Tornado in Hamburg „Es dröhnte, das Dach flog weg“

Es ist eine Schneise der Zerstörung, die ein Tornado in Hamburg in nur wenigen Minuten schlägt. Von der Stärke der Naturgewalt zeugen entwurzelte Bäume, beschädigte Dächer und zertrümmerte Gartenhäuschen.
Ein Straßenschild ist provisorisch an einem Laternenmast befestigt.+ Quelle: dpa
Nach Unwetter in Hamburg

Ein Straßenschild ist provisorisch an einem Laternenmast befestigt.+

(Foto: dpa)

HamburgNicole Greve wollte mit ihrem 13-jährigen Sohn gerade Würstchen grillen, als über der Kleingartenanlage in Hamburg-Farmsen plötzlich das Unwetter hereinbrach. Erst habe kräftiger Regen eingesetzt, dann fielen Hagelkörner fast so groß wie Tischtennisbälle und plötzlich war der Tornado da. „Die Veranda fing an zu dröhnen, das Dach flog weg und der Apfelbaum fiel direkt auf die Laube drauf“, sagt die 47 Jahre alte Chemielaborantin, während sie am Dienstagabend noch immer fassungslos vor ihrem schwer beschädigten Gartenhäuschen steht.

Ihre Nachbarin traf es noch schwerer. Deren Laube ist komplett zerlegt. Das Ecksofa steht völlig frei, daneben die kleine Küche, ebenfalls unter freiem Himmel. Die Umgebung ist voller Trümmer: Bretter, Teile von Dächern und Wänden, Gartenmöbel ein orangefarbenes Bobbycar. Dazwischen umgestürzte Bäume, dicke Äste. Die Storchenfiguren am Goldfischteich haben Schlagseite. Wer das Trümmerfeld sieht, kann kaum glauben, dass die ebenfalls 47 Jahre alte Frau unverletzt blieb.

Regen und Gewitter sorgen für Verwüstungen
Gewitter bei „Rock am Ring“
1 von 15

Nach Unwettern und Blitzeinschlägen mit mehr als 80 Verletzten ist in der Eifel das Festival „Rock am Ring“ abgebrochen worden. Die Verbandsgemeinde Mendig in Rheinland-Pfalz entzog die Genehmigung für die Fortsetzung der Veranstaltung mit rund 90 000 Besuchern.

Peppers-Bassist „Flea“ bei „Rock am Ring“
2 von 15

Bei „Rock am Ring“ auf völlig verschlammtem Gelände hatte es am Samstagabend nach zwischenzeitlicher Unterbrechung noch einmal ein Konzert auf zwei Bühnen gegeben. Dabei jubelten Zehntausende Rock-Fans der US-Band Red Hot Chili Peppers zu.

Aufbruch der Besucher
3 von 15

Am Sonntagvormittag machten sich die Besucher auf den Heimweg.

Neue Gewitter angekündigt
4 von 15

Bis zum Mittag sollten sie auf Anordnung der Behörden auch die Campingplätze geräumt haben, da neue Gewitter vorhergesagt waren.

Schlammkampf auf dem Campingplatz
5 von 15

Die Campingplätze in Mendig in der Eifel waren kurz nach Mittag weitgehend geräumt, wie ein Polizeisprecher sagte.

Konzertveranstalter Marek Lieberberg
6 von 15

Konzertveranstalter Marek Lieberberg sprach am Sonntag von einem Fall „höherer Gewalt“. Man habe sich der Anordnung gebeugt.

Unwetter in Bayern
7 von 15

In Bayern erklärte das Landratsamt Weilheim-Schongau am Sonntagmorgen für ein Hochwasser-Gebiet rund um Polling den Katastrophenfall.

„Sie war völlig aufgelöst, hat gezittert“, sagt Greve. Sie habe sie in ihr noch stehendes Häuschen reingeholt, doch dann sei die Frau unter Schock weggelaufen. Ihr Sohn holte sie nach Hause. Er berichtet am Telefon, seine Mutter habe sich in dem Gartenhäuschen auf den Boden geworfen. Um sie herum seien Einrichtungsgegenstände und noch stromführende Kabel im Kreis herumgewirbelt. „Sie hat sich tierisch erschrocken“, sagt er.

Das Unwetter habe nur fünf oder sechs Minuten gedauert, erinnert sich Greve. Während der Tornado die Kleingärten verwüstete, habe es nicht einmal mehr geregnet. „Die Geräusche machten einem Angst, es war wie im Film“, sagt eine Anwohnerin in der Straße Rönk, wenige Schritte weiter. „Der Schuppen ist komplett zerstört, das Trampolin flog 20 Meter hoch“, ergänzt ihr Nachbar.

In der Parallelstraße Kiebitzhegen, direkt an der Kleingartenanlage, hat der Wirbelsturm fast alle Spitzdächer der kleinen Einfamilienhäuser beschädigt. Von einem der Häuser hat der Tornado einen Teil des Giebels weggerissen. Die Nachbarn helfen sich gegenseitig, die Schäden noch am Abend provisorisch zu reparieren. „Einige haben die Dachziegel von der Garage runtergenommen, um damit die Hausdächer zu reparieren“, sagt ein Anwohner.

Feuerwehr und Technisches Hilfswerk sind mit Dutzenden Fahrzeugen in dem Wohngebiet im Einsatz. Auf der Steilshooper Allee und im Tegelweg blockieren zahlreiche umgestürzte Bäume die Fahrbahn und den Bürgersteig. Von Drehleitern aus sichern die Einsätzkräfte bis tief in die Nacht abgeknickte Äste und beschädigte Dächer. Von einem neunstöckigen Hochhaus hat der Sturm ein Stück des Flachdachs heruntergerissen, berichtet Florian Schmidt, der wenige hundert Meter weiter wohnt.

Das Haus, in dem der 26-Jährige mit seiner Freundin lebt, sei dagegen völlig unbeschädigt. Das Unwetter hätten sie zunächst nur indirekt bemerkt. Die Spülmaschine sei stehen geblieben, weil es zu starken Stromschwankungen gekommen sei. Möglicherweise hat das mit einem Verteilerkasten zu tun, der ganz in der Nähe von Greves Laube brannte.

„Als Elektriker habe ich schon viele Sturmschäden mitgekriegt, aber so ein Ausmaß habe ich schon lange nicht mehr gesehen“, sagt Schmidt. Frappierend ist, wie punktuell die Naturgewalt zugeschlagen hat. In der Straße Sandstücken stehen noch immer große prächtige Laubbäume in einer Reihe, offensichtlich ohne einen abgeknickten Zweig. Zehn Meter weiter ist ein Baum mit 80 Zentimeter dickem Stamm komplett zerlegt.

Glück und Unglück sind an diesem Abend sehr ungleich verteilt. Während ein Nachbar mürrisch die Ersatzdachlatten heranschafft, ruft eine Frau über den Garten hinweg: „Wir müssen noch ein Straßenfest feiern!“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • dpa
Startseite

Mehr zu: Tornado in Hamburg - „Es dröhnte, das Dach flog weg“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%