Altmeister-Auktionen Weltrekord für eine Heilige Familie – alte Kunst ist wieder gefragt

Die Londoner Versteigerungen Alter Kunst erfreuen sich wieder reger Nachfrage. Neu ist der Trend zu Porträtgemälden und zu erstklassigen Skulpturen.
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Rekordpreis für eine auf Holz gemalte, dramatisch bewegte „Heilige Familie“. Quelle: CHRISTIE'S
Il Nosadella

Rekordpreis für eine auf Holz gemalte, dramatisch bewegte „Heilige Familie“.

(Foto: CHRISTIE'S)

LondonEine Woche mit Versteigerungen im Bereich der Alten Kunst in London zeigt einen aktiven Markt, in dem allerdings sorgsam ausgewählt wird und Käufer den Auktionshäusern nicht blind folgen. Der Trend, dass sich gute Kunst zu oftmals sehr teuren Preisen verkauft, während untypische oder auch weniger attraktive Arbeiten auf wenig Anklang stoßen, zeichnete sich schon bei den Impressionisten-Auktionen ab und setzt sich hier nun fort.

Ambitioniert ging Christie’s mit einer dem englischen Möbeldesigner Thomas Chippendale (1718 –1779) gewidmeten Einzelauktion in die sogenannte Classic Week, um dem seit Jahren schwachen Markt für englische Möbel mit dieser lange vorbereiteten Auktion neuen Anschub zu geben. Anlass war der 300-jährige Geburtstag des Gründers der berühmtesten Möbelwerkstatt, der gerade auch vom Metropolitan Museum in New York gefeiert wird.

Die Auktion gab einen ausgezeichneten Einblick in die Geschmäcker, Vorlieben und die Geschichte der englischen Aristokratie im 18. Jahrhundert. Mit nur 20 Losen war sie auf der einen Seite erfolgreich, verkauften sich doch 17 der angebotenen Arbeiten zum Großteil über den Erwartungen. Allerdings fanden die sehr hoch geschätzten Spitzenlose keine Abnehmer – da versuchte Christie’s, den Markt zu sehr anzuheizen.

Eine auf drei bis fünf Millionen Pfund geschätzte Kommode aus Mahagoniholz fiel dem ebenso zum Opfer wie zwei Sofas aus einem Set, entworfen von Robert Adams und um 1765 für Sir Lawrence Dundas gefertigt. Die Taxe von zwei bis drei Millionen Pfund für jedes der beiden Möbelstücke war doch zu viel. Dennoch lobte William Iselin, ein Kenner der Szene, die Bemühungen des Hauses: Christie’s schaffte es, für fast alle Lose mehrere Interessenten zu finden – das passiere in einer normalen englischen Möbelauktion nie.

Zwei Skulpturen standen im Mittelpunkt

Auch in dem sogenannten Exceptional Sale mit Skulptur und angewandter Kunst verkaufte sich das Spitzenlos nicht – ebenfalls ein herber Verlust für die Wochenbilanz von Christie’s. Im Mittelpunkt standen zwei Skulpturen vom Hof Ludwig XIV. Eine ein Meter hohe, 232 Kilogramm schwere Miniversion eines im 17. Jahrhundert in der Mitte von Paris aufgestellten monumentalen Reiterporträts des Sonnenkönigs von François Girardon fand bei einer Taxe von sieben bis zehn Millionen Pfund keinen Bieter.

So wurde das teuerste Los eine Skulptur des Florentiners Ferdinando Tacca, „A Bronze Group of Hercules Overcoming Achelous“, ein Geschenk Ludwigs XIV. an seinen Sohn. Mit einer nur „auf Anfrage“ bekanntgegebenen Schätzung hoffte das Haus, um die fünf Millionen Pfund einzuspielen. Es erzielte 6,8 Millionen.

Bei einer Anzahl bemerkenswerter Objekte aus deutschen Werkstätten stach vor allem ein Augsburger Schachspiel aus dem 18. Jahrhundert hervor. Auf einer Spielfläche aus Silber, Schildpatt und Ebenholz befinden sich individuell geschnitzte Spielfiguren aus Elfenbein und geschwärztem Holz, jede Einzelne mit einem Stempel des Silberschmieds Paul Solanier (1635 – 1724) versehen. Das Set befand sich bis zum frühen 20. Jahrhundert in Familienbesitz und wurde 1920 privat verkauft. Nun kam es mit einer Schätzung von 150.000 bis 250.000 Pfund auf den Markt und erzielte 417.000 Pfund.

