Auktionen Sammlers Liebling unter dem Hammer

Das Kölner Auktionshaus Lempertz schlägt keine Millionenobjekte zu, dafür aber jede Menge interessanter Werke bislang unterschätzter Künstler.
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Das impressionistische Ölbild „Blumenstauden im Nutzgarten nach Südwesten“ (1926) konnte seine obere Taxe fast verdoppeln. Quelle: Lempertz
Max Liebermann

Das impressionistische Ölbild „Blumenstauden im Nutzgarten nach Südwesten“ (1926) konnte seine obere Taxe fast verdoppeln.

(Foto: Lempertz)

KölnAuktionator Henrik Hanstein hatte gerade Jawlenskys „Heilandsgesicht“ bei 380.000 Euro (ohne Aufgeld) knapp unter der unteren Taxe und unter Vorbehalt zugeschlagen, da fiel ihm eine Formulierung ein, die im katholischen Köln immer gut ankommt: „Der Herrgott meint es gut mit uns“, begann der Chef des alteingesessenen Familienunternehmens Lempertz seine kleine Ansprache vor einem überwiegend bürgerlichen Publikum, während er das nächste Los ausbot. „Er hat es so eingerichtet, dass am Lebensende niemand etwas mitnehmen kann.“ Kleine Pause: „Davon lebt unsere Branche.“

Dass die Branche ganz ordentlich lebt, zeigen die Umsätze. 12,8 Millionen Euro erzielten nach Angaben des Versteigerers die drei Sparten Fotografie, Moderne und zeitgenössische Kunst am vergangenen Wochenende; etwas mehr als im Winter und deutliche 3,8 Millionen Euro mehr als im Frühjahr 2017. Nachverkäufe sind bereits mit eingerechnet.

Das Exemplar gehört zu den wenigen, eigenhändigen Terrakotta-Büsten. Quelle: Lempertz
Wilhelm Lehmbruck

Das Exemplar gehört zu den wenigen, eigenhändigen Terrakotta-Büsten.

(Foto: Lempertz)

Millionenzuschläge gab das Angebot nicht her, dafür aber gute Ergebnisse für bislang unterschätzte Künstler. Ein Wermutstropfen waren reihenweise Rückgänge zu Beginn der Moderne-Session (1.6.), die zunächst mit den besten Stücken aufwartet: etwa mit Heinrich Vogelers schwermütigem „Porträt Martha Vogeler“, zwei viel zu hoch getaxte schwache Paula-Modersohn-Becker-Gemälde, von denen das zweite dann im Nachverkauf für 72.000 Euro doch noch einen neuen Besitzer fand, und zwei frühe Ölstudien von Max Liebermann, von denen die attraktivere möglicherweise nicht eigenhändig signiert wurde.

Drei Lose weiter kam Sammlers Liebling unter den Hammer, ein Dauerbrenner, von dem man sich kaum vorstellen mag, in wie vielen Varianten Liebermann seinen Wannseegarten gemalt hat. Dennoch: „Blumenstauden im Nutzgarten nach Südwesten“, geschätzt auf 400.000 bis 450.000 Euro, wurde bei 750.000 Euro zugeschlagen, mit Aufgeld sind das 916.000 Euro. Das ist dann wohl ein irrer Preis, bedenkt man, dass die Galerie Arnoldi-Livie jüngst auf der Tefaf-Messe ein hochwertiges Wannseegarten-Gemälde um 1 Million Euro und Galerist Karsten Greve dort ein fast genauso großes Staudenbild für 590.000 Euro anbot, das im Übrigen bereits am zweiten Tag verkauft war.

Nach dem abstrakten „Tropfenketten“-Gemälde von Ernst-Wilhelm Nay dürfte das interessanteste und mit 628.000 Euro entsprechend honorierte Stück aber Wilhelm Lehmbrucks Terrakotta „Büste der Knienden (Geneigter Frauenkopf)“ sein. Die 1912 bis 1914 datierte, zu Lebzeiten geformte Skulptur, die sich u.a. in der Sammlung des jüdischen Bankiers Hugo Simon befand, geht nun in den Besitz einer angesehenen deutschen Privatsammlung über (Taxe 250.000 bis 300.000 Euro). Erstaunlich, dass der Katalog angesichts dieser Provenienz, bei der angesichts der Raubkunstdiskussion alle Alarmglocken schrillen, nichts über die zu unterstellende Unbedenklichkeit mitteilt. Erst die Nachfrage ergab, alles sei abgeklärt durch das Art-Loss-Register.

Mag sein, dass sich „die dicken Klopper“ (O-Ton Henrik Hanstein für hochgeschätzte Ausnahmelose) rar machten. „An erstklassiger Kammermusik“ fehlte es jedoch nicht. Gemeint sind Werke von weniger bekannten, meist noch nicht so extrem teuren Künstlern wie Werner Schramm, Jankel Adler oder Walter Grammaté. Franz Seiwerts 1925 datiertes Gemälde „Fabrik und Wohnhäuser am Rhein“ war 2009 und 2014 bei der Düsseldorfer Galerie Remmert & Barth mit 48.000 Euro ausgepreist. Jetzt erzielte es nur 37.200 Euro.

