Kampf der Radler Kräftemessen auf Londons Straßen

In London wird die U-Bahn bestreikt, fast alle Linien sind geschlossen. Es herrscht pures Verkehrschaos. Auf der Suche nach alternativer Fortbewegung kämpfen Fahrrad- und Autofahrer um den knappen Platz auf den Straßen.
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Fahrradfahren in London: Das ist schon unter normalen Bedingungen und für geübte Radler kein Spaß. Wenn während des U-Bahn Streiks die Straßen überfüllt sind und auch ungeübte Fahrer sich notgedrungen in den Sattel schwingen, herrscht auf der Straße so etwas wie Überlebenskampf. Quelle: ap

Fahrradfahren in London: Das ist schon unter normalen Bedingungen und für geübte Radler kein Spaß. Wenn während des U-Bahn Streiks die Straßen überfüllt sind und auch ungeübte Fahrer sich notgedrungen in den Sattel schwingen, herrscht auf der Straße so etwas wie Überlebenskampf.

(Foto: ap)

Schon in normalen Zeiten ist Fahrradfahren in London eigentlich nichts für Anfänger. Es braucht eine gewisse Robustheit, um sich als Radler in den verstauten und von Schlaglöchern übersäten Straßen an Doppeldecker-Bussen, Lastwagen und Taxis vorbeizuschlängeln. In diesen Tagen kommt noch der Streik der Londoner U-Bahn hinzu, auf den Straßen ist daher noch mehr los als sonst.

Nandini Gupta hat sich dennoch mit ihrem Fahrrad rausgetraut – zum ersten Mal seit wohl mehr als 15 Jahren. „Ich bin als Kind häufiger geradelt, als ich noch außerhalb von London wohnte“, erzählt die Endzwanzigerin. „In London erschien es mir zu unsicher, aber heute hatte ich einfach keine Alternative – außer mehr als eine Stunde zur Arbeit zu laufen oder das alte Rad meines Freundes zu nehmen und einigermaßen pünktlich ins Büro zu kommen.“

London in den Zeiten des „tube strikes“
huGO-BildID: 36650952 A notice board is seen through the closed gates of a central London underground station on April 29, 2014, during a planned 48
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Tube strike - U-Bahn Streik. „Tube“, das heißt „Röhre“ und in die gucken für 48 Stunden sehr, sehr viele Londoner, die von A nach B wollen in ihrer Stadt. Im Untergrund er englischen Hauptstadt fährt fast nichts mehr, zum zweiten Mal schon in diesem Jahr ist das wichtigste Verkehrsnetz nahezu lahmgelegt.

London 2012 - Boris Johnson
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Boris Johnson, Londons Bürgermeister, ist nicht nur „not amused“, er ist reichlich wütend, spricht von einem „sinnlosen Streik“. Bei dem kämpfen die U-Bahn-Beschäftigten gegen den Abbau von rund 950 Stellen an Londoner Ticketschaltern. Die Schalter sollen geschlossen werden, weil immer mehr Londoner ihre Dauerfahrkarten am Automaten oder im Internet aufladen. Doch Johnson betont, dass deswegen kein Mitarbeiter entlassen werden müsse.

huGO-BildID: 36646151 A Transport for London (TFL) worker (R) advises commuters during the morning rush hour at Victoria station in London, on April
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Doch die Gewerkschaften wollen nichts hören von Vorruhestandsregelungen oder der Vergabe anderer Jobangebote im Unternehmen. Sie fordern ein altes Versprechen des Bürgermeisters ein, der einst erklärte, die Ticketschalter blieben unangetastet. Die Verkehrsgesellschaft TfL, „Transport for London“ (hier eine Mitarbeiterin rechts im Bild), versucht des Chaos nun irgendwie Herr zu werden. Die Fahrgäste verteilen sich so gut es eben geht ...

Tube strike in London
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... auf Busse ...

Tube strike in London
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... auf Nahverkehrszüge ...

Commuters and shoppers queue for access to Oxford Circus underground station, one of the open tube stations, during strikes in London
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... und auf die wenigen fahrenden U-Bahnen. Doch alles ist gnadenlos überfüllt. Dieses Bild illustriert kein Gedränge, es zeigt puren Stillstand. Bis auf die Straße stehen die Leute an, um sich überhaupt in ein vorbei kommendes Fahrzeug quetschen zu können. Wer nicht aufs eigene Auto umsteigt dem bleibt alternativ ...

huGO-BildID: 36664860 People walk across Hungerford pedestrain bridge during the second day of a 48 hour workers strike partially closing the London
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... nur ein strammer Fußmarsch. Oder aber ...

Am Mittwoch blieben den zweiten Tag in Folge viele U-Bahnen in ihren Depots und Dutzende von Stationen verrammelt. Die Beschäftigten protestieren damit gegen die Pläne ihres Arbeitgebers, zahlreiche Fahrkartenschalter zu schließen und 950 Stellen zu streichen. Normalerweise befördert die Tube täglich Millionen von Passagieren.

Die Menschen drängten sich daher am Mittwoch in überfüllte Busse und Nahverkehrszüge, andere stiegen aufs Auto oder Fahrrad um. Die „London Cycling Campaign“, eine Initiative, die Fahrradfahren in London sicherer und beliebter machen will, nutzt die Streiktage, um die Menschen im verstärkten Maße von dieser Alternative zu überzeugen – mit durchwachsenem Erfolg.

„Ja, ich nutze heute aus der Not heraus ein Mietrad, weil ich sonst nicht zu meinem Termin kommen würde“, erzählt Sonya Walker, eine 30-jährige Unternehmensberaterin, „aber ich fühl mich einfach zu unsicher auf dem Fahrrad und sehe das daher nicht als dauerhafte Alternative zur U-Bahn.“ Ihre Unsicherheit ist ihr anzumerken, sie traut sich nicht, Busse oder Lastwagen zu überholen, bleibt daher häufig stehen und provoziert fast Zusammenstöße mit anderen Radfahrern, die hinter ihr unterwegs sind. Einige können sich das Fluchen nicht verkneifen, wenn sie sie durch ihre Stopps ebenfalls zum Absteigen zwingt.

Es sind allerdings nicht nur mehr unerfahrene Radfahrer in diesen Tagen auf Londons Straßen unterwegs, auch die Zahl der Autofahrer nimmt zu, denen offenbar eine gewisse Übung im Umgang mit Radlern fehlt: „Dass Autofahrer einen viel zu dicht überholen und ihren Blinker gar nicht erst benutzen, daran hab ich mich schon länger gewöhnt“, erzählt Mitch Davids, der bereits seit einigen Jahren täglich von seinem Haus im Süden Londons ins Finanzzentrum nach Canary Wharf radelt, „jetzt sind aber auch noch Autofahrer auf den Straßen, die die wenigen Radwege komplett zustellen und denen jegliche Routine und Umsicht im alltäglichen Nahkampf auf Londons Straßen fehlt.“

Londons Straßen vs. Afghanistan
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