Ankunft am Berlinale-Palast

Serien sind für das audiovisuelle Geschäft zunehmend wichtiger.

(Foto: imago/Seeliger)

Banken, Bunker und Parfüm Serien erobern die Berlinale

Serien aus Deutschland werden in den Streamingdiensten immer wichtiger. Auf der Berlinale bieten Produzenten und Regisseure Einblick in ihre Arbeit.
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BerlinArthur lässt sich die Hand abtrennen und will dafür die Versicherung abkassieren. Eine Familie sucht Schutz vor dem Weltuntergang. Ein Berliner DJ gerät in die Fänge der Mafia. Komisch, makaber und düster geht es zu in den deutschen Serien, die jetzt auf der Berlinale und demnächst im Fernsehen oder als Abrufvideo zu sehen sind. Nach „Babylon Berlin“, „You are wanted“ und „4 Blocks“ zeigen die Produzenten aus Deutschland, dass sie auf dem globalen Streaming- und TV-Markt mit Mord, Totschlag (und oft mit Berlin als Kulisse) immer stärker wahrgenommen werden.

An drei Tagen präsentiert die Berlinale in den „Drama Series Days“ mit Vorführungen und Expertenrunden das Neueste aus der Serienwelt. Zusätzlich sind sechs Produktionen in der Reihe „Berlinale Special“ vertreten. Vor dem Kino Zoo Palast bildeten sich lange Schlangen. Stark sind in diesem Jahr die deutschsprachigen Produktionen. Die heimische Branche liegt damit im Trend: Als einmalige Mehrteiler oder über Staffeln verteilt – Serien sind für das audiovisuelle Geschäft zunehmend wichtiger. Mehr als 120 Neuproduktionen und Projekte wurden zur Berlinale angemeldet.

Video-Anbieter wie Netflix und Amazon setzen mit ihrer globalen Erlöskette Finanzmittel frei, die im heimischen Filmmarkt unerreichbar sind. Zwar erholt sich die deutsche Kinoindustrie gerade etwas von einer Zuschauerdelle. Doch immer mehr Regisseure suchen in den Serien Spielräume, die sie im Film nicht (mehr) bekommen.

Das sind die möglichen Gewinner des Bären-Preises
Isle of Dogs
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„Isle of Dogs“ von Wes Anderson ist ein Animationsfilm über einen Jungen, der mit Hilfe einer Gruppe geächteter Hunde seine japanische Heimatstadt vor einem Tyrannen rettet. PRO: Die satirische Parabel ist äußerst aufwendig, liebevoll und doppelbödig inszeniert – mit wunderbaren, prominent besetzten Stimmen wie Bill Murray (links), Greta Gerwig und Tilda Swinton (rechts). CONTRA: Die Anspielungen auf die politische Gegenwart, der Kampf Gut gegen Böse kommen manchmal arg plakativ daher.

Quelle: dpa

Eva
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„Eva“ von Benoit Jacquot (Frankreich): Isabelle Huppert (mitte) spielt eine Edelprostituierte, die einen betrügerischen Schriftsteller in die Hörigkeit und schließlich in die Katastrophe treibt. PRO: Huppert zeigt als elektrisierende Femme fatal die ganze Palette ihres Könnens. Von anschmiegsam bis zynisch buchstabiert sie das Alphabet der Emotionen virtuos durch. CONTRA: Die Adaption des Romans von James Hadley Chase wirkt gelegentlich weniger wie eine Erzählung denn eine psychologische Versuchsanordnung.

Dovlatov
3 von 9

„Dovlatov“ von Alexey German jr. (rechts) ist ein Porträt über den Schriftsteller Sergei Dovlatov (1941-1990), dessen brillant ironische Texte in der Sowjetunion der Breschnew-Ära nicht gedruckt werden durften. PRO: Der russische Regisseur zeichnet anhand weniger Tage in Dovlatovs Leben das ganze Zeitbild einer Gesellschaft, die das freie Denken unterdrückt – ein Film von erschreckender Aktualität. CONTRA: Wenig. Allerdings ist angesichts der epischen Erzählweise und der Vielzahl der Figuren viel Aufmerksamkeit gefordert.

Meine Tochter
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„Meine Tochter“ von Laura Bispuri (Italien): Drama um ein kleines Mädchen auf Sardinien zwischen zwei Frauen, die ein Geheimnis verbindet. PRO: Valeria Golina und Alba Rohrwacher (rechts) zeigen die ganze Palette ihrer Schauspielkunst und zeichnen packende Porträts komplizierter Charaktere. CONTRA: Die Erzählung um zwei Frauen, die um die Liebe desselben Kindes ringen, rutscht zu oft ins Didaktische ab.

