Amoklauf von Winnenden „Eine Menschenkatastrophe“

Vor fünf Jahren tötete Tim Kretschmer die Tochter von Gisela Mayer und 14 weitere Menschen. Seitdem setzt sich Gisela Mayer gegen Gewalt in Schulen ein. Ihr Versuch, mit den Eltern des Täters zu sprechen, scheiterte.
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Gisela Mayer: Sie hat ihre Tochter beim Amoklauf in Winnenden verloren. Mit dem Aktionsbündnis Winnenden will sie nun gegen Gewalt an Schulen vorgehen.

Gisela Mayer: Sie hat ihre Tochter beim Amoklauf in Winnenden verloren. Mit dem Aktionsbündnis Winnenden will sie nun gegen Gewalt an Schulen vorgehen.

Der Amoklauf von Winnenden jährt sich am Dienstag (11. März) zum fünften Mal. Bedeutet das Datum etwas für Sie?  

Ja und nein. Natürlich gibt es eine Art äußeren Gedenkens für die Öffentlichkeit. Das ist dieser Jahrestag. Auf der persönlichen Ebene ist es etwas ganz anderes, das sind keine fünf Jahre seit der Tat. Wenn ich meine Gefühle frage, dann war es vorgestern. Dieses Empfinden ist überhaupt nicht an Jahrestage gekoppelt, sondern beispielsweise an schönes Wetter. Wir haben immer den Frühling so gefeiert. Die schönen Tage sind die schmerzvollen Tage, die an den Verlust erinnern. Das hat mit offiziellen Daten nichts zu tun. Da wird man noch mal an den Vorgang erinnert, an die Grausamkeit der Tat. Aber der Schmerz ist an anderen Tagen viel stärker.

Was ist ihnen vom 11. März 2009, dem Tag des Amoklaufs, noch am präsentesten?

Stark im Gedächtnis geblieben sind mir diese völlig chaotische Ansammlung von Menschen, die Weigerung, mich zu meiner Tochter zu lassen, und die Unfähigkeit, mir die Wahrheit zu sagen. Es waren nur Andeutungen, die Formulierungen vergesse ich im Leben nicht. Erst hieß es: „Es sieht schlecht aus“, dann „Es sieht sehr schlecht aus“, schließlich „Es sieht ganz schlecht aus“. Verstanden hat es meine jüngere Tochter. Sie war es, die es ausgesprochen hat: „Verstehst Du es nicht, Mama? Es heißt, dass Nan tot ist.“

Wie Winnenden nach dem Amoklauf trauert
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Mitschüler und Angehörige haben am Abend nach dem Amoklauf von Tim K. Kerzen in der Nähe der Albertville Realschule in Winnenden aufgestellt. Bei vielen sitzt der Schock über das Geschehene tief. Der Amokläufer war am Mittwoch, 11. März 2009, gegen 9.30 Uhr in die Realschule eingedrungen und hatte dort neun Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf seiner anschließenden Flucht erschoss Tim K. drei Passanten und verletzte zwei Polizisten schwer. Anschließend wurde er tot gefunden, alles deutet darauf hin, dass er sich selbst erschossen hat. Foto: Reuters

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Auch Plüschtiere liegen zwischen den Kerzen. Viele fragen sich, was den als unauffällig geltenden Schüler zu so einer Tat angetrieben hat. Foto: ap

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"Warum?" steht auf vielen Zetteln, die zwischen den Kerzen liegen. Für Mitschüler, Bekannte und Anwohner aus Winnenden und Leutenbach, wo Tim K. bei seinen Eltern lebte, sind die Gründe für die Tat kaum nachvollziehbar. Foto: ap

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Einige Trauernde haben am Abend nach der Tat Briefe geschrieben und legten sie zwischen Blumen und Kerzen. Der 17-jährige Amokläufer Tim K. galt als unauffällig. Er sei ein Einzelgänger gewesen, der nur wenig Freunde hatte. Die Waffe mit der er 15 Menschen erschossen hat, stammt aus dem Waffenschrank des Vaters, einem Hobbyschützen. Foto: ap

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Fast 1000 Menschen besuchten den Trauergottesdienst. Viele Trauernde brachen unter Tränen und Schluchzen zusammen und mussten von Sanitätern aus der Kirche gebracht werden. Zum Ende des Gottesdienstes entzündeten Dutzende Trauergäste eine Kerze und legten sie unter dem Kreuz vor dem Altar der St.-Karl-Borromäus-Kirche nieder. Foto: dpa

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Im Trauergottesdienst schlägt dieser Mann die Hände vor dem Gesicht zusammen. Noch liegen Opfer des Amoklaufs im Krankenhaus. Lebensgefahr besteht für sie aber nicht mehr. Foto: dpa

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Während die Menschen von Winnenden den Trauergottesdienst besuchen, versucht die Polizei den Tathergang zu rekonstruieren und sich ein Bild über mögliche Motive von Tim K. zu machen. Vor der Schule, aus der die Leichen der getöteten Schüler und Lehrer erst am Abend herausgetragen worden waren, versammelten sich in der Nacht Dutzende zu einer Mahnwache. Fotos: Reuters

Sie haben Ihre Tochter Nina an deren 25. Geburtstag beerdigt. Sie war damals Referendarin an der Realschule. Erzählen Sie mir von Nina?

Es gibt ein schönes Bild für sie: Licht, Lebensfreude und Leichtigkeit. Das charakterisiert sie am besten. Sie war ein ganz positiver Mensch, der bei allen Widrigkeiten immer überzeugt war, dass alle Dinge irgendwie gut ausgehen. Und sie hat ja auch bis zu ihrem Ende Recht behalten. Sie war von einem ungebrochenen Optimismus geprägt, von einer großen Liebe zu den Menschen und sie war voll Geduld. Wenn der Täter ein Mensch in Not war, der keinen Ansprechpartner hatte, sie wäre die erste gewesen, die ihm geholfen hätte.

„Gewalthaltige Computerspiele machen aus Jugendlichen keine Amoktäter“
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