Das eindringliche Porträt des Malers Otto Dix (1933/34) fand sich im Nachlass des Künstlers. Es erzielte 24.800 Euro inklusive Aufgeld (Taxe 8.000 bis 10.000 Euro). Quelle: VG Bild-Kunst/Lempertz
Hugo Erfurth

Das eindringliche Porträt des Malers Otto Dix (1933/34) fand sich im Nachlass des Künstlers. Es erzielte 24.800 Euro inklusive Aufgeld (Taxe 8.000 bis 10.000 Euro).

(Foto: VG Bild-Kunst/Lempertz)

Mehr als verdoppeln konnte sich Oscar Marie Frans Jespers’ zwischen Art Déco und Kubismus changierender Frauenkopf aus weißem Marmor, der 136.400 Euro erlöste. Auch die westfälischen Expressionisten Stenner und Böckstiegel sind vielleicht nicht mehr wohlfeil. Aber wenn schon ein drittklassiger Pechstein 150 000 Euro kostet, dann lohnte der Einsatz allemal. Der Bielefelder Stenner-Sammler Hermann-Josef Bunte jedenfalls musste sich um Stenners Christuskopf mit rückseitigem Damenbildnis gewaltig bemühen; Kostenpunkt: 102.920 Euro. Bei Böckstiegels Frühwerk, einem Dorfgarten in feuerroten Farben, der 89.280 Euro erzielte, musste Bunte allerdings passen, weil ein Telefonbieter und zwei grauhaarige Herren aus Westfalen sich gegenseitig hochsteigerten (Taxe 30.000 bis 40.000 Euro).

Lebhafter umkämpft als die Moderne war die am 2. Juni versteigerte zeitgenössische Kunst, insbesondere die 54 ausgewählten Lose, die mit einer Verkaufsquote von 81 Prozent glänzen konnten. Vorhersehbar waren die Erfolge für Piero Manzonis kalkweißes, quer gefaltetes „Achrome“, das mit 844.000 Euro zum Spitzenlos avancierte, und für die Bleibilder von Günther Förg, dessen Nachlass gerade die Großgalerie Hauser & Wirth übernommen hat. Eher etwas Besonderes ist das Ergebnis für die drei Meter hohe Messing-Zinn-Skulptur „Afrika IV“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, die mit 396.800 Euro ihre obere, schon sehr ehrgeizige Taxe erreichte.

Ohne nennenswerte Höhepunkte verlief die Fotografieauktion am Nachmittag des 1. Juni. „Nicht so aufregend“, konzedierte Lempertz-Chef Henrik Hanstein. Aus der Perspektive der Bieter sah das anders aus. Denn es gab jede Menge Gelegenheit, günstig an sehr gutes Material zu kommen. Führender Fotohandel in Berlin jedenfalls konnte sich über den Zuschlag von Hugo Erfurths brillantem Porträt von Otto Dix freuen, das zudem aus dem Nachlass des Malers stammt. Kostenpunkt: 24.800 Euro (Taxe 8.000 bis 10.000 Euro).

Ein Essener Sammler, der seine Leidenschaft seit 30 Jahren auch als Mitglied des Fotokreises im Museum Folkwang pflegt, bot erfolgreich auf ein Portfolio mit 16 Arbeiten von in Leipzig, Paris und Genf arbeitenden Fotografen, unter ihnen Timm Rautert und Tobias Zielony. 1.860 Euro musste er bezahlen, sehr viel weniger als die Taxe. Außerdem sicherte sich der Rechtsanwalt Leni Riefenstahls Fotobuch „Africa“ für 1.736 Euro oberhalb des Schätzwerts. Nach der Auktion meinte er schmunzelnd: „Das ist eventuell ein bisschen viel.“

Die Lempertz-Auktionen in Zahlen
Auktionen Photographie, Moderne Kunst und zeitgenössische Kunst I und II
Gesamt: 12,8 inkl. Aufgeld (nach Angaben des Hauses)
12,2 Millionen Euro (nach eigenen Berechnungen)

Photographie (1.6.): 0,4 Millionen Euro (nach eigenen Berechnungen)
Losbezogen: 58 Prozent (nach eigenen Berechnungen)
(Schätzpreissumme im Vergleich zur Netto-Zuschlagssumme): ca. 70 Prozent nach Angaben des Hauses

Moderne (1.6.): 5,9 Millionen Euro (nach eigenen Berechnungen)
Losbezogen: 54 Prozent (nach eigenen Berechnungen)
(Schätzpreissumme im Vergleich zur Netto-Zuschlagssumme): ca. 80 Prozent nach Angaben des Hauses

Zeitgenössische Kunst I: 4,1 Millionen Euro (nach eigenen Berechnungen)
Losbezogen: 81 Prozent (nach eigenen Berechnungen)
Zeitgenössische Kunst II: 1,8 Millionen Euro (nach eigenen Berechnungen)
Losbezogen: 65 Prozent (nach eigenen Berechnungen)
(Schätzpreissumme im Vergleich zur Netto-Zuschlagssumme): ca. 115 Prozent nach Angaben des Hauses

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