Ausstellung Die 10. Berlin-Biennale fühlt am Puls globaler zeitgenössischer Kunst

Die 10. Berlin Biennale blickt auf die Zeit des Post-Kolonialismus. Nicht immer gelingt es dabei, gängige Klischees zu umschiffen.
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Das Ölgemälde „Admiring Elaine Sturtevant, the razzle-dazzle of thinking“ (2015) thematisiert die eurozentrische Formensprache. Quelle: Lydia Hamann & Kaj Osteroth, Foto: Smina Bluth
Lydia Hamann & Kaj Osteroth

Das Ölgemälde „Admiring Elaine Sturtevant, the razzle-dazzle of thinking“ (2015) thematisiert die eurozentrische Formensprache.

(Foto: Lydia Hamann & Kaj Osteroth, Foto: Smina Bluth)

BerlinVor der Akademie der Künste im Berliner Hansaviertel ist eine fragmentarische Kopie des Potsdamer Schlosses Sanssouci aufgebaut, dessen Rückseite Ornamente eines zur Ruine gewordenen Palasts gleichen Namens zieren. Ein haitianischer König hatte ihn 1810 im Norden seines Landes errichten lassen.

In der Akademie hängen Gemälde und Zeichnungen, in denen ein brennender General Truppen befehligt, üppige Vegetation auf alten Landkarten wuchert, Bäume marschieren und Rauchschwaden aufsteigen. Diese Werke der dominikanischen Künstlerin Firelei Baez machen die vergessene Geschichte Haitis im Kampf gegen die Franzosen sichtbar.

Nicht alle Arbeiten dieser 10. Berlin Biennale zeitgenössischer Kunst sind so herausragend, poetisch und kritisch zugleich. Doch insgesamt hält sich das Gesamtniveau dieser Schau auf der Höhe ihrer Vorgängerin von 2016. Dabei erweist sich die Neuausgabe als wohltuend autark: Nur acht Galerien treten als Repräsentanten hier ausgestellter Künstler im Katalog in Erscheinung.

„We Don’t Need Another Hero“ – dieser Song von Tina Turner liefert das Motto der Jubiläums-Biennale. Verantwortet wird sie von der südafrikanischen Kuratorin Gabi Ngcobo und ihrem vierköpfigen Team aus Berlin, Brasilien, New York und Uganda.

Als „globales Event“ bezeichnet sie Klaus Biesenbach, der vor 20 Jahren die erste dieser an verschiedenen Schauplätzen der Stadt realisierten Ausstellungen ins Leben gerufen hat. Die 10. Ausgabe ist nach Aussage ihrer Macher eine „Spekulation darüber, wie global ausgerichtete zeitgenössische Kunstausstellungen in den nächsten zehn Jahren aussehen könnten“. Doch Ngcobo und ihr Team sehen sich auch nicht in der Rolle dekolonialer Heilsbringer.

Die Ausstellung selbst ist weder Teil einer weltumspannenden Eventkultur noch Plädoyer für ein Heldentum zweifelhafter Prägung, das sich im Zeitalter des Postkolonialismus als höchst fragwürdig erweist. Statt über hundert Künstlerhaltungen aufzureihen, wie es andere Überblicksschauen gern tun, beschränken sich die Organisatoren auf 46 Künstlerinnen und Künstler, die sich an vier Ausstellungsorten und mit Performances im Theater „Hau Hebbel am Ufer“ präsentieren. Einige sind zu Arbeitsaufenthalten nach Berlin gekommen, andere haben in verschiedenen Residenzen der Welt für diese Schau gearbeitet.

Installationsansicht des Triptychons "Hapana Chitsva" (2018). Gemalt wurde mit ölbasierter Druckfarbe und Ölkreide auf Leinwand. Quelle: Portia Zvavahera; Stevenson, Cape Town/Johannesburg, Foto: Timo Ohler
Portia Zvavahera

Installationsansicht des Triptychons "Hapana Chitsva" (2018). Gemalt wurde mit ölbasierter Druckfarbe und Ölkreide auf Leinwand.

(Foto: Portia Zvavahera; Stevenson, Cape Town/Johannesburg, Foto: Timo Ohler)

Die Stärke dieser Berlin Biennale: Viele Arbeiten richten den Blick auf historische Prozesse, die noch immer relevant für die Betroffenen sind; andere zeichnen ein mehr oder weniger intimes Bild der eigenen soziokulturellen Position, wieder andere sind Ausdruck politischer Tatbestände, die vom Betrachter eine differenzierte Sicht verlangen.

Als Ahnin weiblicher Spurensuche, die sich gegenüber dem Patriarchat behauptet, fungiert die 1985 verstorbene Kubanerin Ana Mendieta. Ihre zarten Abdrucke und organischen Zeichnungen sind puristische Zeugnisse einer weiblichen Natur-Einfühlung. Im Berliner Martin-Gropius-Bau kann man zurzeit auch ihre berührenden Videoarbeiten sehen.

Am schwächsten sind die Beiträge, die sich im Genre realistischer Malerei bewegen. Etwa die Bilder von Lydia Hamann und Kaj Osteroth, die sich illustrativ mit geschlechtlichen Identitäten befassen oder in abstrakten und geometrischen Formen schwelgen. Hier wirkt trotz der jeweiligen Bekundung, Gefühle, Macht, Gewalt, Ökonomie oder Naturkräfte zu thematisieren, die eurozentristische Formensprache als nivellierende Kraft.