Transit
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„Transit“ von Christian Petzold (Deutschland): Ausgehend von dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers erzählt der vielfach preisgekrönte Regisseur („Barbara“) von Flucht, Trennung und Entwurzelung. PRO: Hauptdarsteller Franz Rogowski (links) gibt dem Film eine schier ungeheure Intensität, die Ansiedlung im heutigen Marseille verbindet kunstvoll beide Zeitebenen. CONTRA: Die Inszenierung wirkt manchmal etwas gewollt, die darübergelegte Erzählstimme ist Geschmackssache.

The Real Estate
6 von 9

„The Real Estate“ von Måns Månsson (links) und Axel Petersén (Bild rechts, Schweden): Eine Frau kehrt aus dem Süden in ihre Heimat zurück, weil sie ein Mietshaus in Stockholm geerbt hat – die Immobilie hat ihre Tücken. PRO: Handfeste Satire über den Immobilienwahn und die Anbetung des Mammons in der bürgerlichen Welt. CONTRA: Je länger der Film dauert, umso absurder wird er inhaltlich und formal, so sehr, dass viele Zuschauer dem kaum mehr folgen können.

Damsel
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„Damsel“ von David & Nathan Zellner (USA) ist eine Western-Parodie mit Robert Pattinson (links) als Tölpel auf der Suche nach der Liebe und Mia Wasikowska (2. von links) als emanzipiertem Flintenweib. PRO: Der Film entlarvt überholte Geschlechterklischees mit bissigem Spott und viel Situationskomik. CONTRA: Die oft betont langsame Erzählweise strapaziert die Geduld des Publikums.

Und die Filmemacher können experimentieren. „Alle erfolgreichen Serien der letzten fünfzehn Jahren sind Nischen-Storys“, sagt Baran bo Odar, Mitautor der deutschen Netflix-Serie „Dark“, für die bereits die zweite Staffel bestellt ist. Ob das Familienleben von Mafia-Boss Tony Soprano, die Welt der Werbung im New York der 60er Jahre in „Mad Men“ oder ein Chemielehrer als Drogenmischer in „Breaking Bad“ - sehr spezielle Themen ließen sich viel besser für das Fernsehen in vielen Folgen erzählen. Und durch die weltweite Verbreitung bekämen solche Nischenthemen dann ein Riesenpublikum.

Allerdings sollte sich eine Serie auf jeden Fall beim Publikum daheim durchsetzen. „Erfolg auf dem lokalen Markt ist Pflicht, im Ausland Kür“, sagt der Deutschland-Chef von Amazon Prime Video, Christoph Schneider. So dürfte auch „Beat“ (Amazon) vor allem ein junges Publikum ansprechen. Der Siebenteiler spielt in der Berliner Clubszene, es geht um Mord und Organhandel und manchmal sehr blutig zu. Regie führt der Filmemacher Marco Kreuzpaintner („Krabat“), der auch die Idee für das Projekt lieferte.

Urkomisch kündigt sich die Komödie „Arthurs Gesetz“ (TNT) mit Jan Josef Liefers als ewigem Verlierer an. Endlich will seine Frau (Martina Gedeck) ein schönes Leben leben und entdeckt in der Versicherungspolice, dass beim Verlust der rechten Hand viel Geld herausspringt. Gedeck („Ich spiele sonst nur ernste Rollen“) zeigt hier ihr komödiantisches Talent - und tritt gleich auch als ihre eigene Zwillingsschwester auf.

Vor einem drohenden Zusammenprall der Erde mit einem Meteoriten versuchen sich Christiane Paul und Mark Waschke in „Eight Days“ (Sky) in Sicherheit zu bringen und müssen es dabei mit dem fiesen Bunkerbesitzer (Devid Striesow) aufnehmen. Doch da ist die Welt längst aus den Fugen. Regie führen Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) und Michael Krummenacher.

Auch die Öffentlich-Rechtlichen sind auf das Serien-Karussell gestiegen. Mit „Parfum“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Patrick Süskind läuft demnächst auf ZDFneo ein Sechsteiler um eine Ermittlerin vom Niederrhein. Sie stößt auf Internatsschüler, die mit menschlichem Duft experimentieren. Die Erstausstrahlung ist im Herbst 2018 geplant, gleichzeitig startet „Parfum“ weltweit auf Netflix. Auch „Bad Banks“ kommt vom ZDF, ein Thriller aus der Welt der Hochfinanz mit Paula Beer und Désirée Nosbusch in den Hauptrollen. Die sechs Folgen laufen Anfang März auf Arte und sofort danach im ZDF.

Ganz vom Kino können die Serien aber nicht lassen. In der deutsch-österreichischen Produktion „M - eine Stadt sucht einen Mörder“ (RTL Crime) jagt ganz Wien einen Kindermörder. Es ist auch eine Hommage an Fritz Lang (1890-1976). Mit „M“ schuf der Regiemeister 1931 einen der wichtigsten Filme der Kinogeschichte. Damals war Peter Lorre der Serientäter.

  • dpa
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