Beitragsfrage hat das Zeug, die regierende „Kenia“-Koalition der CDU mit den Grünen und der SPD vorzeitig zu beenden. Die „Brandmauer gegen die AfD“, die Annegret Kramp-Karrenbauer ausgelobt hat, hat erkennbar so große Lücken wie die Autorität der Noch-CDU-Chefin.

    Quelle: AFP
    Kanzleramtschef Helge Braun spricht im Interview über weitere Hilfen für die Wirtschaft und die Kosten für den Staatshaushalt.
    (Foto: AFP)

    Die wirtschaftlichen Schäden der Corona-Politik will Kanzleramtschef Helge Braun, studierter Narkose-Arzt, per Kassensturz feststellen lassen – womöglich aber erst nach der Bundestagswahl im September 2021. Zu diesem Zeitpunkt sieht er sich offenbar weiter im Amt. Er „wäre froh, auch der nächsten Bundesregierung anzugehören“, sagt der Mann, der auch als möglicher hessischer Ministerpräsident gehandelt. Im Einzelnen sprach Braun im Handelsblatt-Interview über:

    • 180 Milliarden Euro neue Kredite für 2021: „Der Staat ist nicht unbegrenzt handlungsfähig. Es wird weiter Hilfen für die Wirtschaft geben, aber wir können die Schäden nur abmildern. Mit dem nahenden Frühjahr und dem Impfstoff sind wir überzeugt: Die Pandemie verliert ihren Schrecken.“
    • Den Ausgleich der Umsatzausfälle von Gastronomen und Hoteliers: „Der Umsatz kann auf Dauer nicht das zentrale Kriterium sein. Bis Januar müssen wir zielgenauere Hilfen ausarbeiten.“
    • Die Hoffnung auf einen Impfstoff: Da nun schon drei große Hersteller auf eine Zulassung zulaufen, können wir sehr zuversichtlich sein, dass wir wenigstens einen wirksamen Impfstoff bekommen. Damit hat sich dann hoffentlich endgültig das Gerede von der Herdenimmunität durch Infektion erledigt.

    Finanzminister Olaf Scholz gibt sich öffentlich deutlich spendabler als der Kanzleramtschef: Deutsche Firmen bekämen mindestens bis Juni 2021 staatliche Hilfen – im nächsten Jahr gelte „das normale Regime der Überbrückungshilfen.“

    Wer bislang bei seiner Steuererklärung den Aufwand für das Arbeitszimmer absetzen wollte, bekam oft die Macht der Finanzbeamten zu spüren. Nun soll alles einfacher werden, Corona macht's möglich. Die Koalitionspolitiker haben sich auf eine „Homeoffice“-Steuerpauschale von fünf Euro pro Tag und maximal 600 Euro im Jahr geeinigt, berichtet die „Frankfurter Allgemeine“. Das sei die flexible Antwort auf die verkrustete Rechtsprechung zum häuslichen Arbeitszimmer, sagte CSU-Experte Sebastian Brehm der Zeitung. Das Bundesfinanzministerium hat eine Entlastung der Bürger von einer Milliarde Euro errechnet.

    Zur Magie der Wirtschaft gehören die ehedem zunächst im Silicon Valley gepriesenen „Unicorns“ – „Einhörner“ auf Deutsch – also junge Unternehmen, die mindestens eine Milliarde wert sind. Darüber will ich mich am Mittwochabend live und digital im Handelsblatt-Club-Gespräch mit drei Fachleuten unterhalten: Jochen Engert, CEO und Gründer von FlixBus, Bastian Nominacher, Co-CEO und Mitgründer von Celonis sowie Professor Helmut Schönenberger von der TU München, CEO von UnternehmerTUM. Hier können sich Abonnenten für das Event anmelden. Eine Handvoll digitaler Frei-Tickets konnte ich auch reservieren. Schreiben Sie mir: [email protected]. Und: Schicken Sie bitte einfach Ihre Fragen!

    Quelle: Reuters
    VW-Chef Herbert Diess verlangt viel von seinen eigenen Aufsichtsräten: einen neuen Vertrag und neue Vorstände.

    Und dann ist da noch VW-Konzernchef Herbert Diess, der Gefallen an internen Machtkämpfen findet. Seine persönliche Zukunftsplanung verbindet der 62-jährige Ferrarifahrer mit der Forderung, man solle doch schon jetzt über die Verlängerung seines bis April 2023 laufenden Vertrags entscheiden.

    Die meisten in Wolfsburg sehnen sich allerdings nach Ruhe, nicht nach einem Dauerkonflikt zwischen CEO und Betriebsratschef Bernd Osterloh. Es geht dabei auch darum, dass Audi-Finanzvorstand Arno Antlitz 2021 nach Ansicht des Betriebsrats nicht auf Konzernfinanzchef Frank Witter folgen soll.

    Diess wiederum sucht den Machtbeweis, weil er Strukturen in der Zentrale aufbrechen will: „Bei meinem Amtsantritt in Wolfsburg habe ich mir fest vorgenommen, das System VW zu verändern.“ Es soll schon vorkommen sein, dass sich das System am Ende als mächtiger erweist als der Systemsprenger – und es statt eines neuen Vertrags „nur“ eine schöne Abfindung gibt. Manchmal ist die Steigerung von Mut einfach nur Übermut.

    Ich wünsche Ihnen einen couragiert-besonnenen Start in die Woche.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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    1 Kommentar zu "Morning Briefing : Wie tief der Abgrund von Wirecard ist"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Für mich ist der Fall Wirecard eine Verschwörung von genau drei Leuten, die alle in Asien gearbeitet haben: Marsalek, ein im operativen Geschäft tätig Mitarbeiter und dessen Boss. Und schon ist der größte Raub der Geschichte perfekt. Warum Marsalek mitgemacht ist mir immer noch ein Rätsel. Aber vielleicht hat er selber das Geschäftsmodell von Wirecard in Frage gestellt. Wer weiß....

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