Postkarten Verbindung durch gemalte Grüße

Die Galerie Ludorff hat der Künstlerpostkarte eine vergnügliche Ausstellung gewidmet. Da erwirbt der Sammler große Kunstgeschichte im kleinen Format. Die Postkarte dient der Nähe zu Gönnern.
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Susanne Schreiber

DüsseldorfDie Postkarte kam 1869 als „Correspondenzkarte“ in die Welt. Ab 1897 wurden Bild- und Grußkarten für den Massenmarkt produziert. Künstler liebten das neue Kommunikationsmittel sogleich, griffen aber nicht zu Vorfabriziertem. Sie schufen – bis auf Beuys - spontane Unikate auf der Leerseite, mit denen sie sich bei Ihren Fördern und Gönnerinnen, Galeristen oder Sammlerinnen bedanken oder in Erinnerung bringen konnten. Für kleines Geld, denn die Versandkosten lagen nur etwa bei der Hälfte des Briefportos. Mittlerweile sind die Künstler weltberühmt und sehr gefragt. Da kommt auch den kleinformatigen Karten große Bedeutung und einiges an Wert zu.

Mit Tusche und Farbkreide zeichnete der Künstler auf eine Blanko-Postkarte (ca. 1911). Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2018;  Achim Kukulies, Düsseldorf
Erich Heckel: Liegender weiblicher Akt mit Hund

Mit Tusche und Farbkreide zeichnete der Künstler auf eine Blanko-Postkarte (ca. 1911).

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Achim Kukulies, Düsseldorf)

Seit geraumer Zeit erfreut sich das Thema Künstlerpostkarte allgemeiner Beliebtheit in Museen, Galerien und auf Messen. Zu Recht. Hier lässt sich die große Kunstgeschichte, die Genese eines Epochen- oder Personalstils im kleinen Format studieren, angereichert mit Persönlichem aus dem Mikrokosmos etwa von Erich Heckel, Oskar Schlemmer oder Sam Francis. Die Galerie Ludorff zeigt eine attraktive Auswahl von 35 Künstlerpostkarten unter dem Titel „Schöne Grüße“ noch bis zum 14. April 2018.

Manuel Ludorff spannt den Bogen von den akuraten Farblithographie-Karten Oskar Kokoschkas in schönstem Jugendstilornament (3.500 Euro) bis zu Imi Knoebels präzisen Siebdruck-Karten in Primärfarben mit variiertem Rand (6.500 Euro). Zeitlich dazwischen und preislich darüber kommen den Kunstfreund der „Liegende weibliche Akt mit Hund“ von Erich Heckel und Grüßen von Ernst Ludwig Kirchner an die Sammlerin Käthe Bleichröder zu stehen. Hier werden für die bildmäßig aufgefasste Interieur-Skizze 125.000 Euro erwartet. An den Museumsdirektor Walter Kaesbach, der 1915 der Armee als Zugführer diente, schreibt Heckel auf einem anderen Exponat, dass er sich gerade auf dem Berliner Müggelsee bei einer Dampferfahrt Abkühlung verschafft hat. Die winkenden Badenden am Ufer aquarelliert er flott mit geübter Hand (65.000 Euro).

„Postkarten zeichnen macht die Finger warm für die Tagesarbeit; das ist der Zweck der Übung. Love Janssen“, schreibt aus Hamburg Horst Janssen dem Journalisten Johannes Gross in Köln (2.900 Euro). In einer anderen Karte, auf der zwei (Männer) hechelnd über eine Frau reden, spricht der Künstler aus, worum es bei den Postkarten wirklich ging: „Hoffentlich retournieren Sie mir Liebe Ihr Janssen“ (4.900 Euro). Gross, selbst gut bewandert nicht nur in Ökonomie und Politik, sondern auch in der Literatur und den schönen Künsten, „schlürfte Worte wie andere Austern,“ schrieb Mathias Döpfner in der „Welt“ im Nachruf auf den Freund. Dass Gross eben auch ein Augenmensch war, bezeugen die aquarellierten Postkarten, die ihm Klaus Fußmann oder Horst Janssen schickten.

Am 27.1.1977 um 11:13 Uhr aufgestanden. Quelle: Foto:  Achim Kukulies, Düsseldorf
On Kawara: "I GOT UP"

Am 27.1.1977 um 11:13 Uhr aufgestanden.

(Foto: Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf)

Der einzige, der die unikate Postkarte zum Multiple wandelte, war Joseph Beuys. Der stets die Breitenwirkung mitbedenkende Künstler ließ das Raster aus Adress- und Nachrichtenfeld auf Filz und auf Holz drucken. Zu haben sind die beiden Auflagenwerke nicht mehr, längst verkauft.

Während die einen aus dem Alltag des Künstlers berichten und versuchen, den Sammler mit dem Geschenk einer kleinformatigen Skizze bei Laune zu halten, macht ein Konzeptkünstler wie On Kawara den Sammler zum Teil des Kunstwerks (22.500 Euro).Drei gekaufte Berlin-Karten mit „Goldelse“, „Schwangerer Auster“ und Philharmonie stempelt Kawara mit je vier sehr typischen Elementen: Dem Datum im Januar 1977, als Kawara Gast im DAAD war, der Adresse des Sammlers in den USA und dem Berliner Absender. Titelgebendes Zentrum ist jeweils der Satz „I GOT UP AT“ gefolgt von der genauen Uhrzeit. Nicht vor 10:26, nicht nach 11:13. On Kawara bestätigt also die ungeschriebene Regel, nachtaktive Künstler niemals vor 11 Uhr anzurufen.

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