5,3 Millionen Pfund für die aus Marmor gehauene Rarität des Klassizismus. Quelle: imago/ZUMA Press
Antonio Canova „Büste des Friedens“

5,3 Millionen Pfund für die aus Marmor gehauene Rarität des Klassizismus.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Auch bei Sotheby’s stand im Treasures Sale Skulptur hoch auf der Agenda. Im ausgezehrten Markt mit Gemälden liegen plastische Arbeiten aus allen Epochen im Trend. Oft unterbewertet und meist in gutem Zustand können zumindest eindeutig dokumentierte Arbeiten hohe Preise erzielen. Nachdem die Giambologna-Skulptur „Der Dresdner Mars“ auf öffentlichen Druck aus Deutschland kurz vor der Auktion zurückgezogen worden war (siehe Seite 63), avancierte eine Büste von Antonio Canova zum Spitzenlos.

Die Darstellung einer Göttin des Friedens von 1814 stellt einen der seltenen Marmorköpfe aus der Hand Canovas dar. Lange Zeit in Familienbesitz, verschwand die Kenntnis, dass es sich um eine Arbeit des Klassizisten handelte, die wohl als privates Geschenk Canovas an seinen englischen Freund und Sammler John Campbell, Baron Cawdor, angefertigt wurde. Ohne Zuschreibung wurde sie in den 1960er-Jahren von einem lokalen Auktionshaus in England versteigert. Mit einem Ergebnis von 3,9 Millionen Pfund wurde sie nun zur teuersten Canova-Skulptur, die je versteigert wurde.

Porträts kommen gut an

In den Abendauktionen mit Gemälden der Alten Meister waren es vor allem Porträts, die bei den Sammlern gut ankamen. Andrew Fletcher, Experte bei Sotheby’s, betont im Handelsblatt-Gespräch, dass vor allem neue Sammler der Alten Kunst auf Porträts ansprechen. Bei Christie’s etwa wurde Ludovico Carraccis „Portrait of Carlo Alberto Rati Opizzoni in armour“ von drei Telefonbietern umkämpft, bis es für 5,1 Millionen Pfund verkauft wurde.

Bei dem von zärtlicher Zuwendung und Liebe erzählenden Familienporträt, der „Heiligen Familie“ von Gerard David, wollten zahlreiche Bieter einfach nicht aufgeben. Die feine Holztafel mit der Landschaftsszene im Fensterausschnitt überstieg mit erzielten 4,8 Millionen Pfund die Schätzung (Taxe 1,5 bis 2,5 Millionen Pfund) und stellte einen Auktionsweltrekord für Gerard David auf.

Ein weiteres Porträt der Heiligen Familie stammte von Giovanni Francesco Bezzi, il Nosadella, aus dem 16. Jahrhundert. Nachdem es bei Christie’s New York im April unverkauft geblieben war, erzielte es nun mit 765.000 Pfund bei einer Schätzung von 350.000 bis 550.000 Pfund einen Weltrekord.

Einen Weltrekord im Medium erbrachte eine Version der berühmten Radierung „Ecce Homo“ (1655) von Rembrandt van Rijn, der einzige von acht bekannten Drucken des ersten Zustands der Grafik in privater Hand. Von 1991 bis 2015 befand sie sich in der Lausanner Sammlung von Samuel Josefowitz. Von dessen Erben eingeliefert, brachte sie erwartungsgemäß 2,6 Millionen Pfund.

Zu den Rückgängen bei Christie’s gehörte ein kleines Porträt von Peter Paul Rubens’ Tochter. Die Studie war vom Metropolitan Museum in New York 2013 verkauft worden, da es sich seiner Meinung nach um eine Kopie handelte. Nun doch dem Meister selbst zugeschrieben, sollte die kleine Arbeit drei bis fünf Millionen Pfund bringen, fand aber keinen Bieter. Mit somit erzielten 31,2 Millionen Pfund für verkaufte 53 von 61 Losen liegt Christie’s hinter Sotheby’s, kann aber mit einer Verkaufsrate von 74 Prozent ein solides Ergebnis verbuchen.

