Interview mit Erzbischoff Reinhard Marx "Börse ist nicht moralfrei"

Seite 3 von 5:

Um noch bei der Moral zu bleiben: Die Sünde der Gier kommt in mehreren Kapiteln Ihres Buches vor. Fehlt aber nicht eine Auseinandersetzung mit der Sünde des Neides? Ist diese Sünde in Deutschland nicht ebenso verbreitet wie die Gier?

Neid ist ja oft eine Frage der Nähe. Die wenigsten Leute hierzulande sind zum Beispiel neidisch auf die englische Königin. Neid ist aber ebenso individuell, eben nur für den Einzelnen zu beurteilen. Sie haben jedoch recht: Es sollte nicht sein, dass Leute gegeneinander getrieben werden. Wir wollen ja gerade nicht „Klassen“ gegeneinander aufbringen. Das bedeutet nun aber auch nicht, die Gemeinwohlorientierung so zu organisieren, dass einfach alle gleich verdienen. Es muss vielmehr so sein, dass alle gleiche Chancen haben.

Der Augustinermönch Abraham a Sancta Clara predigte im 17. Jahrhundert in Süddeutschland gegen den Neid mit den berühmten Worten: „Der Neidige ist ein Märtyrer, aber des Teufels.“ So etwas hört man heute in der katholischen Kirche sehr, sehr selten. Warum?

Vielleicht ist die Predigtkultur insgesamt etwas friedlicher geworden. Gier, Neid, Ehebruch sollte man ansprechen und sagen: Wir halten uns hier an die Zehn Gebote. Ihre Einwendung zum Neid regt mich eigentlich an, wieder deutlicher zu machen, dass sich die Gebote gerade auch im Alltag dadurch bewähren müssen, dass sie gehalten werden. Früher hatten wir in der katholischen Kirche durch die Beichtspiegel und die regelmäßigen Beichten eine größere Sensibilität dafür. Es ist ganz gut, sich immer wieder zu überprüfen, ob man in der richtigen Spur ist.

Haben Sie eigentlich auf Ihren Aufruf an die Banker zur Umkehr eine Resonanz erfahren? Ist da jemand auf Sie zugekommen?

(Lacht) Das würde ich Ihnen nicht sagen. Aber festzustellen ist: Es hat schon ein Umdenken gegeben, auch was das Verhalten der Anleger betrifft. Richtiger Riecher, Cleverness, Schnelligkeit, gepaart mit einem „Schuss“ Skrupellosigkeit, das kann ja keine gesellschaftliche Perspektive sein.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich sehr stark mit den Begriffen der Freiheit und des Sozialen. Müssen wir nicht ein Dilemma feststellen, nämlich dass die Ausweitung des Sozialen zur Einschränkung der Freiheit und die Ausweitung der Freiheit umgekehrt zur Einschränkung des Sozialen führt?

Ob dieses Dilemma so besteht, weiß ich nicht. Johannes Paul II. hat in seinem letzten Buch vor seinem Tod zur Frage, was eigentlich der rote Faden der Katholischen Soziallehre sei, geschrieben, das sei der Gedanke der Freiheit. Dies mag für manch einen überraschend sein. Gemeint ist natürlich Freiheit in Verantwortung, nicht individualistische maßlose Freiheit, das hemmungslose Ausleben aller meiner Möglichkeiten. Das wäre mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Daher sehe ich auch Freiheit und Sozialstaat nicht als Gegensatzpaar. Was ist denn das Soziale? Heißt das: Möglichst verdienen alle gleich, dann haben wir die soziale Gerechtigkeit? Nein, das war nie die Position der Katholischen Soziallehre. Dies mag in manchen Köpfen stark sein: je weniger Unterschiede, desto mehr Gerechtigkeit. So einfach ist es aber nicht. Sozial wäre zum Beispiel, dass alle gleiche Ausgangsbedingungen haben. Das heißt, dass auch Unterschiede ausgeglichen werden, etwa was die Bildungschancen angeht. Das ist eine Verantwortung der ganzen Gesellschaft. Ähnliches gilt für Risiken. Die Soziale Marktwirtschaft lebt von Risikobereitschaft sowohl des Unternehmers wie auch des Arbeitnehmers. Das ist gewiss ein anstrengendes System. Große Wohlfahrtsgewinne sind möglich. Aber es ist nicht ohne Risiken. Die Risiken sollen gemeinsam abgedeckt werden. Man könnte natürlich sagen: Wir können doch den Sozialstaat so organisieren, dass jeder für sich die Lebensrisiken versichert, kapitalgedeckt, dann haben wir das Problem gelöst. Nein: In der Sozialen Marktwirtschaft ist die Bereitschaft von Unternehmern und Arbeitnehmern, Risiken zu übernehmen, höher, wenn sie wissen, dass sie bei Strukturkrisen, die die Marktwirtschaft notwendig mit sich bringt, nicht allein gelassen werden. Diese Grundsicherheit, die eigentlich nur ein Gemeinwesen geben kann, hilft dazu, Risikobereitschaft zu entwickeln.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek war der Meinung, dass eine Ausweitung des Staates unter der Fahne des Sozialen ein Weg in die Knechtschaft ist ...

Hayek hat sich manchmal etwas zu stark gegen den Einfluss des Staates gewandt, vielleicht aus den Erfahrungen des Krieges heraus. Was wir jetzt erleben, ist doch eine Revitalisierung des Staates. Wir hätten uns doch vor ein oder zwei Jahren noch nicht vorstellen können, dass ernsthafte Ökonomen uns die Verstaatlichung von Opel vorschlagen! Aber Ihr Einwand ist ja richtig: Wir haben ein Sozialstaatsmodell gesehen, das stark von der Umverteilung gelebt hat. Ob das zu stark war, muss man diskutieren. In der Katholischen Soziallehre war immer klar: Der Versorgungsstaat als großer Wohltäter über allem, das ist nicht unsere Vorstellung. Wir denken subsidiär. Wir denken vom Dualismus von Staat und Wirtschaft und von der Verantwortung des Einzelnen her. Wenn diese Verantwortung beschnitten wird, führt das nicht zu mehr Freiheit, sondern in die Abhängigkeit. Aber auch da gilt: Die Gratwanderung ist schwer. Auf jeden Fall ist es wichtig, die Freiheit des Einzelnen zu wahren.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Seite 12345Alles auf einer Seite anzeigen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%