Das 2018 gedrehte Video stellt Bürgern Fragen zu Justiz und Selbstjustiz. Thema sind die Misshandlungen und Tötungen von Flüchtlingen. Quelle: Courtesy Mario Pfeifer; KOW, Berlin, © 2018 VG Bild-Kunst, Bonn
Mario Pfeifer „Again/Noch einmal“

Das 2018 gedrehte Video stellt Bürgern Fragen zu Justiz und Selbstjustiz. Thema sind die Misshandlungen und Tötungen von Flüchtlingen.

(Foto: Courtesy Mario Pfeifer; KOW, Berlin, © 2018 VG Bild-Kunst, Bonn)

Doch auch im Genre der Malerei und Zeichnung gibt es starke Einzelpositionen, die herausstechen. Die aus Zimbabwe stammende Portia Zvavahera ist im KW Institute for Contemporary Art mit einem Triptychon vertreten, das in einem von Spitzenschleiern und fließenden Farben geprägten Malstil von Schutz und Selbsterhaltung der bedrängten Frau erzählt. Narrative Momente weiblicher Fragilität arbeitet die Haitianerin Tessa Mars in eine Serie ausgeschnittener und kompletter Zeichnungen ein, die im Zentrum für Kunst und Urbanistik mehrere Räume verbinden.

Mehr ausladend als bezwingend gibt sich hingegen die Großinstallation der Südafrikanerin Dineo Seshee Bopape im Untergeschoss des KW Instituts: eine Akkumulation von Eimern, zerstörten Backsteinen und einem Video von Nina Simones Song „Feelings“. Hier sollen mit Bezug auf einen Roman der Südafrikanerin Bessie Head Labilität und Verfolgungswahn im kolonialen Machtgefüge Denkgestalt gewinnen. Doch das Ensemble wirkt eher wie ein Abgesang auf die Arte Povera im Stil des Brutalismus.

Bilder vom Missbrauch

Um wie viel eindringlicher ist da ein Ensemble von handlichen Folterelementen auf Servierwagen, ein Environment der Hamburgerin Julia Phillips, die den Missbrauch des weiblichen Körpers und medizinische Gewalt verkörpern. Gerahmt von Offsetdrucken zerrissener Strumpfhosen bietet sich hier den Betrachtern beider Geschlechter ein subtiles Horrorkabinett der Verletzlichkeit und Verwundbarkeit. Phillips’ Werke sind wesentlich feinfühliger als die der in Galerien und Museen angesagten Monica Bonvicini, die mehr das plakative Genre pflegt.

Dass in der 10. Biennale auch eminent politische Statements zur Überprüfung der eigenen Haltung geliefert werden, zeigt sich an einer Auftragsarbeit des in Berlin und New York arbeitenden Videokünstlers Mario Pfeifer. Im April 2016 prügelten und fesselten vier Männer einen Migranten, der im sächsischen Arnsdorf in einem Supermarkt vor der Kassiererin ebenso penetrant wie unbeholfen auf einer Telefonkarte beharrt hatte.

Ein Kunde filmte die Szene und stellte sie ins Netz. Die vier Männer wurden angeklagt, aber als Beschützer des Supermarkts freigesprochen. Wenig später wurde im Sachsenwald die Leiche des gequälten Mannes aufgefunden, der Epileptiker war. Der Iraker war nach Deutschland gekommen, um Heilung zu suchen.

Pfeifers Video stellt Fragen zu Justiz und Selbstjustiz an elf ausgewählte Bürgerinnen und Bürger, die einst selbst ihre Heimat verlassen haben. „Wie hätten Sie entschieden?“ „Wäre das mit einem Deutschen passiert?“ „Warum wurde der Prozess gegen die Gewalttäter eingestellt?“ Die gefilmten Antworten in der Fall-Rekonstruktion rufen unser eigenes Mitgefühl und Urteil wach.

Reden von Diktatoren und Politikern aus aller Welt von Mussolini bis Erdogan hat die Ägypterin Heba Y. Amin auf einem großen Video-Bildteppich zusammengefügt. Hier kommen die Redner abwechselnd zu Wort. In der Mitte thront sie selbst als größenwahnsinnige Inspiratorin eines neuen Superkontinents, der sich aus Geldern der fusionierten Länder speist und in dem sich alle politischen Konflikte und Migrationsängste wie von selbst auflösen.

Dieser Entwurf setzt einen globalen Willen voraus, der sich angesichts neuer nationalstaatlicher Egoismen schon im Denkansatz als utopisch erweist. Aber die Kunst darf ja auch fromme Wünsche äußern, vor allem dann, wenn sie als Fiktion von Anfang an erkennbar sind.

10. Berlin Biennale: Kuratiert von Gabi Ngcobo und Nomaduma Rosa Masilela, Serubiri Moses, Thiago de Paula Souza und Yvette Mutumba. Bis 9. September in der Akademie der Künste im Hanseatenweg, im KW Institute for Contemporary Art, im Volksbühne Pavillon, im ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit. Katalog 25 Euro, Kurzführer 5 Euro.

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