Weekend-Briefing: Deutschland im Innovationsnotstand: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Sie als Abonnentin oder Abonnent des Handelsblatts wissen es ohnehin: Kaum ein Thema ist für unsere Redaktion so wichtig wie Innovationen und die Frage, wie neue Technologien Geschäftsmodelle, ganze Konzerne und letztlich das Leben von Abermillionen Menschen verändern werden.
Innovationen, so viel ist klar, haben dieses Land reich gemacht. Blickt man auf die aktuellen Zahlen, sieht es allerdings nicht gut aus für Deutschland:
- Während Unternehmen in den USA und China ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung im ersten Coronajahr 2020 massiv gesteigert haben, investierte die deutsche Industrie 6,3 Prozent weniger.
- Wirtschaft und Staat steckten in Deutschland nur 3,19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Forschung und Entwicklung (F+E).
- Konkret heißt das: Sie wollten nur 3,19 Prozent des Wertes aller in diesem Jahr hergestellten Güter und angebotenen Dienstleistungen reinvestieren, um für künftiges Wachstum vorzusorgen. Bis 2025 will die Bundesregierung die Quote auf 3,5 steigern. Spitzenreiter Israel kommt auf 5,4 Prozent (F&E Ausgaben).
- Und der deutsche Innovationsnotstand hält an: Wegen Inflation, Lieferengpässen und Ukrainekrieg werden gerade viele Innovationsvorhaben gestrichen statt beschleunigt.
- Allen voran hat die Automobilbranche ihre Innovationsabsichten seit Jahresbeginn um mehr als ein Viertel reduziert.
- Laut McKinsey hapert es in Deutschland vor allem bei der Gründungsaktivität und Skalierung der Start-ups hin zu börsennotierten Konzernen.
- Das hat Folgen: In den USA sind fünf der wertvollsten Konzerne weniger als 30 Jahre alt. In Deutschland sind sieben Unternehmen vor mehr als hundert Jahren gegründet worden.
- In der Rangliste „Global Innovation Index 2021“ der Weltorganisation für geistiges Eigentum belegt Deutschland nur Platz zehn.
Diesen deutschen Innovationsnotstand hat ein Team aus Handelsblatt-Autorinnen und Autoren rund um Larissa Holzki, Barbara Gillmann, Christof Kerkmann, Luisa Bomke und Julian Olk analysiert.
Was die Geschichte so lesenswert macht: Sie endet nicht bei der Zustandsbeschreibung – sie zeigt auch Strategien von Ländern und Unternehmen aus aller Welt, wie sich der Innovationsnotstand aufbrechen lässt.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Es sind schwierige Tage für VW-Chef Herbert Diess. Das große Projekt Software hakt, und eine der Ursachen für die Misere ist ein grundlegendes Zerwürfnis im Vorstand, wie das Handelsblatt-Autoteam hörte. Anfang des Jahres übernahm Diess die Verantwortung für die Software von Audi-Chef Markus Duesmann. Heute geben sich beide gegenseitig die Schuld für die Probleme. Nun hat der Aufsichtsrat eingegriffen – und dem Konzernchef drei Wochen Zeit gegeben, Vorschläge zur Lösung des Problems vorzulegen. Eine heikle Lage. Denn immer mehr Modelle des Konzerns verzögern sich.
2. Die Lage ist auch bei anderen Autoherstellern schwierig. Bei vielen Zulieferern ist sie sogar katastrophal. In einem sehr lesenswerten Report beschreibt mein Kollege Martin Buchenau die Krise der Zulieferer anhand des Beispiels Mahle: „Die meterhohen Kolben vor der Zentrale des Unternehmens wirken wie eine Mahnung von Charles Darwin“, sagt Buchenau, „dass in der Natur wie in der Unternehmenswelt nicht unbedingt die Stärksten überleben, sondern diejenigen, die sich am besten anpassen. Die Elektromobilität kommt über die deutsche Autoindustrie ähnlich erbarmungslos wie die Eiszeit über Höhlenbären und andere Urzeitriesen.“
3. Banken müssten seit dieser Woche in Alarmstimmung sein: Künftig sollen Apple-Pay-Nutzer Käufe in bis zu vier Raten bezahlen können. Es klingt nach einem kleinen Schritt, könnte aber dramatische Folgen haben. Es ist der Einstieg von Big Tech ins Kerngeschäft der Banken. Lange wurde es befürchtet – nun ist es soweit. Und es dürfte nur der Anfang gewesen sein.