Das Porträt eines venezianischen noblen Herrn aus der Sammlung Wetzlar erzielte 5,4 Millionen Pfund. Quelle: Sotheby’s
Peter Paul Rubens

Das Porträt eines venezianischen noblen Herrn aus der Sammlung Wetzlar erzielte 5,4 Millionen Pfund.

(Foto: Sotheby’s)

Im Vergleich zu Christie’s konnte Sotheby’s mit einer stärkeren Auswahl früher Gemälde aufwarten. Laut Andrew Fletcher verkauften sich 18 von 22 Arbeiten aus der Sparte oftmals über den Erwartungen, wie Porträts von Lucas Cranach oder Albrecht Dürer. Eine Gruppe seltener nordeuropäischer Leinwandarbeiten aus dem frühen 15. Jahrhundert verdoppelte die untere Taxe und brachte 2,7 Millionen Pfund. Einige der angebotenen Porträts wurden vor der Auktion mit dem Glitter und Glanz der Modewelt versehen. Viktoria Beckham, ehemaliges Spice Girl und erfolgreiche Designerin, stellte vor den Vorbesichtigungen einige Arbeiten in ihrer Londoner Boutique aus. „Portrait of a Venetian Nobleman“ von Peter Paul Rubens (circa 1620) war nicht nur ihr Lieblingswerk, sondern wurde auch zum teuersten Los des Abends. Bei einer Schätzung von drei bis vier Millionen Pfund verkaufte sich das Bild aus der Sammlung des Holländers Hans Wetzlar für 5,4 Millionen.

Auch eine ungewöhnlich hohe Zahl von Restitutionen kam zum Aufruf, darunter ein Altargemälde aus dem 16. Jahrhundert von Joachim Patinir, das vom französischen Staat an die Erben der Hamburger Sammler Henry und Hertha Bromberg erstattet wurde, wie auch „The Oyster Meal“ von Jacob Ochtervelt, (1,9 Millionen Pfund). Bis vor Kurzem hing es in der Guildhall in London als Schenkung eines Sammlers an die City. Dabei handelte es sich jedoch um eines der verschwundenen Werke aus der Sammlung von Joan Hendrik Smidt van Gelder aus Arnheim, die 1945 von den Nazis nach Deutschland gebracht wurden. Nach der Restitution lieferte es die 97-jährige Tochter ein, die der Versteigerung auch beiwohnte.

Es geht um mehr als nur um Geld

Zuschreibungen und Provenienzforschung sind neben Laboruntersuchungen die Fundamente in diesem Geschäft. Sotheby’s hat großes Interesse, seine Expertise weiter auszubauen, nachdem es vor einiger Zeit schon das beste Labor aufgekauft hat. Nun ist es ein weltbekannter Kenner, Sammler und Händler, der seine Expertise in Zuschreibungen und Entdeckungen zur Verfügung stellen wird.

Stammt aus Dresden und wird von der Bayer AG dorthin verkauft. Quelle: Sotheby’s
Giovanni di Bolognas Kriegsgott „Mars“

Stammt aus Dresden und wird von der Bayer AG dorthin verkauft.

(Foto: Sotheby’s)

Otto Naumann, ehemals Galerist in New York, verkaufte zu Beginn des Jahres seine Galerie und versteigerte einen Großteil seines Lagers bei Sotheby’s in New York, angeblich um seinem Sohn das Feld zu überlassen. Wie man jetzt sieht, wird der Ruhestand des wohl über 65-Jährigen sehr kurzweilig. Er wird die schon jetzt starke Sparte des Hauses weiter ausbauen.

Neben gemischten Ergebnissen zeigten die Auktionen der Woche wieder einmal, wie spannend der Bereich der alten Kunst sein kann. Hinter dem Kommerz liegen individuelle Geschichten, die von Freundschaften und Geschenken, von Leid und politischen Tragödien, aber auch vom öffentlichem Interesse in der Demokratie sprechen. Im Kunstmarkt geht es doch immer um mehr als nur um Geld, das war noch nie anders.

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