Iran Kühner Cut in der Badewanne

Iran ist Filmland, nicht nur im Kino, sondern auch in der Kunst. Die Galerie Setareh stellt drei Videopionierinnen vor: Subtile Aufnahmen aus der alltäglichen Balance zwischen Tradition und Emanzipation.
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Susanne Schreiber

DüsseldorfIhr Stil ist unverkennbar. Wer die saalfüllende Installation in einem jener nur zur Biennale von Venedig geöffneten Stadtpaläste gesehen hat, den die iranisch-schwedische Künstler Mandana Moghaddam 2005 eingerichtet hat, erkennt ihr ikonographisches Material sofort wieder. Das schwarze, dichte, lange Frauenhaar – Symbol der Schönheit der Iranerinnen - wird ihr zur Metapher für gesellschaftliche Zustände im Land der Mullahs. Waren es vor 13 Jahren vier von der Decke herabhängende dicke Zöpfe, die einen den Salon weitgehend ausfüllenden, tonnenschweren Betonklotz in der Schwebe zu halten hatten, sind es 2007 die in 3 Minuten und 44 Sekunden unablässig fallenden schwarzen Strähnen in dem Video „Chelgis III“.

Mit einer Handkamera drehte die Künstlerin "A Dowry for Mahrou" (2006). Das Video endet mit der Information, dass die Braut erst 13 Jahre alt ist. Quelle: Samira Eskandarfar; Setareh Galerie
Samira Eskandarfar

Mit einer Handkamera drehte die Künstlerin "A Dowry for Mahrou" (2006). Das Video endet mit der Information, dass die Braut erst 13 Jahre alt ist.

(Foto: Samira Eskandarfar; Setareh Galerie)

Diese ohne großen Anspruch gefilmte Einkanalprojektion kommt mit einer einzigen Einstellung aus. Wichtig ist die Idee. Die Kamera ist auf die nackten Beine einer in der Badewanne duschenden Frau gerichtet, die sich mit rhythmischem Klippklapp ein Haarbüschel nach dem anderen abschneidet. So lange, bis der Boden der Wanne schwarz geworden ist. Ob sie sich dabei für einen Kurzhaarschnitt entschieden hat oder für den kahlen Schädel, erfährt der Betrachter nicht. Dochder Abschied von der Tradition des hüftlangen, zum Knoten gebundenen Haars lässt sich auch lesen als Akt des Widerstands gegen das staatlich verordnete Frauenbild, für Freiheit und Selbstbestimmung. Mandana Moghaddam sagt: „Mir geht es um den Druck von außen, dem Frauen unterliegen, die Last, die sie oft zu tragen haben, und natürlich ihre Kraft, mit alldem fertig zu werden.“

Dieses Emanzipations-Video ist in einer Fünfer-Auflage herausgekommen und kostet in der Setareh Gallery 10.000 Euro (alle Preise ohne Mwst.). „Chelgis III“ verweist über die titelgebende mythologische Figur Chelgisauch auf den Subtext von Schönheit und Wagemut hin. Und natürlich kommen einem die mutigen Iranierinnen in den Sinn, die erst vor wenigen Tagen öffentlich ihren Schleier abgelegt haben.

Das Duesseldorf Photoweekend war für die Galerie Setareh der Anlass, in der kompakten Zweigstelle (Hohe Straße 53) Einblick zu geben, was sich unter iranischen Videokünstlerinnen so tut. Für die noch bis 17. März geöffnete Gruppenschau „Ich sehe, ich bin“ hat Kurator Shahram Karimi neben der Mittfünzigerin Moghaddam noch zwei jüngere Position gewählt. Die Verheiratung einer dreizehnjährigen Braut im Sechs-Minuten-Film von Samira Eskandarfar (*1980) kommt dokumentarisch daher, wirkt aber ungewollt komisch, weil sie absichtsvoll zu schnell läuft (5er-Auflage, 4.000 Euro).

"Im Tod verlässt die Seele den Körper und wir werden zu einem Geist", erläutert die Künstlerin ihr Video "Passage" (2015). Sie will an jeden einzelnen der halben Million gefallenen Soldaten im Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988 erinnern. Quelle: Shirin Abedinirad
Shirin Abedinirad

"Im Tod verlässt die Seele den Körper und wir werden zu einem Geist", erläutert die Künstlerin ihr Video "Passage" (2015). Sie will an jeden einzelnen der halben Million gefallenen Soldaten im Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988 erinnern.

(Foto: Shirin Abedinirad)

Shirin Abedinirad (*1986) dagegen sucht wieder nach tragenden Bildern für ein gesellschaftliches Thema: das Gedenken der Toten aus dem Iran-Irak-Krieg. In dem Zweieinhalbminuten-Video „Passage“ von 2015 liegt ein Soldatenhelm, der schon bessere Tage erlebt, auf einem Sockel wie auf einer Versuchsanordnung. Das ihn umgebende Eis schmilzt flott dahin. Ist die Eiszeit vorüber? Wird er wieder gebraucht? Steht ein neuer Krieg bevor? Angesichts der Lage im Nahen Osten berechtigte Assoziationen. Der Helm gerät auf einmal ins Schaukeln und droht vom Sockel zu fallen. Vielleicht ist Abedinirads Video anders intendiert, auf mich wirkt der Helm wie ein Mahnmal gegen den Krieg, gegen Aufrüstung und Hegemonialstreben.

„Ich sehe, ich bin“ , bis 17. März 2018 in der Galerie Setareh, Hohestraße 53, 40213 Düsseldorf

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