4. Die Europäische Zentralbank hat die lange überfällige Zinswende eingeleitet. Doch die EZB handelt zu spät, zu langsam und zu verzagt. Das hat ihrer Glaubwürdigkeit in den vergangenen Monaten geschadet. Monat für Monat mussten die Zentralbanker ihre Kommunikation der Wirklichkeit anpassen – und taten es immer erst dann, wenn der Druck so groß geworden war, dass sie gar nicht mehr anders konnten, kommentiert Meinungschef Jens Münchrath. Monat für Monat musste sie gleichzeitig ihre Inflationsprognosen nach oben korrigieren – Verbraucher haben den Preisauftrieb da längst gespürt.
5. EU-Kommissar Thierry Breton wendet sich einem überaus wichtigen Thema zu: Mit einer neuen Industriestrategie will er die Versorgungssicherheit mit kritischen Rohstoffen sicherstellen. Gemeint sind Seltene Erden, Kobalt, Lithium oder Magnesium – Mineralien, die Europa für die Energiewende benötigt und bisher vor allem aus China bezieht. Breton will verhindern, dass die Europäer von einer Abhängigkeit in die nächste stolpern. Er will neue Lieferanten finden und die Förderung in Europa stärken.
6. Die Konflikte zwischen Wirtschaftsminister Robert Habeck und Finanzminister Christian Lindner, so viel ist klar, werden die Ampel-Koalition in den nächsten Jahren prägen. Diese Woche ging der Streit zwischen den beiden in eine neue Runde: Habeck will niedrige und mittlere Einkommen über eine Abflachung des sogenannten „Mittelstandsbauchs“ entlasten und im Gegenzug den Spitzensteuersatz erhöhen.
Das hat Lindner prompt durchrechnen lassen, wie unser Berliner Büro erfuhr. Das Ergebnis: Bei einer aufkommensneutralen Entlastung müsste der Spitzensteuersatz ab einem zu versteuernden Einkommen von 80.000 Euro im Jahr von derzeit 42 auf 57,4 Prozent steigen. Ältere Leserinnen und Leser hier in der Runde werden sich erinnern, dass dies höher wäre als zu Zeiten Helmut Kohls – damals lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent.
7. Es sind Zahlen, die Anleger alarmieren sollten: Hedgefonds wetten nicht mehr nur auf einzelne Aktien, sondern auf fallende Märkte. Nach Berechnungen meines Kollegen Andreas Neuhaus setzen Shortseller mittlerweile 250 Milliarden Dollar auf ganze Börsensegmente, die oft in großen ETFs abgebildet werden.
8. Hybrid-Autos sind ökonomisch wie ökologisch gesehen Unsinn. Sie sind schwer, fahren in vielen Fällen ohnehin nie elektrisch und verbrauchen zu viel. Daher werden sie in wenigen Jahren praktisch wertlos sein. Und so kommt es, wie es kommen musste: Der Boom teilelektrischer Modelle ebbt ab, einige Hersteller nehmen sie bereits aus dem Programm. Bleibt nur noch die Politik, die dem Spuk mit einem Förderstopp ein Ende bereitet.
9. Und dann haben wir uns noch mit Flaschen beschäftigt. Ja, richtig gelesen. Und herausgekommen ist eine ganz erstaunliche Geschichte: Weil nämlich Brauereien beim Design der Flaschen immer individueller werden, fahren täglich Tausende leere Bierflaschen quer durchs Land. Allein das ist schon irre genug. Nun aber werden auch noch die Flaschen knapp. Ich verspreche Ihnen, nach diesem Artikel sehen Sie Ihre Bierflasche mit anderen Augen.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt
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